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Selbstgerechtes Manifest

Der Wochenkommentar - von Jan Feddersen

Ab heute veröffentlicht MÄNNER immer samstags um 10 Uhr einen Wochenkommentar, verfasst von wechselnden Autoren. Zum festen Stamm gehören Axel Hochrein (LSVD-Vorstand), Stefan Mielchen (Erster Vorsitzender von Hamburg Pride) sowie Jan Feddersen. Der taz-Redakteur und ESC-Experte eröffnet die Reihe (und Dirk Ludigs hat ihm auch schon geantwortet – MÄNNER-Archiv).

Berliner Manifest

Jan Feddersen (c) privat

Nun ist ein so genanntes „Berliner Manifest” veröffentlicht worden, (nachzulesen ist es hier – MÄNNER-Archiv). Es wendet sich gegen AfD, es fordert Schwule, Lesben, Trans*- und Interpersonen in Berlin (und anderswo) auf, das Wahlkreuz nicht bei dieser in der Tat rechtspopulistischen Partei zu machen. Weder am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern oder in zwei Wochen für das Abgeordnetenhaus in Berlin.

Wir wollen, dass jedes Mitglied dieser Gesellschaft sein Leben nach den eigenen Bedürfnissen gestalten kann

Wörtlich heißt es: „Wir wollen, dass jedes Mitglied dieser Gesellschaft aufgeklärt und selbstbewusst ist und sein Leben nach den eigenen Bedürfnissen gestalten kann. Dazu braucht es eine Schulaufklärung, die die Realität abbildet, die Öffnung der Ehe, Gesetze, die die Würde von Trans* und Inter* achten, eine klare Anerkennung von LSBTI-Feindlichkeit als Asylgrund und den Widerstand gegen all diejenigen, die den Hass auf Minderheiten fördern.”

Das kann man nur unterschreiben, und das habe ich selbst auch getan. Klare Sache. Wirklich klare Sache? Ist es schon hinreichend, auch hier darauf hinzuweisen, dass die AfD in Baden-Württemberg für die Vergiftung des schulpolitischen Klimas in Baden-Württemberg in Sachen LGBTI-Aufklärung (MÄNNER-Archiv), in Berlin hingegen programmatisch für LGBTI-Rechte eintritt? Ist es schon Argument genug, wenn man in einer Unterschriftenliste wie beim „Berliner Manifest” darauf pocht, dass die AfD in Berlin die queere Szene und ihre politischen Ansprüche für ihre Zwecke gegen die nach Deutschland geflüchteten Menschen aus Afrika, Asien und dem Nahen Osten in Stellung bringt?

Gegen die Verweiberung und Verschwuchtelung der Welt

Ist es ernsthaft so simpel? Einerseits: ja. Ich persönlich würde niemals AfD wählen. Ich bin nie Wutbürger in irgendeiner Hinsicht gewesen, mich schreckt diese infame Energie, die von der AfD ausgeht, dieser Hass, diese Gebrüll von Leuten, die sich nicht anzustrengen vermögen, die sich abgehängt fühlen (meinetwegen) und die die Verweiberung und Verschwuchtelung der Welt (sie nennen es „Genderwahn”) fürchten und bekämpfen zugleich. Solche Leute gehören politisch bekämpft, und zwar cool – nicht mit moralischer Inbrunst.

Unsichere Nischen

Ernstzunehmen ist nämlich, dass viele schwule Männer, lesbische Frauen und Trans*menschen bereit sind, die AfD zu wählen, weil sie das Gefühl haben, diese Flüchtlinge aus homophoben gesellschaftlichen Kontexten seien so aggressiv, dass die Nischen, in denen wir leben, nicht mehr sicher sind. Es gibt, mit anderen Worten, eine gefühlte Bedrohung bei vielen. Es existiert wahrhaftig das, was man Angst, die einmal errungene Liberalität wieder einzubǘßen. Solche Wähler und Wählerinnen als rechts oder gar rechtsradikal abzutun, halte ich für falsch.

Man macht es sich damit zu einfach. Für eine kluge LGBTI-Bewegung könnte anspornend sein herauszufinden, was Lesben und Schwule in Schrecken und Furcht versetzt.

Okay, man kann es sich einfach machen. Ein Kommentator aus der Schwulenbewegung hat einst alles, was ihm geschmacklich nicht behagte, dem „gewöhnlichen Homosexuellen” zugeordnet, ihn als Spießer verurteilt und im Übrigen kein gutes Haar an bürgerrechtspolitischen Projekten wie der Öffnung der Ehe gelassen. Hat die Schwulenbewegung nicht selbst viel dafür getan, ließe sich fragen, dass eine Willkommenskultur mit beflügelt wurde, die nicht danach fragte, ob da nicht auch religiös begründete Homophobie ins Land gebracht wird?

Weiterlesen: „Es sind Christen und Christinnen, die keine queere Gleichberechtigung wollen” (Teil 2)

Titelbild: Berliner Manifest


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