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Die roten Huren: Sex in der DDR (2)

Ausstellung über den Bühnenbildner Peter Kothe beleuchtet vergessene Schwulenszene zwischen Ost- und West-Berlin vorm Mauerbau 1961

Teil 2: Ausweisung und Aidskrise

1984 wurde Kothe aus der DDR ausgewiesen, inzwischen ein geschiedener Mann. Man sieht Bilder in der Ausstellung, wie er auf seinen gepackten Koffern sitzt und auf die Ausreise wartet. In West-Berlin angekommen stürzte sich Kothe in sein vermeintlich altes Leben, nur das inzwischen die Aidskrise wütete und es nicht lange dauerte, bis sich Kothe mit HIV infizierte. Er überlebte (was damals selten genug war) und wurde vom Arbeitsamt an die Bühnen Bielefeld vermittelt. Somit kam er von einer Provinzsituation in die andere. Erst als Rentner konnte er nach Berlin zurückkehren und wohnte fortan in der Winterfeldstraße in Schöneberg, mitten im Schwulenkiez. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung kehrte er auch an einige der Ostbühnen zurück, an deren er früher gearbeitet hatte, und betreute dort Produktionen von Opern wie „Freischütz“ und „La Traviata“. Er lernte auch Rosa von Praunheim kennen und arbeitete mit ihm zusammen an den Filmen „Ich bin meine eigene Frau“ und „Der Einstein des Sex“. Im Grunde sind das die beiden berühmtesten Dinge, die Kothe als Künstler geleistet hat. Sein „claim to fame“, wenn man so will.

Die Rosa-von-Praunheim-Filme „Der Einstein des Sex“ und „Ich bin meine eigene Frau“ sind Kothes berühmteste Arbeiten.

Aber wie gesagt: Spannend sind nicht seine künstlerischen Leistungen, die in dieser Ausstellung dokumentiert werden, sonder das Schlaglicht, das sein privates und öffentliches Leben auf eine Situation wirft, über die wenig bekannt ist; gerade was das schwule Leben vorm Mauerbau zwischen Ost und West betrifft und gerade was die Theatersituation in der DDR-Provinz angeht.

Oral History Project: DDR

Der Dokumentarfilmer Jochen Hick (MÄNNER-Archiv) hat Kothe für sein „Oral History Project“ vor dessen Tod 2015 interviewt. Das komplette Interview – das bislang noch nie gezeigt wurde – wird am 8. September im Schwulen Museum* erstmals vorgestellt. Vorher gibt es eine Führung durch die Ausstellung mit Kurator Wolfgang Theis. Da die Ausstellung leider minimalistisch beschriftet ist und sich viele Hintergrundfakten nicht vermitteln, lohnt eine Führung, wenn man mehr zur „Roten Hure“, zur Ehe und Scheidung Kothes, zum § 175 in der DDR, zur schwulen Partyszene im Westen und zur verheerenden Auswirkung von Aids auf Neuankömmlinge aus dem Osten in den 80er Jahren wissen will.

Fotos, Dokumente und der Reisekoffer zu Peter Kothes Ausweisung aus der DDR 1984. (Foto: Robert M Berlin)

Fotos, Dokumente und der Reisekoffer zu Peter Kothes Ausweisung aus der DDR 1984. (Foto: Robert M Berlin)

Verglichen mit der DDR-Ausstellung „Gegenstimmen“ im Martin-Gropius-Bau ist diese DDR-Schau wegen ihrer Materialfülle und ihres Detailreichtums bemerkenswert. Sie macht deutlich, dass es da zum Thema schwules Leben nach dem Zweiten Weltkrieg und vor der „Revolution“ der 70er Jahre im Westen viel zu erkunden gibt.

Partytunten und Prachtkerle

Besonders schön in der Kothe-Ausstellung ist übrigens die Gegenüberstellung von Jürgen Wittdorfs homoerotischen DDR-Jünglingen und den Partytunten von Karlshorst: zwei Ausformungen von schwulem Leben und Verlangen, die gleichberechtigt nebeneinander gezeigt werden.

„Bühnenbild: Peter Kothe. Ein ostwestdeutsches Leben“ ist eine Ausstellung des Schwulen Museums* in Kooperation mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin und wurde von Wolfgang Theis kuratiert. Sie ist bis zum 17. Oktober im Schwulen Museum* zu sehen. Weitere Informationen finden sich hier.

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Titelbild: Bühnenbildentwürfe von Peter Kothe fürs Theater in Wittenberg. (Foto: Robert M Berlin)


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