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Raus aus den Hinterzimmern

Erinnerungen an den 1. Hamburger CSD im Jahr 1980

Kai Esselsgroths (56) erster CSD 1980 war auch der erste für Hamburg. Aktiv
eingesetzt hat er sich vorher schon. Protokolliert von Pascal Beck

Ich war schon lange vor dem ersten Christopher Street Day in Sachen schwuler Emanzipation aktiv, als Schüler. Das war eine Zeit, als schwule Kultur sich noch in Hinterzimmern abspielte. Zusammen mit ein paar Mitstreitern hatte ich eine der ersten schwul-lesbischen Schülergruppen gegründet. Später schlossen wir uns mit anderen zur hamburgweiten Schülergruppe „Schwusel“ zusammen und organisierten uns bald schon landesweit. Es galt erste Duftmarken zu setzen. Beispielsweise hatte ich für meine Schülerzeitung eine Coming-out-Geschichte geschrieben, woraufhin der Schulleiter den Verkauf auf dem Schulgelände verbot. Außerdem wurde ein ARD-Feature über unsere Gruppe gedreht und später beim WDR gesendet. Das Feature sollte zur Primetime laufen. Auf der Senderkonferenz hat der BR jedoch mit Abschaltung gedroht, woraufhin die Ausstrahlung auf 23.30 Uhr geschoben wurde. (In diesem Jahr nimmt erstmals die türkische Gemeinde am Hamburger Pride teil – MÄNNER-Archiv.)

Am Ende wurde die Demo im Sternschanzenpark durch einen Polizeieinsatz mit Gewalt aufgelöst

Die Probleme waren vielschichtig. Gesellschaftliche Akzeptanz:  sehr gering.  Junge selbstbewusste Schwule und Lesben: unbekannt. Schwul-lesbisches Leben fand in der Öffentlichkeit nicht statt. Es gab kein Internet, man bekam keine Informationen über andere, „die so sind wie ich“. Meine Teilnahme am ersten CSD war also ein Muss für mich. Es ging zuallererst darum, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Mein Lieblingsbeispiel für die Veränderung mache ich immer an diesem ersten CSD fest: Am Ende wurde die Demo im Sternschanzenpark durch einen Polizeieinsatz mit Gewalt aufgelöst. Einige von uns hatten entdeckt, dass aus einem zivilen Fahrzeug heraus Fotos der Demonstranten gemacht wurden. Tatsächlich waren es Beamte der Verfassungsschutzabteilung der Innenbehörde, die diese Fotos machten. Als wir daraufhin die Herausgabe der Filme forderten und die Abfahrt des Fahrzeuges durch eine Sitzblockade verhindern wollten, kam es zum Polizeieinsatz. (Das waren die Anfänge des CSD in Berlin ein Jahr zuvor – MÄNNER-Archiv.)

Hamburg Pride

CSD 1980 (Foto: privat)

Heute gibt es beim CSD einen Polizeiblock, in dem schwule und lesbische Beamte mitlaufen. Ich laufe immer noch mit und habe überhaupt nichts gegen den heutigen Partycharakter der CSDs. Schließlich ist auch das eine Errungenschaft. Nur sollten alle Teilnehmer erstens immer wissen: Was ist der Ursprung des CSD, wo kommt er her, warum gibt es ihn, was hat er in der Vergangenheit erreicht? Zum zweiten sollte nicht vergessen werden, dass all die Fortschritte und selbstverständlich erscheinenden Dinge keine irreversiblen Errungenschaften sind …

Der vollständige Text ist erschienen in MÄNNER 7.2016

Titelbild: Hamburg Pride (CSD 2011)


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