Gemischte Jugendgruppe in der Stadt

Kleine und große Herausforderungen

Die Berliner Unterkunft für LGBTI-Flüchtlinge gibt es seit mittlerweile sechs Monaten

Es war das erste Mal, dass eine Partei mit einer Delegation das LGBTI-Flüchtlingsheim der Berliner Schwulenberatung besuchte. MÄNNER durfte als einziger Vertreter der Presse dabei sein. Die Berliner FDP – namentlich die Landesvorsitzende Sibylle Meister, der LGBTI-politische Sprecher Sebastian Ahlefeld (der Ende August an der Rosa Elefantenrunde teilnimmt – MÄNNER-Archiv), der Neu-Liberale (Ex-Piratenchef) Bernd Schlöhmer und andere – waren am Abend in Treptow, um sich über den Stand der Dinge zu informieren.

Iraker und Syrer bilden größte Gruppe

Seit der Eröffnung in Februar haben rund 100 Flüchtlinge hier einen Platz und Schutz vor erneuter Ausgrenzung und Anfeindung gefunden – vor allem Iraker, die die größte Gruppe ausmachen, wie Sozialarbeiter Christoph Mann berichtet. Den zweitgrößten Anteil bilden Syrer, es folgen Menschen aus dem Iran und Russland. Die meisten sind unter 30 und teilen sich mit anderen ein Zimmer. Schwul, lesbisch, trans – alles ist vertreten. Betreut werden sie tagsüber von Sozialarbeitern, ansonsten ist rund um die Uhr ein Sicherheitsdienst anwesend. Christoph ist der einzige festangestellte Sozialarbeiter, der hier mit sieben weiteren Kollegen beschäftigt ist – ausgesucht nach Sprachkenntnissen für die Bewohner unterschiedlichster Herkunft. So gab es lange niemanden, der Farsi sprach, aber auch dafür ist mittlerweile gesorgt. (So hilft man in Göttingen queeren Flüchtlingen – MÄNNER-Archiv.)

Beschwerden über Lärm

Es gibt eine Küche, in der für einen Teil der Bewohner Essen ausgegeben wird (das richtet sich nach dem Status der Flüchtlinge), im Gemeinschaftsraum steht ein Kicker – und hier können die Bewohner auch das WLan-Netz nutzen. Im Hof will man demnächst noch einen Basketballkorb aufstellen. Das wird die Nachbarn nicht besonders freuen, die sich jetzt schon über Lärmbelästigung beschweren – was die Polizisten, wenn sie anrücken, allerdings nicht bestätigen können. Vielmehr herrscht hier eine normale Geräuschkulisse, die man in einer Großstadt in Kauf nehmen muss.

Homofeindliche Wachleute am Lageso

Die größere Herausforderung ist der Umgang mit den Behörden. Marcel de Groot, Leiter der Schwulenberatung, die die Unterkunft betreibt, beklagt, dass man bis Juli keine Gelder vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) erhalten habe und mit einer halben Million Euro in Vorleistung gehen musste; außerdem wechselten die Ansprechpartner oft von einem Tag zum anderen. Von den Wachleuten des Lageso ganz zu schweigen, die von Sozialarbeiter Christoph als „ausgesprochen homofeindlich“ geschildert werden. Ob sich das mit dem neuen Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) ändert, das am Montag seine Arbeit aufgenommen und die Zuständigkeit für Flüchtlinge übernommen hat, wird sich zeigen. Lobend erwähnt Christoph den Einsatz der Caritas, die die Geflüchteten auf den Gang zum Amt vorbereitet.

Du hast heute leider einen schlechten Tag erwischt

Auch der Umgang mit queeren Flüchtlingen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BAMF, gibt oft Anlass zu Kritik und Klage. So kam es vor drei Wochen zu einem Zwischenfall, als ein 18-Jähriger zu seinem Interview kam, und ein BAMF-Mitarbeiter zerriss seinen Flüchtlingsausweis und nahm ihm seine Terminkarte weg mit den Worten: „Du hast heute leider einen schlechten Tag erwischt.“ Das BAMF war seither nicht in der Lage, wie Christoph berichtet, den betreffenden Mitarbeiter ausfindig zu machen. (Im BAMF ist man auch der Auffassung, dass Schwulsein nur als Asylgrund zählt, wenn man es offen ausgelebt hat – MÄNNER-Archiv.)

Ich bin ganz glücklich, dass wir Verbände haben wie die Schwulenberatung und den LSVD, die mit Herzblut ihre Arbeit machen

Von Schlöhmer auf die größte politische Herausforderung  angesprochen, nannte Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung, die Integration vor allem der nicht-queeren Flüchtlinge. Man lerne, wenn man nach Deutschland kommt, relativ schnell, wie man sich politisch korrekt äußert und erklärt, dass Homosexuellen Respekt verdienten und ihnen die gleichen Rechte wie allen anderen zustünden. Aber warum das so ist – dieses Verständnis fehle oft. „Das kann man niemandem in einer Stunde beibringen. Das ist ein langer Weg.“

Flüchtlingsunterkunft

Christoph Mann (2.v.l.) und Marcel de Groot (4.v.l.) empfangen die FDP-Delegation (Foto: Kriss Rudolph)

Sebastian Ahlefeld schilderte seinen Eindruck nach dem Besuch als „sehr sehr positiv“: „Ich bin ganz glücklich, dass wir Verbände haben wie die Schwulenberatung und den LSVD, die mit Herzblut ihre Arbeit machen.  Ohne die und die ehrenamtlichen Helfer hätten wir ein Problem in Berlin.“

Titelbild: Fotolia


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