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Zum 20. Todestag von Rio Reiser

Am 20. August jährt sich zum 20. Mal der Todestag von Rio Reiser (* 9. Januar 1950 in Berlin). Sein Bruder Gert Möbius beschreibt in dem Buch „Halt dich an deiner Liebe fest” Rios Leben und zitiert aus zahlreichen persönlichen Dokumenten und einem Tagebuch, das Rio in den Jahren 1972 bis 1974 führte. Dazu sind zahlreiche bislang unveröffentlichte Fotos zu sehen. Wir trafen Gert Möbius vor ein paar Tagen in Berlin.

Rio Reiser

Herr Möbius, in Ihrem Buch schreiben Sie darüber, wie Rio eines Abends ziemlich unvermittelt zu Ihnen sagte: Weißt Du eigentlich, dass ich schwul bin? Waren Sie der erste?

Keine Ahnung. Meine Eltern und mein Bruder haben es wohl nicht gewusst. Ich vermute, dass er sich bei mir zuerst geoutet hat – wir hatten auch einen guten Draht zueinander.

Waren Sie überrascht?

Naja, ich habe mich immer gewundert, er hat ja Gitarre gespielt und gesungen – er hätte alle Mädchen begeistern können. Er hat ja auch mal mit einer Frau zusammengewohnt in Berlin Kreuzberg. Die hing leider an der Nadel, das war dramatisch. Zwei die Männer, in die er verliebt war, sind an Drogen gestorben.. Überrascht hat mich sein Coming-out jedenfalls nicht. Ich fand es auch gut, dass er es mal sagt und nicht in sich reinfrisst. Er hat ja schon früh Tagebuch geführt, auch mit 14. Damals stand davon aber noch nichts drin, wie ich jetzt weiß. Ich habe seine Tagebücher ja ganz lange nicht angerührt.

Mit der Schwulenbewegung hatte er nichts am Hut?

Er war einmal bei einer Schwulengruppe in Berlin. Da war aber nichts für ihn. „Nie wieder“, hat er danach gesagt. Dieses Vereinsmäßige – das war ihm zu bürokratisch.

Sie haben seine Band Ton, Steine, Scherben eine Zeitlang gemanagt, und später hat das Claudia Roth gemacht. Wie kam sie danach zu den Grünen?

Rio Reiser

Rio und die Claudia Roth haben irgendwann morgens am Frühstückstisch gegessen, die Scherben hatten sich gerade aufgelöst. Claudia guckte in die Zeitung, ich glaube, es war die taz – da stand eine Anzeige der Grünen, die suchten einen Pressesprecher. Rio sagte zu ihr: „Das ist ja genau das Richtige für dich.“

Sie haben mal in einem Interview gesagt, er wollte sie loswerden – warum?

Sie hat den Job gut gemacht, kreativer und professioneller als alle  ihre Vorgänger. Rio wollte aber nicht, dass sie die Band immer wieder die grünen Wahlkampfgeschichten reinzieht. Er hat ja politische Texte geschrieben, wollte aber nicht als Politgruppe durch die Gegend ziehen. Er wollte, dass die Scherben eine ganznormale Rockband sind.

Dafür ist Rio später in die PDS eingetreten.

Rio fand die politische Entwicklung nach der Wende nicht gut. Er hat sich fürchterlich aufgeregt, dass die BRD den Osten einfach schluckte. Er hat davon richtige Magenschmerzen gekriegt – er ist dann aus Protest in die PDS eingetreten (die Vorgängerpartei der LINKEN, Anm d. Red.). Sein Manager George Glueck, den ihm Annette Humpe vermittelt hatte, hat ihn gewarnt: ‚Deine Karriere ist dann gefährdet. Dafür müsstest du ein paar Millionen von Gregor Gysi verlangen – das Geld haben die ja.‘ Rio hat aber trotzdem eine Wahlkampftournee für diese Partei im 1990er Wahlkampf gemacht. Er hat sogar einen neuen Text vom „König von Deutschland“ gemacht, und ein Kinderchor namens Omnibus hat mitgesungen, auch ein Video gab es dazu. Und das war das Ende. Rio wurde nicht mehr im Radio gespielt, VIVA hat das Video boykottiert – das war für ihn nicht gerade toll. Der Plattenverkauf ging zurück. Rio hat aber weiter Musik gemacht, Theater gespielt und in Filmen mitgewirkt, und sogar noch seine Biographie geschrieben.

In der Denkweise mancher Medien kann ein schwuler Künstler nur an Aids sterben – so war das damals

Hat sich der Boykott erst nach seinem Tod gebessert?

Das kann ich nicht so genau sagen. Die letzte CD, „Himmel und Hölle“, die er gemacht hat, verkaufte sich nicht besonders. Die Kritiker sagten zwar, es sei sein bestes Album, aber im Rundfunk wurde davon nichts gespielt. Sein 10-Jahresvertrag mit Sony lief aus, und er wollte sich nicht mehr an einen Major binden, lieber mit seinem Label David Volksmund weiter Songs produzieren. Leider ist er etwa 14 Tage vor der Aufnahme für ein neues Album gestorben. Davor war er auf einer großen Tournee mit vielen Auftritten, das hätte er eigentlich nicht machen sollen. Seinen vorletzten Auftritt in Berlin-Weißensee musste er krankheitsbedingt absagen. Ich hab einen Arzt geholt, diese meinte, er solle mal  eine Magenspiegelung vornehmen. Hat er aber nicht gemacht, dafür ist er lieber mit seinem Freund Jan in mein Haus nach Ligurien gefahren.

Er starb am 20. August 1996 an Herz-Kreislauf-Versagen. Boulevardblätter hatten behauptet, er habe AIDS.

Die BILD Zeitung behauptete das, ja. Das konnte ich aber so nicht stehen lassen. Sein Arzt hatte dann schriftlich erklärt, dass das nicht stimmt. In der Denkweise mancher Medien kann ein schwuler Künstler nur an Aids sterben – so war das damals.

In Berlin finden zu Rio Reisers 20. Todestag mehrere Gedenkveranstaltungen statt: Um 14 Uhr in der Kapelle des Alten St. Matthäus-Friedhof  in Schöneberg, wo sich Rio Reisers Grabstätte seit 2011 befindet, gibt es Lieder und eine Lesung mit zwei Musikern von Ton Steine Scherben. Um 18.30 Uhr beginnt die Bootsfahrt „Scherben bringen Glück“, und um 20 Uhr lädt der Heimathafen Neukölln zum Gedenkkonzert u. a. mit Marianne Rosenberg.

Fotos: Promo/Gert Möbius Archiv


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