July 19 2012 Washington DC USA Truvada a newly FDA approved drug to help prevent HIV infecti

Was macht Truvada mit mir?

Ein Bericht aus der Praxis - aus den USA, wo Travada schon länger zugelassen ist

Immun gegen HIV dank PrEP! Die Zulassung der Europäischen Kommission für Truvada (MÄNNER-Archiv) als Präventionspille und die Zulassung in Deutschland machen diesen Traum greifbar. Trotzdem bleiben bei vielen Fragen. (MÄNNER-Archiv) Aber, was macht Truvada, wenn ich es täglich nehme, eigentlich mit mir? Peter Rehberg erzählt aus einer nahen Zukunft, die in den USA bereits Gegenwart ist

Als erstes stellt man sich ja die Frage: Warum soll ich mir täglich HIV-Pillen reinziehen, wenn ich gesund bin? Ein wichtiger Punkt, den jeder individuell, im Abgleich mit dem persönlichen Sexverhalten, klären muss. Wenn man sich danach für eine PrEP-Therapie entscheidet, okay. Die Anfangsfrage bleibt trotzdem relevant. Aber dazu später mehr.

Die Möglichkeit, sich zu infizieren, war immer da

Was mich betrifft, hatte ich 1984 mein Coming-out, also zu einer Zeit, in der die AIDS-Krise in der westlichen Welt auf dem Höhepunkt war. Seitdem hat HIV direkt oder indirekt eine Rolle gespielt. Im Freundeskreis, in Partnerschaften, beim Sex – die Möglichkeit, sich zu infizieren, war immer da. Mit dieser Vorgeschichte ist der Gedanke, dass man durch PrEP auf einmal in einer Welt lebt, in der man praktisch kein HIV mehr kriegen kann, schon irre. Ich bin vor vier Jahren in die USA gezogen, etwa zum gleichen Zeitpunkt, als PrEP dort zugelassen wurde. Seitdem wurde das Thema in der Szene und im Freundeskreis immer präsenter.

PrEP war irgendwann Standard

Irgendwann war es fast Standard, dass alle Leute PrEP nahmen. Es ist wahrscheinlich meiner deutschen Mentalität geschuldet, dass ich lange zögerte. Nebenwirkungen, Kosten, Verträglichkeit, das sind ja alles Dinge, die man bedenken muss. Dann hab ich den Doktor gewechselt und kam zu einem schwulen Arzt, der auf eine sehr amerikanisch-pragmatische Weise über das Thema redete. Er meinte: Die Testreihen sind eindeutig. Die Wirksamkeit liegt bei 93 bis 96 Prozent, ist also vergleichbar mit Kondomschutz. Nebenwirkungen sind normalerweise kein Problem. Und wenn es Unverträglichkeiten gibt, kann man Truvada als Negativer auch leicht wieder absetzen. Da dachte ich: Worauf wartest du eigentlich?

In den ersten zehn Tagen hab ich auf Nebenwirkungen förmlich gewartet

Inzwischen nehme ich seit zwei Jahren PrEP. Morgens vorm Zähneputzen schlucke ich eine Tablette, zusammen mit meinen Blutdruck- und Allergiemedikamenten. In den ersten zehn Tagen hab ich auf Nebenwirkungen förmlich gewartet. Freunde hatten erzählt, dass man Psychowirrwarr und wilde Träume bekommt. Tatsächlich hab ich nach dem Therapiestart anders geschlafen und sehr klar und intensiv geträumt. Ich hatte auch das Gefühl, dass mein Körper registriert, dass ich da was zu mir nehme. Ob das wirklich stimmt? Keine Ahnung. Vielleicht war es auch nur die Anspannung oder die Erwartungshaltung. Seitdem sind die Nebenwirkungen jedenfalls gleich null. Bei der ersten Routine-Untersuchung, die PrEP-Patienten alle sechs Monate machen müssen, war auch alles okay. Sogar die Nierenwerte. Eins der Hauptargumente gegen Truvada ist ja, dass es stark auf die Nieren geht. Bei mir war alles super.

