„Deutschland hinkt hinterher”

In ihrem letzten Amtsjahr hat Christine Lüders noch viel vor

Zum Berliner CSD wurde Christine Lüders untersagt, die Regenbogenflagge zu hissen. Also hängte sie sie ins Fenster (MÄNNER-Archiv). Für die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ist nun das letzte Jahr angebrochen. Sie hat noch viel vor.

Frau Lüders, im Sommer wurde darum gerungen, ob die Regenbogenflagge vor der Antidiskriminierungsstelle wehen darf. Sie durfte letztendlich nicht, aber Sie haben die Fahne dann geschickt ins Fenster gehängt. Gibt es eine Chance, dass man diese Frage beim nächsten CSD zivilisiert löst?
Ich halte den Flaggenerlass für völlig aus der Zeit gefallen. Besser wäre es doch, wenn in Zukunft jedes Ministerium und jede unabhängige Stelle frei darüber entscheiden kann, ob es ein Zeichen gegen Homophobie setzen möchte oder nicht. Andere Länder haben damit überhaupt kein Problem. Da hissen sogar Premierminister wie Justin Trudeau in Kanada die Flagge (MÄNNER-Archiv). Warum soll die ADS, die genau für das Thema Antidiskriminierung zuständig ist, dann ihre Regenbogenflagge nicht hissen können? Da erwarte ich einfach mehr Souveränität und ich werde auch weiter dafür kämpfen.

Antidiskriminierungsstelle

So sieht kanadische Souveränität aus: Justin Trudeau (Foto: Facebook)

Konkret heißt das?
Wir veranstalten im kommenden Jahr ein Themenjahr gegen die Diskriminierung von LGBT. Da wollen wir natürlich auch ein sichtbares Zeichen setzen. Daran arbeiten wir.

Gibt’s eine Chance, den Erlass zu ändern?
Das müssen sie den Innenminister fragen. Ich halte es jedenfalls für völlig abwegig, das Hissen der Flagge zu verbieten.

Die Flagge ist bei aller Wichtigkeit eine äußerliche Erscheinung. Erleben Sie es in anderen Bereichen, dass man Ihre Arbeit auch inhaltlich unterläuft?
Nein. Unsere Arbeit wird sehr ernst genommen. Natürlich gibt es auch mal inhaltlichen Streit um die Sache – etwa mit den Arbeitgeberverbänden. Das sehe ich aber ganz entspannt. Wir haben den Job, Menschen vor Diskriminierung zu schützen.  Und wir erheben sehr deutlich unsere Stimme, wenn versucht wird, Diskriminierung zu verharmlosen, nach dem Motto, das gibt es bei uns nicht. Was mir nur immer wieder auffällt: Oft kommen Argumente, die überhaupt nicht stimmen.

Zum Beispiel?
In einigen konservativen Medien habe ich zum Beispiel gelesen, in der Evaluation des Antidiskiminierungsgesetzes, AGG (MÄNNER-Archiv), das wir im Jahr des 10. Jubiläums in Auftrag gegeben hatten, forderten wir eine Migrantenquote. Das mag ja ein interessanter Vorschlag sein – nur steht er im Gutachten gar nicht drin! Da wird versucht, mit bestimmten Reizworten ein Worst-Case-Szenario zu suggerieren, mit dem die Antidiskriminierungsstelle, ich zitiere eine besonders rechte Zeitung, „das deutsche Volk bevormunden wolle“. Dabei  wollen wir die Menschen, aber auch die Unternehmen dafür sensibilisieren, dass Diskriminierung in diesem Land einfach keinen Platz hat. Ganz viele Unternehmen schmücken sich mit Diversity-Strategien, viele sind phantastisch aufgestellt. Jedes Unternehmen kann auch weiter frei auswählen, wen es einstellt – basierend auf den Fähigkeiten des Bewerbers. Jedem soll in Deutschland eine Chance gegeben werden. Das AGG sei lästig, verursache zu viel Bürokratie – diese Vorwürfe gibt es seit 10 Jahren. Es ist mir unverständlich, warum man unsere Arbeit als Angriff auf die unternehmerische Freiheit ansieht – das ist Quatsch.

Das vollständige Interview mit Christine Lüders erscheint in MÄNNER 10.2016 (hier geht’s zum Abo!)

Titelbild: ADS


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