Mike

„Ein Klima der Lebensfreude”

So bildet die Stadt München ihre Lehrer in Sachen LGBTI fort

Michael Schönlein (38) unterrichtet als Lehrer an einer Städtischen Berufsschule in München Wirtschafts- und Rechtslehre und wirkt seit 2012 in der Lehrerausbildung als Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Berufsschule besuchen ca. 1.700 Schüler, die meisten von ihnen im Alter von 16 bis 22 Jahren. Im Juni nahm Michael an einer Fortbildungsveranstaltung des Pädagogischen Instituts München zum Thema „Genderkompetenz im Führungshandeln“ teil (in Bayern hat sich eine Elterninitiative gegründet, die gegen die Neufassung der schulischen Richtlinien für Familien- und Sexualerziehung aktiv werden will – MÄNNER-Archiv.) Über seine Eindrücke sprach er mit Thomas Petersen.

 

Wie war Deine Zeit als Schüler in Bayern?

Meine Schulzeit war in dieser Hinsicht durchaus prägend für mein heutiges Engagement. Es schien in den 80ern völlig normal zu sein, dass man auf den Schultoiletten Sprüche fand wie: Herr XXX ist eine schwule Sau! Niemand ist dagegen vorgegangen, weder der betreffende Lehrer selbst, noch die Schule an sich. Das vor Augen, wusste ich nicht, ob es wirklich richtig wäre, mich an meine Lehrer zu wenden, als mir klar wurde, dass ich schwul bin. Als  ich mich dann doch meiner Biologielehrerin anvertraute  – der Klassiker –  war ihr Kommentar: Du musst aufpassen, dass du nicht von älteren Männern vergewaltig wirst. Sehr ermutigend für einen 16-jährigen, der auf der Suche nach ersten sexuellen gleichgeschlechtlichen Erfahrungen ist. Erst später habe ich dann andere schwule Schüler kennengelernt und wir haben uns sozusagen gemeinsam auf den Weg gemacht. Unterstützung seitens der Lehrer gab es nicht.

Wie sind Deine Erfahrungen in der Schule heute?

Heute lebe ich als Lehrer offen schwul, meine Schüler und Schülerinnen sowie das Kollegium wissen bescheid und ich habe das Gefühl unabhängig von meiner sexuellen Orientierung akzeptiert zu sein. Beim diesjährigen CSD sind sogar schwule Lehrer mit einer eigenen Gruppe zusammen mit einer Gay-Straight-Alliance bestehend aus homo- und heterosexuellen Lehrern mit ihren Schülern und unserem Arbeitgeber – vertreten durch das Pädagogische Institut der Landeshauptstadt München mitgelaufen.

Dennoch ist das Coming-out ein fortwährender Prozess und hört eigentlich nie auf. Zu jeder Zeit musst du dich deiner Umwelt gegenüber immer wieder neu positionieren – sei es wenn neue Schulklassen kommen oder eben auf solchen Fortbildungen, in denen sich deine heterosexuellen Kollegen selbstverständlich als verheiratet mit zwei Kindern vorstellen und du kurz überlegst, ob du nun auch aufstehst und sagst: „Ich heiße Michael, bin verpartnert und auf dem Weg ein Pflegekind in meine Regenbogenfamilie aufzunehmen.“

Auf wessen Initiative kam die Fortbildung zustande?

Die Stadt München leistet sich ein eigenes Pädagogisches Institut mit einer Vielzahl von Fortbildungsmöglichkeiten. Bestimmte Lehrgänge bilden die Grundlage für Beförderungen und Weiterentwicklung. So auch die Fortbildung zum Thema „Genderkompetenz im Führungshandeln“, die ich im Juni besucht habe. Die Stadt München ist in dieser Hinsicht ein sehr progressiver Arbeitgeber. Es herrscht ein offenes Klima, in dem ich mich als schwuler Lehrer wohlfühle. Festgelegt sind die gesellschaftspolitischen Ziele in den „Richtlinien für die Sexualerziehung in Bayern“. (In Kalifornien lernen Schüler jetzt verpflichtend LGBTI-Geschichte in der Schule – MÄNNER-Archiv.)

Worum ging es in der Fortbildung?

Sie dauerte drei Tage und wurde von zwei Referenten des Pädagogischen Instituts, einem Lehrer und einer Psychologin, geleitet. 12 Lehrerinnen und Lehrer haben teilgenommen. Sie kamen von Realschulen, Gymnasien und Berufsschulen. Alle sind angehende Führungskräfte. Das Thema war weit gefasst und behandelte selbstverständlich auch Fragen zur Gleichstellung von Frauen und Männern, zu systematischen Benachteiligungen oder zu Teilzeitaspekten. Das LGBTI-Thema war gut integriert und wurde komplex behandelt.

Vielfalt

Netzwerk der schwulen Lehrer: www.schwulelehrer-bayern.de

Hier ging es vor allem darum, Unsicherheiten und Ängste bei den Lehrern im Umgang mit gleichgeschlechtlich orientierten oder transidenten Jugendlichen abzubauen. Bei einem Outing eines Jugendlichen muss nicht automatisch und zwangsläufig ein Krisenteam aus Schulleitung, Schulsozialarbeit und Schulpsychologen zusammenfinden. Es geht es eher darum Lehrkräfte in die Lage zu versetzen, ein Klima der Vielfalt und Lebensfreude bei den Schülerinnen und Schülern zu erzeugen um damit Diskriminierung gegenüber sexueller Orientierung an Schulen vorzubeugen.

