Maracana Stadium

Runde Sache für queere Athleten?

Ist es naiv, davon zu träumen, die Olympischen Spiele in Rio könnten die „LGBTI-inklusivsten aller Zeiten“ werden? Ja.

Wenn heute Abend bei der olympischen Eröffnungszeremonie über zehntausend Athleten aus 206 Ländern im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro (Foto oben) einlaufen, werden die Negativschlagzeilen für ein paar Stunden ausbleiben. Wenn es gut läuft, bleibt das sogar so bis zur Abschlussfeier am 21. August. Dann kann sich die Welt ein paar Wochen am Nachglühen der Olympia-Euphorie wärmen, während Brasilien selbst Bilanz zieht. Eine Bilanz, die nach außen natürlich erst mal positiv ausfallen wird, auch wenn sich Experten jetzt schon sicher sind, dass das mitten in einer Regierungs- und Wirtschaftskrise steckende Land von Olympia ebenso wenig profitieren wird wie von der Fußball-WM vor zwei Jahren.

Die Gleichstellung der Ehe fand hier bereits 2013 statt, Sao Paolo kann sich mit dem größten CSD der Welt brüsten

Aber kommen wir mal zu den positiven Seiten, von denen das Land am Zuckerhut aus schwuler Sicht eigentlich eine Menge zu bieten hat. Die Gleichstellung der Ehe fand hier bereits 2013 statt, Sao Paolo kann sich mit dem größten CSD der Welt brüsten (über 4 Millionen Besucher jährlich), der schwule Ipanema-Beach in Rio ist eine Legende, und während der Olympiawochen trumpft man sogar mit einem „Pride House“ auf. Letzteres ist vom Konzept her nicht neu (auch die Winterspiele in Whistler 2010 und London  2012 hatten Pride-Häuser), aber es soll diesmal alles größer, schöner und engagierter werden. Nicht umsonst lautet der erste Punkt auf einer „10 Ziele“-Liste der Organisatoren: „Sicherstellen, dass die Olympischen und Paralympischen Spiele RIO 2016 das LGBTI-inklusivste Mainstream-Multisport-Event aller Zeiten werden.“ Es folgen weitere Punkte wie „Aufmerksamkeit für Homophobie im lokalen und internationalen Sport schaffen“, das „Feiern und Ehren“ queerer Sportler und „einen sicheren Raum für Teilnehmer der Spiele und LGBTI-Events schaffen“.

In den letzten viereinhalb Jahren sind 1.600 Menschen in Brasilien homophoben Hassverbrechen zum Opfer gefallen. Das macht einen Mord pro Tag.

Beim letzten Aspekt legen Kritiker der Spiele zweifelnd die Stirn in Falten. Denn auch wenn es begrüßenswert ist, dass ein großzügiger Raum für queere Sportler und ihre Feierlichkeiten geschaffen wird, ist diese Maßnahme kaum als reiner Selbstzweck zu interpretieren. Denn der fortschrittlichen Gesetzgebung steht eine knallharte Kriminalitätsstatistik entgegen: In den letzten viereinhalb Jahren sind 1.600 Menschen in Brasilien homophoben Hassverbrechen zum Opfer gefallen. Das macht einen Mord pro Tag. Immer wieder werden verstümmelte Leichen aufgefunden oder abgetrennte Körperteile am Strand angespült – zuletzt Anfang Juni dort, wo zu Olympia die Beachvolleyballer spielen werden.
Die Polizei hat scheinbar nie eine Spur. Wer die Brasilien-Episode von Ellen Pages „Gaycation“-Serie gesehen hat, weiß auch warum. Dort treffen Page und ihr Freund Ian Daniel einen homophoben Cop, der offen zugibt, dass er sich um schwule Schweine „kümmert“, sie also auch selbst tötet. Unter solchen Voraussetzungen scheint ein „sicherer Raum“ nicht nur wünschenswert, sondern bitter nötig.

Mehr dazu in unserer aktuellen Ausgabe.

Bild: iStock


1 Kommentar


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close