Hauptsache ist: Das Misstrauen fällt weg

Hat sich sonst was verändert? Irgendwie schon. Allmählich tritt Entspannung ein. Mein Kopf hinkt der Tatsache, dass ich jetzt im Prinzip kein HIV mehr kriegen kann, zwar immer noch hinterher, trotzdem ist Sexualität weniger angstbesetzt. Welche Schlüsse man daraus zieht, ob man doch noch Kondome oder keine mehr benutzt, hat mit dem jeweiligen Partner und der jeweiligen Situation zu tun. Hauptsache ist: Das Misstrauen fällt weg. Ein Typ kann erzählen, was er will, oder nicht, und er kann wissen, was er will, oder nicht. Dadurch dass ich selber für Schutz sorgen kann, spielt das keine Rolle mehr. Ich hab auch das Gefühl, dass PrEP die Kommunikation über Sex allgemein verändert. Es wird offener geredet. Freunde informieren sich untereinander über PrEP, in Partnerschaften wird das Thema verhandelt, es gibt PrEP-Workshops in Bars. Hinzu kommt eine neue Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Hier kommt die Frage vom Anfang wieder ins Spiel: Warum soll ich mir täglich HIV-Pillen reinziehen, wenn ich gesund bin? Rentiert sich das? Irgendwie ist das Tablettennehmen bei PrEP schon mit der Vorstellung von großartiger Sexualität verknüpft. Aber der Alltag läuft ja weiter. In Phasen, wo man viel arbeitet und sowieso nicht zum Sex kommt, kommt also schon die Frage auf, ob man genug Sex hat, um PrEP nötig zu haben.

Titelbild: Imago/Zuma Press


22 Kommentare

  1. Fridolin Fröhlich

    Die Frage wird sein, wie teuer Truvada auf dem deutschen Arzneimarkt sein wird bzw. unter welchen Voraussetzungen das Medikament von Ärzten verschrieben wird.

    Vorteilhaft ist, dass der Patient nun eine absolute eigene Kontrolle über sein Schutzverhalten hat.

  2. Andrew Zurich

    Fine and well – aber was in diesem ‘Bericht’ schön sauber unterschlagen wird, ist dass man zwar beinahe kein HIV mehr bekommen kann, doch in den USA seit PrEP alle anderen STDs massiv zugenommen haben – und für Hep C gibt es nach wie vor keine wirklichen Therapien… Just sayin’.

  3. Dominik Reise

    ich schließe mich Herrn Zurich an, damit hat man evtl. eine möglichkeit das verbreiten von HIV zu vermindern, aber mir fehlt auch der hinweis in dem bericht, das HIV nicht die einzige übertragbare krankheit ist die übertragen werden kann

  4. Benjamin Lochner

    Krass…. habe schon so manche info bekommen. Was mir nicht in den kopf gehen will ist das es doch ein medizinisch notwendiges medikament ist. Und dennoch soll man es selbst zahlen. Wenn ich mich mit hiv infiziere sind dich die präparate noch teuerer als wenn ich schon eine gewisse vorsorge treffe.

  5. Bernd Ostermayer

    And if in 10 years there turn out to be severe side effects: peaople can STOP taking PrEP. SImply because they didn’t contract HIV. If they contract HIV, they can’t stop taking ART, NEVER.

    Also wenn sich in 10 Jahren herausstellt, dass PrEP schwere Nebenwirkungen hat, kann es jeder absetzen und in der Zwischenzeit haben sich eine Menge Leute NICHT mit HIV angesteckt. Wer einmal positiv ist, kann NIE aufhören, antiretrovirale Medikamente zu nehmen.

  6. Attila El-Zein

    Nicholas Feustel ich verstehe das medikament nicht. wieso nimmst du es wenn ich fragen darf? für mich macht das medikament nur sinn wenn ich in berlin wohnen würde und das berghain 24/7 offen hätte #darkroom danke für antwort

  7. Peter Müller

    Was gaaaanz viele vergessen, das Medikament schützt vor HIV, mag sein, aber alle anderen sexuell übertragbaren Krankheiten öffnet man Tür und Tor! Syphilis, Hep C, Tripper, Feigwarzen, etc. gibt es weiterhin trotzdem…

  8. Jon Kitchen

    Ich kann ein bisschen Deutsch ,aber nicht so gut. Ich spreche Englisch. Ich bin auf Indiana in der USA.Ich habe Deutsch Studieren.Ich bin ein Komponist auf Musik.


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