jürgen wittdorf

Die roten Huren: Sex in der DDR (1)

Ausstellung über den Bühnenbildner Peter Kothe beleuchtet vergessene Schwulenszene zwischen Ost- und West-Berlin vorm Mauerbau 1961

Wer zum Teufel ist Peter Kothe, und was bitteschön ist ein „ostwestdeutsches Leben“? Diese Frage stellte ich mir, als ich erstmals von der neuen Ausstellung im Schwulen Museum* hörte. Auf dem Schwarzweißfotos auf der Einladungskarte sieht man zwei ältere Herren in großer Tuntenaufmachung, was zugegebenermaßen toll aussieht. Aber worum geht’s: Golden Boys in Drag?

Peter Kothe mit Freund Klaus in großer Drag-Aufmachung, 2002 im Luftschloß , fotografiert von Annette Frick. (Foto von der Ausstellung: Robert M Berlin)

Peter Kothe mit Freund Klaus in großer Drag-Aufmachung, 2002 im Luftschloß , fotografiert von Annette Frick. (Foto von der Ausstellung: Robert M Berlin)

Umso größer war meine Überraschung, als sich dann herausstellte, dass es einerseits eine umfangreiche theatergeschichtliche Ausstellung geworden ist, mit hunderten von Bühnenbild- und -kostümentwürfen aus der Sammlung der Stiftung Stadtmuseum. Und dass die Ausstellung andererseits ein bemerkenswertes Schlaglicht auf schwules Leben in Ost- und West-Berlin vorm Mauerbau wirft, auf eine Situation, die mir so aus den bisherigen DDR-Dokus – die sich meist mit den 70er und 80er Jahren beschäftigen – nicht vertraut war.

Bühnenbildentwürfe von Peter Kothe fürs Theater in Wittenberg. (Foto: Robert M Berlin)

Bühnenbildentwürfe von Peter Kothe fürs Theater in Wittenberg. (Foto: Robert M Berlin)

Sein Liebhaber war ein Ost-Industrieller namens Gerhard Thie-Busch, der Bienenzuchtprodukte herstellte und Kothe nackt fotografierte.

Doch der Reihe nach. So unbekannt und vielleicht auch unbedeutend Peter Kothes Leben in künstlerischer Hinsicht war, so exemplarisch ist es als Stellvertreter einer schwulen „Jedermann-Biografie“, die an Aspekte erinnert, die in der derzeitigen Fokussierung auf die 1950er Jahre im Westen rund um Paragraf 175 übersehen werden und auch in den bisherigen DDR-Aufarbeitung kaum erwähnt wurden. Der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Potsdam geborene Kothe entwickelte sich in den 50er Jahren zu einem knackigen Jüngling. In der jungen DDR ließ er sich 1958 von seinem Liebhaber Gerhard Thie-Busch – ein Ost-Industrieller, der Produkte für die Bienenzucht herstellte! – nackt fotografieren und stürzte sich mit diesen Referenzaufnahmen ins Nachtleben zwischen Ost- und West-Berlin.

Peter Kothe Ende der 1950er Jahre nackt, in allen möglichen Posen. (Foto: Robert M Berlin)

Peter Kothe Ende der 1950er Jahre nackt, in allen möglichen Posen. (Foto: Robert M Berlin)

Damals gab’s ja noch keine Mauer, und umtriebige Männer konnten im West-Teil ausgehen. Das tat Kothe ausgiebig, zum Beispiel im Studio 56. Im Westen traf Kothe den Fotografen Herbert Tobias, der ihn öfter ablichtete: privat, aber auch professionell. Beispielsweise landete Kothe so 1960 auf dem Cover der Polydor-Platte von „Zacharias & His Magic Violins“, zusammen mit Julia Boutjes von Beck – beide ganz in Rot getaucht. Das ist besonders amüsant, weil der umtriebige Kothe von seinen Westfreunden gern als „Die rote Hure“ bezeichnet wurde. Ein Prädikat, das mitten im Kalten Krieg aus dem Mund von Westlern durchaus zwiespältig klingt, aber anscheinend positiv gemeint war. Politisch korrekt, im heutigen Sinn, war es eindeutig nicht.

In der Hautklinik der Charité

Kothe blieb im Osten wohnen und wurde, wie alle anderen auch, 1961 vom Mauerbau überrascht. Er musste sich sein Leben innerhalb der DDR-Grenzen neu einrichten, auch sein schwules Leben. Man sieht in der Ausstellung viele Underground-Partybilder, auf denen Kothe und Freunde in großer Drag-Aufmachung zu sehen sind. Wie viele Bekannte bestätigten, war Kothe regelmäßiger Gast in der Hautklinik der Charité, wo er wegen Syphilis und anderen Geschlechtskrankheiten behandelt wurde. Er ließ sich davon nicht die Partylaune verderben.

