Pinker geht’s nicht!

Die isländische Billigfluggesellschaft WOW Air ist mit viel Humor unterwegs

von Tobias Overkämping

Lieber Leser, Du musst jetzt ganz stark sein. Ganz stark oder ein bisschen angetrunken. Denn es geht auf die lange Reise in einem pinken Flugdildo namens „TF-GAY“. Denn das isländische Marketingwunder WOW Air hat es nun auf die schwule Kundschaft abgesehen. Welcome to the „World of Wortwitz“.

WOW Air ist eine isländische Billigfluggesellschaft. Vier Jahre ist es nun her, seit die „WOW Force One“ als erster Flieger der Airline zum Startflug abhob. Das Streckennetz von Reykjavik nach Europa wurde seither jährlich erweitert. Jetzt bietet die Airline erste Langstreckenflüge von ihrem Heimatflughafen an. Erklärtes Ziel: die Marktführerschaft der Günstigen auf weiter Strecke. (In Island gibt es ein ausgesprochen homosexuelles Dorf – MÄNNER-Archiv)

Umstieg auf Island kann zum mehrtägigen Zwischenurlaub ausgedehnt werden

Den Anfang machen fünf Ziele: Montreal, Toronto, Boston, Washington, L.A. und San Francisco. Ab 99 Euro von Europa nach Kanada und die USA, so das Nothing-Inklusive Werbeversprechen. Berlin, Düsseldorf und Frankfurt sind die deutschen Abflughäfen. Großartig ist dabei, dass der Umstieg auf Island ohne Extrakosten auf einen mehrtägigen Zwischenurlaub ausgedehnt werden kann. (Zum Beispiel kann man das unerhört homosexuelle Dorf Arnarvatn besuchen – MÄNNER-Archiv.)

Der Jungfernflug der „TF-GAY“ ging natürlich nach San Francisco

Tatsächlich ist „WOW“ keine Abkürzung, sondern der international verständliche Ausdruck für Staunen. Der Jungfernflug der „TF-GAY“ nach San Francisco (Reisebericht im MÄNNER-Archiv) im Juni dieses Jahres illustrierte den Neukunden den WOW-Effekt gut – sie staunten über die Kuriositäten dieser Billigfluggesellschaft und darüber, wie effektiv das Marketing funktioniert.

Da wäre zunächst die Farbe – dunkles Lila. Bei freiem Blick auf das Rollfeld entdeckt man die Maschine(n) sofort als leuchtender Farbklecks zwischen den dezent blassen Maschinen anderer Airlines auf dem grauen Rollfeld. Die Mitglieder der Cabin Crew laufen ihren Catwalk, das Terminal, in ihren lila Outfits und werden beim Halt im Duty-free auch mal von Passagieren anderer Airlines angesprochen, weil diese ihre Begeisterung für WOW ausdrücken möchten – basierend auf der schönen Farbgebung.

Beim Jungfernflug gibt’s Popcorn, Regenbogentorte und Drinks

Vor dem Gay-Gate des jungfräulichen Fliegers spielt eine isländische Band. Es gibt Popcorn, Regenbogentorte und Drinks. Ausgelassen verstopfen die geladenen Gäste das Terminal und bremsen hektische Flughafenläufer aus, die sichtbar genervt versuchen mit ihrem Gepäck durch die Feier zu ihrem Flugzeug zu gelangen, während Mütter mit Kinderwagen verzweifelt davor stehen bleiben. Ansagen des Flughafenpersonals sind im näheren Umfeld nicht mehr zu hören.

In der Maschine wird man dann schnell wieder daran erinnert, dass WOW definitiv keine Luxusairline ist. Monitore für Filme oder allgemeine Fluginformationen gibt es genauso wenig wie eine elitäre Klasseneinteilung: hier sitzt jeder nah an seinen Nachbarn – von nebenan genauso wie von vorne und von hinten.

Kotztüte mit Vomit-Meter

Die Innenausstatter hatten wohl den Auftrag, dass der Blick des Kunden zu jeder Zeit während seines Aufenthalts mindestens einen Wortwitz einfängt. „Saved by the bell“ und „Hunk if you’re hungry“ steht den Knöpfen über dem Sitz; ein Vomit-Meter auf der Kotztüte, bei dem man seinen persönlichen Werbespruch über die Füllmenge bestimmt (wer sie randvoll macht, hat demnach seine Kritik an den Preise der Konkurrenz kundgetan);  eine mehrwertlose weiße Wand erklärt sich in großen lila Lettern zum persönlichen Heilsbringer eines jeden Passagiers: „WOW! I’m your Wonderwall“. Wer empfindlich auf derlei Späße reagiert ordert schnell Alkohol, doch Obacht! – nicht einmal wortwitzfreie Servietten oder Becher werden gereicht.

Dezent geht anders

„Zur Anfangszeit musste die Cabin Crew in sämtliche Ansagen ein „Wow!“ einbauen“, erinnert sich die Isländerin Svana. „Viel Fremdscham lag in der Luft.“ Das wurde mittlerweile abgeschafft, aber von einem dezenten Ambiente ist die Airline auch heute noch weit entfernt.

Das hat die Marketingabteilung so entschieden

Die Flugzeuge der Unternehmensflotte bilden die WOW-Familie. Nach den Namen „TF-BRO“, „-SIS“, -„MOM“, -„DAD“, „-GMA“ gehören nun auch die Schwulen dazu.  Auf die Frage, wie es dazu kam den Flieger „TF-GAY“ zu taufen antwortet der eigentlich sehr redselige Inhaber der Airline,  Skúli Mogensen, entzaubernd und doch erfrischend ehrlich: „Das hat die Marketingabteilung so entschieden“.

Es erscheint logisch und konsequent, dass diese Abteilung „WOW-Air“ in den Fokus einer Gruppe rücken möchte, die als reiselustig und farbenfroh gilt und deren Partys und Veranstaltungen größtenteils mit Wortwitzen zu den Begriffen „Gay“, „Homo“, „Queer“ betitelt sind. Auffallen und im Gedächtnis bleiben ist das Ziel.

Gin Tonic für 7 Euro

Wer Lust auf einen komfortfreien, dafür aber extrem schwul-trashigen Billigflug mit WOW Air bekommen hat, der sollte vor der Buchung wie bei Billigairlines üblich, den Taschenrechner zücken, um zu sehen, ob es sich wirklich preislich lohnt: Eine kleine Mahlzeit an Bord kostet 5 bis 10 €, der Gin Tonic 7 € (immerhin Tanqueray), Handgepäck über 5 kg 16 €, pro Koffer 32 € und diverse Sonderzuschläge fallen an. Am Ende der Rechnung steht dann oft ein Vielfaches des Betrages auf dem Werbeplakat.

Die Blicke der Reisenden treffen sich. Alle grinsen

Derartige Überlegungen sind am Ziel der Reise längst vergessen: Die Reisegruppe steht an der Golden Gate Bridge. Sonnenstrahlen wärmen die Haut, Wellen brechen in der Bucht und die frische Meeresluft animiert zum tiefen Einatmen. Überwältigt vom Anblick haucht einer staunend: „Wow!“. Die Blicke der Reisenden treffen sich. Alle grinsen.

Die Werbestrategen haben gewonnen.

www.wow-air.de

Fotos: WOW Air/Tobias Overkämping


53 Kommentare

  1. Tom Enno

    Wer gut informiert ist weiß erstens, dass es diesen Flieger schon seit längerer Zeit gibt und zweitens, dass alle Flugzeug von WOW pink sind und das NICHTS mit diesem speziellen Flugzeug zu tun hat.


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