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„Die Homoszene ist nicht tot”

Was ist los in Tel Aviv? Vergangene Woche schloss sogar der beliebte Club "Evita"

von Kristóf Steiner*, Tel Aviv

 

Tel Aviv hat den Ruf der LGBTI-Hauptstadt des Nahen Ostens. Doch homosexuelle Touristen, die die israelische Kultur- und Partyhauptstadt besuchen, werden schnell herausfinden: Entgegen ihren Erwartungen gibt es keine Gay Bars in der Stadt. Vergangene Woche schloss sogar die Tanzbar Evita, einer der bekanntesten Treffpunkte der Stadt. Auch wenn es bisher keine offizielle Erklärung für die Schließung gibt, haben die Spekulationen bereits begonnen.

Die Partygewohnheiten haben sich verändert

Hat Tel Aviv etwa seinen Gay-Reiseziel-Status verloren? Nicht wirklich, wenn man an die 200.000 Menschen denkt, die am diesjährigen Pride teilgenommen haben. Sind es die Preise und hohen Mieten von populären Hotspots, wie dem „Evita”, die in keinem Verhältnis mehr stehen? Bestimmt, doch das ist noch lange kein Grund, nicht zum Beispiel einen reichen Investor anzuheuern, der die Locations rettet. Der eigentliche Grund ist folgender: In den letzten zehn Jahren haben sich die Partygewohnheiten so sehr verändert, dass die LGBTI-Community nicht mehr das Bedürfnis hat, sich von der Masse zu separieren.

In einer idealen Welt gibt es für Homosexuelle keine Notwendigkeit, sich in speziellen Bars und Clubs zu verstecken

In einer idealen Welt gibt es für Homosexuelle keine Notwendigkeit, sich in speziellen Bars und Clubs zu verstecken: Als Teil der Gesellschaft können wir einfach in jede Bar der Stadt gehen, trinken, flirten und daten, ohne uns unwohl zu fühlen. Mit anderen Worten: Tel Aviv ist zu gay, um ausschließlich gay zu sein.

Jeder Mann kann High Heels und Nagellack tragen

Der Grund, warum homosexuelle Veranstaltungsorte eröffnet wurden, war der, dass die Subkultur vor Jahrzehnten noch künstlich erschaffene Hotspots brauchte, um sich zu entwickeln. Das ist auch der Grund, warum klassische Gay Bars für aufgeschlossene, moderne Städte immer uninteressanter werden, während in konservativen, sagen wir: engstirnigen Regionen noch immer klassische Homo-Zufluchtsorte bevorzugt werden.

Tel Aviv ist keine von den Städten, in denen Homosexuelle an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden: Man kann auf einer belebten Straße Hand in Hand gehen (in Jerusalem sollte man sich das besser verkneifen – MÄNNER-Archiv), Regenbogenfamilien sind ganz normal, jeder Mann kann High Heels und Nagellack tragen, wenn er das wünscht, so wie jeder Schwule ein Holzfäller sein kann, sich einen dicken Bart wachsen lassen, Flip Flops tragen und das Klischee eines typischen heterosexuellen Kerls leben.

Die Gay Szene ist nicht tot – sie verändert sich einfach nur

Die Gay Szene ist nicht tot – sie verändert sich einfach nur. Und dieses Veränderung unterstützt eine gesunde Integration, für die wir, als LGBTI-Community auf der ganzen Welt Jahrzehnte gekämpft haben.

Nehmen wir als Beispiel den „Breakfast Club”, ein Party Hotspot im Zentrum der Stadt,  in dem alle willkommen sind – egal ob Mann oder Frau, hetero oder homo, jung oder alt, Hipster oder Yuppie. Oder denken wir an die geheime Bar „Anna Lou Lou” im Stadtteil Jaffa (hier trinkt man Tubi 60 – MÄNNER-Archiv) in der die Partyreihe „Arabs Do It Better“ stattfindet, die von homosexuellen Palästinensern genauso wie von aufgeschlossenen Juden besucht wird, unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Die Bars, die Stadt, der Strand und alles was dazu gehört, steht uns allen zu

Sogar das „Shpagat”, Tel Avivs bekannteste Bar mit homo-freundlichem Ruf hat entschieden, sich nicht als Gay-Spot zu definieren. Wie Co-Inhaber Imri Kalman glaubt: Die Zeiten der Gay Bars sind vorbei. Wir müssen uns auf alle Orte verteilen. Die Bars, die Stadt, der Strand und alles was dazu gehört, steht uns allen zu.

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„Apollo”, die letzte alte Gay Bar ist noch geöffnet. Aber ehrlich gesagt, niemand von meinen Freunden geht dort hin. Die meisten Besucher sind Touristen, die die Bar in einem schwulen Onlinereiseführer gefunden haben. Selbst strikte Gay Parties sind in nicht-schwule Locations umgezogen: die Bärenparty „Beef“, die bei Club Kids beliebte Party „Forever“  oder die Popmusik-Party „Dreck“, sind alle an Orten, die auch für Hetero Partys offen sind.

Es gibt ein paar schwule Sachen, die wir für uns behalten sollten

Und während die lokale Community mit dem Wandel zufrieden scheint, erwarten LGBTI-Touristen etwas klassisches, eine Art homosexuelle Phantasiewelt zu finden – für die ist Sauna momentan die einzige Alternative. Ich persönlich mag Tel Avivs neues „hetero-freundliches“ Gesicht in der Szene. Ich kenne viele Leute die hoffen, dass sich das kürzlich eröffnete, wunderschöne Gay Spa dem aktuellen Trend anschließt und sich zu einem Badehaus für alle Geschlechter wandelt. Nun: Wir sind alle für gemeinschaftliches Miteinander und dafür, Dinge zu teilen – aber es gibt ein paar schwule Sachen, die wir trotzdem für uns behalten sollten.

 

*Kristóf Steiner lebt in Tel Aviv, ist Kolumnist bei Time Out Israel, Gründer von www.whitecityboy.com, Blogger und TLV-Experte bei www.unlocktelaviv.com

Übersetzung: Dominik Djialeu

Fotos: Tel Aviv Tourismus


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