Indian Student inside School

Pfeifen im Dunklen

Schwieriges "Coming-Out": In Indien führen die meisten Schwulen ein Doppelleben

von Rainer Hörig, Pune

 

“Wir sind anders, aber wir sind uns einig!“ Regenbogenfahnen, satt geschminkte Lippen, phantasievolle Kopfbedeckungen und Kostüme. Mehr als 300 Männer und Frauen marschierten im vergangenen November durch die Industriestadt Pune im Westen des indischen Subkontinents. Der „Pride March” für Toleranz und Offenheit gegenüber sexuellen Minderheiten fand hier zum vierten Mal statt. Auch in anderen indischen Millionenstädten gehen Schwule, Lesben und Transgender auf die Straßen, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Viele Teilnehmer tragen Sonnenbrillen, manche verstecken ihr Gesicht hinter einer bunten Maske. Keine Küsschen oder sexuellen Gesten, kaum Protestgehabe. „Wir wollen hier jungen Leuten eine Gelegenheit geben, ihr Anderssein zum Ausdruck zu bringen und dabei stolz zu empfinden,” sagt Bindumadhav Khire, Mitorganisator der Veranstaltung. Er hat eine Art Verhaltenskodex unter den Teilnehmern verteilen lassen: Sie sollen sich „zurückhaltend” kleiden und sich „anständig” benehmen. Bitte auf keinen Fall tanzen! Man müsse auf die konservative Haltung in weiten Teilen der Gesellschaft Rücksicht nehmen, meint Khire. Schließlich sei gleichgeschlechtlicher Sex in Indien verboten!

„Unnatürlicher Geschlechtsverkehr” unter Strafe

Der Paragraph 377 des Strafgesetzbuches macht Indiens Schwulen und Lesben das Leben schwer (MÄNNER-Archiv). Er stammt aus dem Jahr 1860, als die britische Queen Victoria als „Kaiserin von Indien“ noch das Sagen hatte. Der Paragraph stellt Vergewaltigung und „unnatürlichen Geschlechtsverkehr” unter Strafe, droht dafür bis zu 10 Jahre Haft an. Er kriminalisiert damit nicht nur Sex mit Minderjährigen und Tieren, sondern auch zwischen Personen desselben Geschlechts, selbst wenn er mit beiderseitigem Einverständnis stattfindet. Zwar führte der Artikel 377 nur zu wenigen rechtskräftigen Verurteilungen, aber er schwebt wie ein Damoklesschwert über Homosexuellen und Transgendern. „Wir müssen jederzeit fürchten, von Polizisten oder Gangstern bedroht und um Geld erpresst zu werden,“ meint der schwule Schriftsteller Raj Rao und berichtet von einem Vorfall, den er am Hauptbahnhof von Mumbai erlebte.

Die Polizisten warfen mir vor, den jungen Mann sexuell belästigt zu haben

„In der Männertoilette, die als Schwulen-Treff bekannt ist, machte mich ein junger Typ an und wir hatten schnellen Sex. Ich merkte nicht, dass es eine Falle war. Plötzlich erschienen Polizisten und bedrohten mich. Sie schlugen mir ins Gesicht und drohten mit Gefängnis, um von mir ein Geständnis zu erpressen. Es war ein Sonntagmorgen, und der Bahnsteig war leer. Die Polizisten warfen mir vor, den jungen Mann sexuell belästigt zu haben. Das fand alles in einer verklausolierten Sprache statt, aber ich verstand. Schließlich ließen sie erkennen, dass ich mit einer guten Summe Geld davon kommen könne. Nachdem ich ihnen notgedrungen 5000 Rupien (damals umgerechtnet etwa 100 Euro) gegeben hatte, wechselten sie den Ton und wurden scheißfreundlich: Sie hätten ja nichts gegen Schwule, aber doch bitte nicht in der Öffentlichkeit!“ (Erstmals wurde jetzt in einem indischen Werbespot ein schwules Par gezeigt – MÄNNER-Archiv.)