Was nimmst Du für Dich persönlich aus der Fortbildung mit?

Dass blinde Flecken aufgedeckt wurden – bei mir und den anderen Teilnehmern. Wir haben gemeinsam erarbeitet, wie dieses Thema in den Unterricht getragen werden kann. Es geht ja nicht darum, im Unterricht zu erklären, wie schwuler Sex funktioniert. Es geht darum, eine offene Atmosphäre zum Thema LGBTI zu schaffen und dafür zu sorgen, dass alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer sexuellen Identität und Orientierung im Unterricht gleichberechtigt sichtbar werden. Anstelle eigener Unterrichtseinheiten zum Thema „Homosexualität“ sollte einfach die Vielfalt der Lebensweisen fächerübergreifend in den Unterricht eingebaut werden. Warum nicht im Deutschunterricht solche Literatur auswählen, die zwei schwule Männer als Protagonisten handeln lässt oder mal statt kurz vor den Sommerferien zum x-ten Mal „Hangover” Teil I bis X zu schauen, einen Film wie „Sommersturm“ oder ähnliches.

Wenn ich ein schwules Kind bekomme, dann werde ich es töten

Selbst in so vermeintlich trockenen Fächern wie Wirtschafts- und Steuerlehre ginge das erstaunlich leicht. So nehme ich schon mal im Einkommensteuerrecht gerne das Beispiel von zwei verpartnerten Männern und bespreche mit der Klasse, was das zum Beispiel für deren jeweilige Steuerklasse bedeutet. Ganz pragmatisch also und das Beispiel bringt die Diskussion über Gender und gesellschaftliche Rollenverständnisse in der Klasse regelmäßig heftig in Schwung.

Was wünschst Du Dir bezüglich LGBTI für die Schule in der Zukunft?

Ich hatte ein Schlüsselerlebnis mit einer sehr heterogenen Flüchtlingsklasse. Eine junge Afrikanerin sagte im Unterricht: „Wenn ich ein schwules Kind haben werde, Herr Schönlein, dann werde ich es töten.“ Zu der Zeit lief in München das Musical „La Cage aux Folles“ im Gärtnerplatztheater. Ich machte ein Projekt daraus und wir studierten mit der Klasse eine Sequenz des Titels „Ich bin, was ich bin“ ein. Mit Choreographie und allem Drum und Dran. Anschließend gingen wir in eine Vorstellung und durften in der Pause auch hinter die Bühne. Die Reaktionen der Schüler waren großartig. „Das sind ja alles Männer!“ Die Stimmung hatte sich gedreht. Einer der Schüler aus Rumänien outete sich später in der Klasse.

Nicht alle sind in Deutschland davon überzeugt, dass das Thema Vielfalt in den Unterricht gehört.

Ich wünsche mir, dass so genannte „Besorgte Eltern“, verstehen, dass die Vermittlung der Vielfalt der Lebensweisen im Unterricht ihre Kinder eben nicht sexualisiert, sondern Mobbing und Diskriminierung auf Schulhöfen und in Klassenzimmern vorbeugt. „Schwule Sau“ oder „Schwuchtel“ sind noch heute, die am häufigsten verwendeten Schimpfwörter auf Schulplätzen. Die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen ist fünf- bis sieben Mal so hoch wie unter heterosexuellen Jugendlichen. Lehrer und Lehrerinnen haben daher die Pflicht einzuschreiten, hinzuschauen und die Akzeptanz vielfältiger Lebensweisen vorbildhaft zu leben.

In den Berliner Leitlinien zur Sexualerziehung heißt es: „Offen homosexuell lebende Lehrkräfte und deren Akzeptanz im Kollegium tragen zu einer schulischen Atmosphäre bei, die die sexuelle Identitätsentwicklung von Schülerinnen und Schülern erleichtert.“ Dem stimme ich voll zu und sehe schwule und lesbische Lehrer und Lehrerinnen da auch in einer Schlüsselposition. Sie können Ansprechpartner sein, Projektideen einbringen oder durch einen autobiografischen Ansatz ein hohes Maß an Akzeptanz in der Schulfamilie erzeugen.

Können heterosexuelle Lehrer auch dazu beitragen?

Es ist wichtig, dass LGBTI-Lehrkräfte nicht automatisch und allein für das Thema verantwortlich sind. Vielmehr ist die ganze Schulfamilie gefragt im Sinne einer Gay-Straight-Alliance sowohl LGBTI-Schüler in einem heteronormativ geprägten Schulumfeld ihre Identitätsentwicklung leichter zu machen und heterosexuellen Schülern die lebensbejahende Vielfalt der Lebensweisen aufzuzeigen.

Wenn wir damit in den Schulen zu einem Klima der Akzeptanz von Vielfalt beitragen und meine Schüler und Schülerinnen  – wenn ihnen dieses Thema in ihrem zukünftigen Leben irgendwann in ihrem Leben in welcher Form auch immer wieder begegnet – dann souverän und offen damit umgehen können, leiste ich hierzu gerne meinen Beitrag und gehe auch weiterhin gerne in die Schule! “

Titelbild: Andreas Knauer


1 Kommentar

  1. Bernhard Kreiner

    die werden von bravo lesen schwul achso sorry doch von der mutter natur darwins effekt manche haben eben vergessen das wir mal menschenaffen waren und viele tierische vorfahren haben


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