SODOM 8 ┬® Dog and Wolf Limited

Sodom und Gomorrha in Berlin

"Jeder kommt mal an den Punkt, etwas in seinem Leben verändern zu wollen"

In den vergangenen Tagen wurde in Berlin Mitte ein Film mit schwuler Thematik gedreht. Sodom wird er heißen und handelt von zwei Männern, einer durchzechten Nacht und dem Mut zur Veränderung. Für MÄNNER traf Dominik Djialeu die Hauptdarsteller Jo Weil („Verbotene Liebe”) und den britischen Theaterschauspieler Pip Brignall, sowie Regisseur Mark Wilshin (Foto: v.r.n.l.) und Produzent Gareth Hamilton in der Drehpause zum Gespräch.

Sodom

Foto: Héloïse Faure

In den Sozialen Netzwerken konnte man sich schon einen kleinen Eindruck von Euren Drehs machen. Ihr berichtet von anstrengenden Nachtdrehs, aber scheint auch eine Menge Spaß am Set gehabt zu haben. Wie liefen die Dreharbeiten?

Jo: Wir haben tatsächlich sehr viel Spaß und, das muss man sagen, trotz der vielen Nachtdrehs. In der Nacht zu drehen ist immer eine Ausnahmesituation, weil alle irgendwann müde werden und die Kräfte nachlassen. Und das neun Tage in Folge ist wirklich anstrengend, aber dass wir da, in dieser Konstellation noch immer Spaß und uns alle lieb haben, spricht dafür, was für ein tolles Team das ist, mit dem wir hier arbeiten.

Mark: Stressig würde ich das aber nicht nennen. Wir hatten zwar jeden Abend sehr viel zu tun, aber es war bisher alles sehr reibungslos.

Sodom

Um was geht’s in Eurem Film?

Mark: Es geht um einen jungen Mann, Will, aus Großbritannien, der seinen Junggesellenabend in Berlin feiert – in acht Wochen will er Amy, seine Jugendliebe, heiraten. Er trifft auf Michael, mit dem er nach Hause geht. In der Nacht, die die beiden miteinander verbringen, wird eine neue, unbekannte Seite in Will erweckt.

Und warum der biblische Titel?

Mark: Es geht in unserem Film um viele Sachen. Sodom ist zwar ein recht provokanter Titel, aber wir vollen damit andeuten, was es bedeutet schwul zu sein. Sodom spielt auf die biblische Geschichte von Sodom und Gomorrha an, in der Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, nachdem sie sich dem Verbot widersetzt und auf ihre brennende Stadt zurück schaut. Das Salzmotiv zieht sich als roter Faden durch den Film, gleichzeitig geht es um Themen wie Instinkt, Bauchgefühl und erste Male.

Jeder kommt mal an den Punkt, etwas in seinem Leben verändern zu wollen. Die Frage ist, ob er den Mut aufbringt

Gareth:  Es geht um den Mut, den jemand aufbringt, Dinge in seinem Leben zu verändern. In diesem Film sind es zwei Männer und es ist ein Gay Film, aber im Grunde ist es eine Sache, die jeden Menschen betreffen kann oder die er schon mal erlebt hat. Jeder kommt mal an den Punkt etwas in seinem Leben verändern zu wollen. Die Frage ist nur, ob er den Mut aufbringt, die Veränderung auch durchzusetzen.

Jo: Und ich glaube, das ist das Wichtigste, was auch der Antrieb unserer Figuren ist. Es geht immer wieder darum, wie viel Mut es braucht, sein Leben zu verändern. Und es geht nicht nur darum, ob man sich outet, sondern auch um allgemeine Dinge im Leben – wie viel braucht es, Veränderungen im Leben zu bewirken. Also gehe ich das Risiko ein, alles zu verändern, und bin dafür glücklich oder habe ich eben nicht die Eier dazu.

Sodom

Mark, Du leitest gemeinsam mit Deinem Produzenten Gareth Hamilton die Produktionsfirma Dog and Wolf Film, mit der bereits vier Kurzfilme entstanden sind. Warum hast Du Dir gerade dieses Thema für dein Langspieldebüt ausgesucht?

Mark: Hauptsächlich war das eine Frage des Budgets. Also mit welcher Story wir einen Langspielfilm mit wenigen finanziellen Mitteln drehen können. Manche Kurzfilme haben heute das Budget, mit dem wir hier einen Langspielfim drehen. Unsere Idee war es, mit wenigen Schauspielern eine Geschichte zu erzählen, die sich auf eine Nacht und einen Drehort beschränkt. Das war der Ausgangspunkt und darum herum haben wir die Geschichte entwickelt. 
Wichtig war dafür auch talentierte Schauspieler zu finden, die das auch umsetzen können, weil die ganze Geschichte durch die Unterhaltung zweier Personen erzählt wird. Das ist natürlich etwas anderes, als würden wir eine Geschichte mit großem Cast und schnellen Schnitten und Szenen erzählen. Wir haben eine ganze Zeit gebraucht, bis wir die richtigen Schauspieler gefunden haben.

Jo: Das bedeutet für uns eine ganz besondere schauspielerische Herausforderung, weil wir wissen, dass wir von Anfang bis Ende mit verantwortlich dafür sind, dass der Film spannend bleibt. Und die Chance so viel zu spielen hat man sehr selten, und das ist für uns beide das Reizvolle an dem Projekt.