Peter Kothe, Berlin 24. Februar 1968 Foto: Schwules Museum* / Nachlaß Kothe

Peter Kothe, Berlin 24. Februar 1968. (Foto: Schwules Museum* / Nachlass Kothe)

Und die Partystimmung verstellte auch nicht den Blick auf die politische Lage. Auf einer handschriftlichen Einladungskarte zu einer queeren „Mitgliederveranstaltung“ in Karlshorst vom 24. Februar 1968 wird als Punkt 2 aufgeführt „Fasching und neues Strafgesetz“. Das betraf die Diskussion um den § 175, der im Osten tatsächlich zwei Wochen später abgeschafft wurde und sich danach als § 151 nur noch auf Sex mit Minderjährigen bezog. In der BRD wurde der Paragraf bekanntlich erst 1994 vollständig gestrichen unter Helmut Kohl und der CDU. Was eine kaum zu überbietende Ironie der Geschichte ist (MÄNNER-Archiv).

Diverse Auszeichnungen für den "Bestarbeiter" Peter Kothe. (Foto: Robert M Berlin)

Diverse Auszeichnungen für den „Bestarbeiter” Peter Kothe. (Foto: Robert M Berlin)

Karriere beim DDR-Fernsehen

Kothe versuchte neben Feiern und Sexkapaden seine Karriere zu starten. Er arbeitete als Ausstatter beim DDR-Fernsehen, wurde vielfach als „Bestarbeiter“ ausgezeichnet, war in der Gewerkschaft, klebte ordentlich Marken, heiratete, zeugte ein Kind, gestaltete Kinderbücher wie „Micha und Mischka”, bemühte sich nach außen ein gutes „sozialistisches“ Leben zu führen.

Von Peter Kothe gestaltete Kinderbücher. (Foto: Robert M Berlin)

Von Peter Kothe gestaltete Kinderbücher. (Foto: Robert M Berlin)

Und er machte Karriere bei den staatlichen Sendeanstalten. 1976 durfte er sogar als ziemlich sexy Model in der Zeitschrift „Sibylle“ für eine Modestrecke posieren – mit blondem Schnauzer und Trenchcoat. Bis er es 1976 nicht mehr aushielt: er wollte reisen und raus in die Welt, die er vor 1961 kennengelernt hatte, raus aus der „Republik des schlechten Geschmacks“, wie Jonathan Franzen die DDR in seinem letzten Roman „Purity“ ironisch beschreibt. Also stellte Kothe einen ziemlich frech formulierten Reiseantrag. Der wurde abgelehnt, er verlor seine Stelle beim Fernsehen und wurde als Bühnenbildner in die Provinz verbannt.

Die DDR als „Republik des schlechten Geschmacks” zeigte in der Zeitschrift „Sibylle” Kothe als Männermodemodel mit Trenchcoat und Schnauzer.

Die "Sibylle"-Modestrecke von 1976 mit Peter Kothe. (Foto: Robert M Berlin)

Die „Sibylle”-Modestrecke von 1976 mit Peter Kothe. (Foto: Robert M Berlin)

Das ist nun der zweite spannende Aspekt der Ausstellung im Schwulen Museum*: hunderte von Bühnenbildern, die Kothe in den späten 70er Jahren schuf für Theater in Greifswald, Bautzen, Wittenberg, Frankfurt/Oder. Nein, das sind alles keine Produktionen von überregionaler Bedeutung, aber sie dokumentieren, was damals im Osten an Mini-Theatern alles lief. Heute sind viele dieser Bühnen geschlossen, abgewickelt nach der Wiedervereinigung, damals waren es Dreispartentheater mit Oper, Schauspiel und Ballett. Und man spielte dort andere Sachen als im Westen. Zum Beispiel die Sex-Farce „Lysistrata“ von Paul Lincke als Anti-Kriegsstück; oder die „Weiberkömodie“ von Heiner Müller, wo sich ein Bauarbeiterkollektiv als Frauen verkleiden muss – was sie in Kothes Ausstattung tun, indem sich einer der Bauarbeiter ausgerechnet als Angela Davis kostümiert, die lesbische Black-Panther-Aktivistin aus den USA, die in der DDR Asyl bekam, als sie von amerikanischen Behörden verfolgt wurde.

Peter Kothes Entwürfe für "Lysistrata" am Elbe-Elster-Theater Wittenberg, 1980. (Foto: Stiftung Stadtmuseum/Schwules Museum*)

Peter Kothes Entwürfe für „Lysistrata” am Elbe-Elster-Theater Wittenberg, 1980. (Foto: Stiftung Stadtmuseum/Schwules Museum*)

In West-Berlin stürzte sich Kothe in sein vermeintlich altes Leben, nur dass inzwischen die AIDS-Krise wütete … (weiter mit Teil 2)

Titelbild: DDR-Jünglinge von Jürgen Wittdorf; Achiv Schwules Museum*


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