Russia_Silence_day

Mehr Russen wollen LGBTI-Verfolgung

Umfrage legt nahe, dass Homophobie in Russland aggressiver wird

Über Homophobie in Russland wird spätestens nach der Attacke auf ein russisches Sportcamp (MÄNNER-Archiv) derzeit wieder viel diskutiert. Selten wird dabei allerdings mit konkreten Zahlen oder Statistiken argumentiert – wohl auch, weil es nur wenig verlässliches Material gibt. MÄNNER liegen nun die Zahlen einer aktuellen, bislang unveröffentlichten Umfrage vor, für welche Menschen aus ganz Russland zu ihrer Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben befragt wurden. Auftraggeber ist das Moskauer Levada-Center, ein Institut für Gesellschaftsforschung, das schon seit Jahren regelmäßig Studien zum Thema durchführt.

Lediglich 15% halten Homosexualität für genauso „normal“ wir Heterosexualität.

Die Zahlen der Umfrage stimmen alles andere als optimistisch: Auch im Jahr 2016 glauben immer noch mehr als zwei Drittel aller Russen, dass Homosexualität wahlweise eine Krankheit (27%), das Ergebnis schlechter Erziehung (25%) oder die Folge von Missbrauch (20%) ist. Lediglich 15% halten Homosexualität für genauso „normal“ wir Heterosexualität. Fast ein Drittel aller Befragten gab außerdem an, Schwulen und Lesben mit Abscheu oder Angst zu begegnen, weitere 44% sind zumindest „irritiert“ oder „vorsichtig“, wenn es um LGBTI geht.

Besorgniserregende Trends

Für die russischen Sozialwissenschaftler sind diese Zahlen keine Überraschung – sie decken sich grob mit jenen aus Studien der Vorjahre. Besorgniserregend sind jedoch zwei Trends im Bezug auf die Frage, wie der Staat mit LGBT umgehen soll. So zeigt die Studie einerseits, dass es immer weniger Menschen in Russland gibt, die Schwulen und Lesben dieselben Bürgerrechte zugestehen wollen wie dem Rest der Bevölkerung. Gleichzeitig ist die Anzahl von Russen, die eine staatliche Verfolgung von LGBTI fordern, im Vergleich zum Jahr 2013 gestiegen: Waren es 2013 noch 13%, sind es jetzt 19% – also jeder Fünfte. Hier geht es also um mehr als bloße Gefühle von Angst oder Ekel, hier geht es um direktes „Eingreifen“.

Für Putin bedeutet dies, dass er seinen eigenen Machteinfluss ausweiten kann – auf dem Rücken von LGBT.

Die Studie (hier die Zahlen aus 2015) ist damit ein Musterbeispiel dafür, wie staatliche Politik die Einstellungen von Menschen beeinflussen kann. Sie zeigt, wie Putins politischer Kurs, schwullesbisches Leben aus dem gesellschaftlichen Alltag zu verbannen und LGBTI als Bürger zweiter Klasse zu behandeln, nicht nur Ängste und Vorurteile schürt. Es wird auch deutlich, dass selbst Menschen, die vorher eine andere Einstellung hatten, sich weiter von Schwulen und Lesben entfernen oder sogar noch aggressiver gegen sie vorgehen wollen. Für Putin bedeutet dies letztlich, dass er seinen Machteinfluss ausweiten kann – auf dem Rücken von LGBTI. So funktioniert die Minderheitenpolitik von Diktatoren.

In der September-Ausgabe der MÄNNER wird es einen Schwerpunkt zum Thema Russland geben, unter anderem mit Interviews und Reportagen aus St. Petersburg, Moskau, Novosibirsk und Sotchi – hier geht’s zum Abo!

Foto: Aktion im Rahmen des „Day of Silence“ in St. Petersburg , 2014 (Imago)


11 Kommentare

  1. Marc Schmale

    Falls das stimmen sollte, kann man mal sehen wie rückständig das immer so hoch gelobte Russland eigentlich ist. Wie kann man bloß so dermaßen engstirnig sein.

  2. David Davidian

    Ich frage mich seit längerem, wieso sich die Russen und die Islamisten in Tschetschenien und Syrien angesichts der reaktionären Schnittmengen denn eigentlich bekämpfen.

  3. Rene Wukasch

    Quatsch, warum sollte er? Der macht das was Mehrheiten schafft. Persönlich wird der mit den Schwulen kaum ein Problem haben. Die NPD bspw. denkt da völlig anders und von der AfD ist zu dem Thema (wie auch zu einigen anderen) nichts zu hören. Und nein, auch IS-Terror und Scharia wird uns Schwulen nicht bekommen…


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