Ich habe vorher einen Horrorfilm gedreht, in dem ich schon in den ersten 15 Minuten getötet wurde

Pip, Du spielst eigentlich in London Theater. Ist es Dein erster Filmdreh?

Pip: Ich habe vorher nur einen Horrorfilm gedreht, in dem ich schon in den ersten 15 Minuten getötet wurde (lacht), und das ist das erste Mal, dass ich die Möglichkeit bekomme auf der Leinwand eine Hauptrolle zu spielen, die so eine unglaubliche Entwicklung durchläuft. Und hier geht es ausschließlich um die Charaktere und unsere Performance in unseren jeweiligen Rollen, um unsere Beziehung zueinander. Das ist das, was jeder Schauspieler möchte. Ich bin sehr dankbar, dass Mark und Gareth mir die Möglichkeit gegeben haben das zu machen. Und ich bin zum ersten Mal in Berlin, das ist großartig.

Wie habt Ihr Euren Cast ausgewählt?

Mark: Es war ein langer, anstrengender Prozess, beim dem ich viel über Castings gelernt habe, und ich hoffe, ich muss das nie wieder so machen (lacht). Wir haben ein Casting in Berlin gemacht und nach Expats gesucht, die die Rolle des Wills spielen können, am Ende haben wir uns dann aber für Pip aus London entschieden.

Gareth: Auch sehr interessant an dem Projekt ist, dass wir mit einer sehr internationalen Crew arbeiten, mit zehn Nationalitäten und sechs Sprachen.

Wie kam es dazu?

Gareth: Größtenteils arbeiten wir mit Leuten, die einfach große Lust auf das Projekt hatten und ein Teil davon sein wollten. Ein paar kommen aus London, mit denen wir auch schon vorher gearbeitet haben und die Hälfte ist in Berlin ansässig. Es ist eine Crew, die Berlin heute auch ganz gut spiegelt – eine Expat Community mit  Leuten von Argentinien bis Europa.

Mark hat auch das Drehbuch geschrieben. Hattest Du eine konkrete Vorlage beim Schreiben oder wie ist die Geschichte entstanden?

Mark: Ich hab mich damit beschäftigt, was es bedeutet schwul zu sein. Für mich war das nicht nur Sex, was jeder erwartet. Für mich waren es mehr die versteckten Dinge. Wir reden heute über Homophobie, die Homoehe und über Gleichberechtigung und es scheint, als gebe es nichts weiter zu sagen, aber ich denke, da gibt es noch andere, verstecke Sachen, die angesprochen werden sollten.

Als Schauspieler homosexuelle Rollen zu spielen ist scheinbar heute noch immer eine heikle Sache, vor der viele Deiner Kollegen aus Angst, weniger Rollen angeboten zu bekommen, zurückschrecken. (Viele schwule Schauspieler wagen kein Coming-out – MÄNNER-Archiv.) Du hast aber bereits in „Verbotene Liebe” eine schwule Rolle übernommen, mit der Du einer breiten Masse bekannt geworden bist. Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht?

Jo: Das muss jeder für sich entscheiden. Ich bereue nicht, dass ich für „Verbotene Liebe” diese Rolle gespielt habe. Dadurch wurden mir viele Türen geöffnet. Auch zu nicht schwulen Rollen. Ich habe in einem vorherigen Interview mit MÄNNER schon einmal gesagt: Ich würde auch immer wieder schwule Rollen spielen, wenn es gute Rollen sind. Ich suche meine Rollen nicht nach der Sexualität aus, sondern danach, wie reizvoll und vielschichtig sie sind. Und das war bei diesem Drehbuch der Fall. Und ich glaube, unser Film ist nicht unbedingt ein Film, der sich ausschließlich mit dem Thema Homosexualität befasst. In der Geschichte werden sich ganz viele Leute mit ihren Ängsten wiederfinden, die dafür nicht homosexuell sein müssen. Ich glaube, die Leute können danach sagen: Ich hab die Message des Films verstanden und vielleicht geht es mir manchmal auch so, in anderen Situation.

Es gibt kein gay oder straight in dieser Welt. Es gibt so viele Nuancen dazwischen

Mark: Ich möchte da noch hinzufügen, dass einer der Gründe, warum ich das Buch geschrieben habe, die Möglichkeit ist Dinge zu verändern. Es geht einfach um den Mut Dinge zu tun. Ich wäre nicht in der Lage einen Film zu machen, wenn es nicht auch um Mut ginge.

Gareth:  Es geht auch um die Identität der Charaktere. Die stellen fest, dass Sexualität nur ein Rahmen ist, in dem man sich bewegt. Es gibt da kein schwarz oder weiß. Es gibt kein gay oder straight in dieser Welt. Es gibt so viele Nuancen dazwischen. Und unsere Charaktere erforschen das mit der Frage: Kannst du dich verändern, kannst du deinem Herzen folgen?

Was plant Ihr mit Eurem Film. Gibt es schon einen Kinostart?

Mark: Wir werden auf der Berlinale im Februar 2017 unsere Premiere feiern und dann werden wir sehen. Schön wäre es, dann noch auf weiteren Festivals zu laufen.

Jo: Wir machen heimlich unter uns schon Pläne, wo wir noch laufen wollen. (lacht)

Pip: Da gibt es einige Festivals, auf denen wir noch laufen wollen. Ich will auf dem Weg nach Toronto über Reykjavik , dann New York und San Francisco. Diese Liste wollen wir auf jeden Fall noch abarbeiten (lacht).

Szenenfotos: Dog and Wolf Limited


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