140114 TUNIS Jan 14 2014 Xinhua Tunisian people take part in a rally marking the third

„Zutritt für Homosexuelle verboten“

Bedroht und beleidigt: Tunesischer Aktivist versuchte sich das Leben zu nehmen

von Thomas Petersen

Ahmed Ben Amor ist stellvertretender Vorsitzender der tunesischen LGBTI-Bewegung SHAMS. Am vergangenen Samstag hat er versucht, sich mit einer Überdosis verschreibungspflichtiger Tabletten das Leben zu nehmen. SHAMS hat in einer Verlautbarung erklärt, dass Ahmed als Gast in der populären tunesischen Talkshow „Kalam Ennas“ massiv von den Moderatoren und den anderen Gästen wegen seines Schwulseins und seiner Ziele angegriffen wurde. Unter den Gästen waren der Musiker Walid Ettounsi, ein Imam und zwei tunesische Schauspieler. Nach der Sendung sah sich Ahmed vermehrt heftigen Beleidigungen, bis hin zu Todesdrohungen ausgesetzt – und das in einem Land, das die CDU zum sicheren Herkunftsland machen will (MÄNNER-Archiv).

Ich kann mich jetzt nicht mehr frei auf der Straße bewegen. Ich fühle mich ernsthaft bedroht

Tunesien

Ahmed Ben Amor (Foto: privat)

In einem Interview, das er der linken Wochenzeitung jungle-world gegeben hat beschrieb er das so: „Ich habe sofort Drohungen erhalten. Ich kann mich jetzt nicht mehr frei auf der Straße bewegen. Ich fühle mich ernsthaft bedroht. Mitarbeiter des Innenministeriums haben mir bestätigt, dass ich auf einer Liste zu finden bin, die alle mit dem Tode bedrohten Tunesier erfasst. Sie haben auch gesagt, dass sie mir keinen Polizeischutz zur Verfügung stellen werden. Außerdem findet gerade in den Sozialen Medien eine Kampagne statt, die Homophobie propagiert. Etwa zehn Geschäfte und Restaurants in Tunis haben sich einen Zettel in die Fenster gehängt, auf dem „Zutritt für Homosexuelle verboten“ zu lesen ist. Selbst ein Taxifahrer hat sich einen dieser Sticker an die Rückscheibe seines Taxis geklebt. Auf Facebook gab es einige Aufrufe zur Gewalt gegen mich. Und der Staat schweigt dazu.“

Hamed Sinno startet Twitter-Kampagne

Am Samstag nun war das offensichtlich zu viel für den jungen Aktivisten. Als er um 10 Uhr vormittags gefunden wurde, war er bereits bewusstlos und wurde in ein Krankenhaus in Tunis gebracht. Als sein Selbstmordversuch bekannt wurde, hat der libanesische Rockstar – unser Juli-Coverboy – Hamed Sinno von der Band Mashrou‘ Leila (MÄNNER-Archiv) sofort eine Twitter-Kampagne gestartet. Unter dem Hastag #WeLoveYouAhmed brandet zurzeit eine Welle der Unterstützung für Ahmed und SHAMS auf. Aber es entlädt sich auch Wut gegen die tunesische Regierung.

2 von 3 Tunesiern begrüßen Verfolgung schwuler Männer

Die Arbeit von SHAMS richtet sich in erster Linie gegen Artikel 230, der bis zu 3 Jahren Haft für sexuelle Handlungen Erwachsener Männer trotz gegenseitigem Einverständnis vorsieht Oft wird zusätzlich auch noch das Gesetz gegen „sittenwidrige Ausschreitungen“ angewendet. In einer Umfrage von ELKA Consulting halten 64,5% der Tunesier den Artikel 230 für richtig – lediglich 10,9 % lehnen ihn ab.

Er ist ein wirklich toller Kerl. Gut, dass er da ist

Ahmed wachte nach 19 Stunden im Koma auf und befindet sich auf dem Weg der Besserung. Conor McCormick, ein enger Freund von ihm teilte mit, dass seine Eltern, die den Kontakt zu ihm abgebrochen hatten, ihn mittlerweile im Krankenhaus besucht haben. Außerdem sagt er: Trotz dieses Hasses kann Ahmed immer Trost in dem Wissen finden, dass er Legionen von Fans auf seiner Seite hat. Der Kampf für LGBTI-Rechte in Tunesien ist lang und beschwerlich und wäre ohne ihn nie so weit fortgeschritten. Außerdem ist er ein wirklich toller Kerl. Gut, dass er da ist.“

Für Yadh Krendel, dem Vorsitzenden von SHAMS bedeutet dieser Vorfall, dass der Kampf gegen „Dummheit, Hass und Dunkelheit“ nun umso verstärkter geführt wird. SHAMS bedeutet im Tunesischen Sonne!

Titelbild: Imago (Unser Foto entstand bei einer Demonstration in Tunis Anfang 2014)

 


1 Kommentar

  1. Frank Metzger

    Ich denke, der Fairness halber sollte man zur Kenntnis nehmen, dass es der CDU sicher nicht darum geht, verfolgten Schwulen die Aufnahme zu erschweren, sondern denjenigen, die sie in ihrer Heimat diskriminieren, quälen und umbringen. Und die auch hier in Deutschland ihre Mentalität nicht ablegen, sondern sich weiter so verhalten wie zu Hause. Also muss sorgfältig geprüft werden, wen wir mit welcher Gesinnung ins Land lassen…

    Wenn sich die Homosexuellenverbände als eigenständige Bewegung und nicht nur als Anhängsel der Grünen betrachten, werden sie mit Regierungspolitikern das Gespräch suchen, um Wege zu finden, um Menschen wie in dem Bericht zu helfen, ohne sie der Gefahr auszusetzen, im Flüchtlingsheim wieder ihren ehemaligen Peinigern zu begegnen…


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