Nackt in St. Petersburg

In MÄNNER 9.2016 lässt Russland die Hosen runter

Fotokünstler Fedya Ili hat für sein Projekt „Naked St. Petersburg“ junge Russen nach ihren Träumen und Wünschen befragt und sie teils ohne Klamotten an öffentlichen Plätzen der Newa-Metropole abgelichtet. Das Ergebnis: Ein Blick in die Seele einer Stadt und ihrer Bewohner. In der Fotoshow oben bekommst Du erste Einblicke in das Projekt, weiter unten erzählt Fedya Ili (Foto), wie es dazu kam.

Fedya

Fedya, Du bist in Russland aufgewachsen, lebst nun aber in Berlin. Wie kam’s zu „Naked St. Petersburg”?
Als ich Russland vor sieben, acht Jahren verlassen habe, hatte das weniger mit politischen Umständen als mit meiner persönlichen Situation zu tun. Seitdem bin ich viel gereist, hab an unterschiedlichen Orten in Asien, Südamerika und Europa gelebt. Die Entwicklungen in meiner Heimat habe ich aber trotzdem verfolgt, auch wie die Situation für Schwule und Lesben stetig schlechter wurde und immer mehr Leute auswanderten. Als ich im Sommer 2015 dann mal wieder nach Russland fuhr, war es mir wichtig zu verstehen, wie es den Männern geht, die immer noch dort leben. Wie sie sich mit der Situation arrangieren, dass ihnen immer mehr Freiheiten und damit auch Zukunftsperspektiven geraubt werden. Der Gedanke ein Fotoprojekt daraus zu machen, lag nahe. Die Idee es in St. Petersburg zu verwirklichen, wo das Propagandagesetz seinen Anfang nahm (und wo man auch den ESC verteufelt – MÄNNER-Archiv), ebenfalls.

Wie hast Du Dein eigenes Leben als schwuler Mann in Russland in Erinnerung?
Ich bin 1980 geboren, habe meine prägenden Jahre also in einer Zeit erlebt, in der Russland in Sachen Liberalität aufblühte. Man muss sich ja nur mal vor Augen führen, dass die Sängerinnen von t.a.t.u. Anfang des neuen Jahrtausends quasi zu internationalen Botschafterinnen lesbischer Liebe wurden. Aus heutiger Sicht völlig undenkbar. Bevor ich Russland verließ, habe ich in Moskau ein recht normales schwules Leben geführt und mit meinem Freund zusammengewohnt, ohne dass sich jemand daran störte. Übergriffe habe ich nicht erlebt. Auch wenn ich dazusagen muss, dass wir unsere Beziehung nie demonstrativ nach außen getragen haben.

Wo kamen die Protagonisten von „Naked St. Petersburg” her?
Die eine Hälfte sind Freunde oder Freunde von Freunden, die anderen habe ich über Dating-Apps wie Hornet oder Grindr kontaktiert. Logistisch war das Ganze ein ziemlicher Akt. Ich habe innerhalb von fünf Tagen 18 Männer fotografiert. Hinzu kam, dass es aufgrund der Nacktheit in der Öffentlichkeit oft schnell gehen musste. Aber wir hatten keine Probleme oder Pannen. Das erstaunt mich bis heute.

Du ergänzt die Fotos durch Zitate, in denen die Männer über ihre Lebensträume sprechen …
Ja, diese inhaltliche Ebene war wichtig, um den Ansatz des Projektes zu verdeutlichen. Nacktheit in der Öffentlichkeit ist eine Form der Offenbarung, das Mitteilen von Lebensplänen eine weitere. Meist bekam ich auf die Frage nach Zukunftsplänen sehr kurze, allgemeine Antworten. Das hat mich anfangs enttäuscht, aber in der Gesamtheit sagt es viel über Russland und die Situation der Protagonisten aus. In Russland werden wir nicht darauf geschult, uns selbst auszudrücken. In der Schule werden zwar Aufsätze geschrieben, aber die dienen eher dem Wiedergeben von Wissen als der Formulierung eigener Meinungen. Hinzu kommt, dass schwule Männer in Russland in ihrer Zukunftsgestaltung sehr eingeschränkt sind. Das schwingt in den Zitaten mit. Viele Aussagen beziehen sich auf Träume, von denen die Betroffenen selber nicht recht zu glauben scheinen, dass sie sie verwirklichen können.

Und nun zu Euch, Männer:

Die Umfrage ist bereits beendet!Hier die Ergebnisse:

Würdest Du nach Russland reisen?

Die Fotos im Großformat plus weitere Motive und Zitate gibt’s in MÄNNER 9.2016.

Mehr über Fedya Ili und seine Arbeit erfährst Du auf seiner Webseite.


2 Kommentare

  1. Wolfgang Schmitt

    Die Fotos und das Interview sind wunderbar. Die Umfrage Antwort: KLAR, MAN SIEHT MIR JA NICHT AN, DASS ICH SCHWUL BIN ist wirklich, wirklich, wirklich uebles End-90er straight acting (Betonung auf acting) Zeug, dass in einem LGBT Magazin im Jahr 2016 nichts mehr verloren haben sollte.


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