Kategorien wie schwul oder lesbisch für indische Verhältnisse inadäquat

Aktivist und Hochschullehrer R. Raj Rao. (Foto: Schwules Museum*)

Aktivist und Hochschullehrer R. Raj Rao. (Foto: Schwules Museum*)

Raj Rao hat Kurzgeschichten, Theaterstücke und den Roman „The Boyfriend“ in englischer Sprache veröffentlicht. In seinem jüngsten Buch, „Whistling in the dark“ stellt er in 21 Interviews indische Lesben und Schwule vor. Rao, dessen große, schlaksige Gestalt mit Punk-Frisur ihn aus der Menge heraushebt, lehrt englische Literatur an der Universität von Pune und besetzt zur Zeit eine Gastprofessur an der Universität Tübingen. Er definiert sich als MSM (men having sex with men). Kategorien wie schwul oder lesbisch, wie sie im Westen gebräuchlich sind, seien für indische Verhältnisse inadäquat, meint Raj Rao.

Transsexuelle werden wegen ihres Geschlechts bemitleidet, mitunter auch als Schwarzmagier gefürchtet, die man sich besser mit Almosen vom Leibe hält

Wer von der heterosexuellen Norm abweicht, sieht sich auch in Indien mit massiven, teilweise kuriosen Vorurteilen konfrontiert. Viele Menschen glauben, Homosexualität sei eine Krankheit, die man heilen müsse. Manche Frauen seien lesbisch, weil sie keinen Mann „abgekriegt” hätten oder von ihrem Partner verlassen wurden. Transsexuelle werden wegen ihres Geschlechts bemitleidet, mitunter auch als Schwarzmagier gefürchtet, die man sich besser mit Almosen vom Leibe hält. Solche Vorurteile ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten und werden immer wieder auch von Politikern und selbsternannten Experten, wie etwa dem Yoga-Guru Baba Ramdev geäußert, der Millionen Anhänger im ganzen Land hat. Hartnäckig hält sich auch der Glaube, Homosexualität sei ein Import aus dem angeblich moralisch verkommenen Westen. „Dabei gibt es Zeugnisse von Homoerotik aus dem alten Indien,“ korrigiert Rao. „Das weltberühmte Kamasutra, das Buch der antiken Sexuallehre, erwähnt bereits homosexuelle Praktiken. Auf den berühmten erotischen Tempelfresken in Khajuraho und Konarak sind auch lesbische Paare zu erkennen.“

Ashok Row Kaveri, ein kleiner rundlicher Herr, dessen Antlitz von großen, runden Brillengläsern dominiert wird, ist der Pioneer der indischen Schwulen-Bewegung: „Mein Coming-out in den 90er Jahren war in erster Linie ein Schutzmechanismus. Ich wollte damit sicherstellen, dass niemand mein anderes Aussehen und mein schwules Gehabe gegen mich verwenden konnte,“ gesteht der Journalist. „Einen Teil meiner Ausbildung erhielt ich in Berlin, wo ich sechs Monate lang am Internationalen Institut für Journalismus studierte. Es war eine tolle Zeit. Dort lernte ich auch die Autonomie und die kulturelle Synthax der schwulen Subkultur kennen. Hier in Indien haben wir kaum kultuelle Freiräume, dort war alles offen, für jedermann sichtbar!“

Indiens erstes Homomagazin

Im Jahr 1990 gründete Kaveri in Mumbai Indiens erstes Schwulen-Magazin, das den Namen „Dost“, (Hindi: Freund) trägt. „Wir dachten, wir brauchen unbedingt ein Nachrichtenmagazin für schwule Männer,“ erläutert der Aktivist. „Es sollte in und aus der schwulen Szene wirken und deren Mitgliedern eine Plattform bieten. Es entwickelt sich immer noch weiter. Heute ist es längst kein Nachrichtenmagazin mehr, diese Funktion hat das Internet übernommen. Wir bringen jetzt Lifestyle-Geschichten, Portraits und Reportagen. Natürlich beschäftigen wir uns auch intensiv mit dem verfluchten Paragraph 377 … “

Mehr über queeres Leben in Indien steht in MÄNNER 8.2016.

Titelbild: Fotolia


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