Berliner_Manifest2

„Ein Weckruf unter Gleichgesinnten”

Dirk Ludigs reagiert auf den Wochenkommentar von Jan Feddersen

Dirk Ludigs, Mit-Initiator des „Berliner Manifest” reagiert auf den MÄNNER-Wochenkommentar vom 3. September:

Der taz-Redakteur und ESC-Experte Jan Feddersen, selbst Erstunterzeichner des „Berliner Manifests“ hat in einem Kommentar, den er online bei MÄNNER veröffentlichte (MÄNNER-Archiv), den Initiatoren und Initiatorinnen die Frage gestellt: Warum geht der Text nicht auf die Ängste ein, die einige LGBTI dazu bringt, rechte Parteien zu wählen. Feddersen findet: „Ernstzunehmen ist nämlich, dass viele schwule Männer, lesbische Frauen und Trans*menschen bereit sind, die AfD zu wählen (so wie gestern in Mecklenburg-Vorpommern – MÄNNER-Archiv), weil sie das Gefühl haben, diese Flüchtlinge aus homophoben gesellschaftlichen Kontexten seien so aggressiv, dass die Nischen, in denen wir leben, nicht mehr sicher sind. Es gibt, mit anderen Worten, eine gefühlte Bedrohung bei vielen. Es existiert wahrhaftig das, was man Angst [nennen könnte], die einmal errungene Liberalität wieder einzubüßen. Solche Wähler und Wählerinnen als rechts oder gar rechtsradikal abzutun, halte ich für falsch.“

Das tut das „Berliner Manifest“ nicht. Der Text wendet sich an keiner Stelle gegen Wähler*innen. Sondern explizit gegen „Parteien, Gruppierungen und Publizist*innen“, also das, was gemeinhin als Meinungsmachende bezeichnet wird.

Feddersen findet weiter, das Manifest hätte gut daran getan, sich auf die Gründe, die „Dimensionen der Debatte“ einzulassen, „zu untersuchen […]: Warum lassen sich Schwule und Lesben und Trans* überzeugen, ihren Protest anzumelden, in dem sie die Rechtspopulisten ins Parlament bringen?“ Und zieht das Fazit: „Lohnt es sich nicht, ein ,Manifest’ zu schreiben, das weniger selbstgerecht klingt?“

Sprachlosigkeit und oft fehlende Empathie nach innen

In meinen Augen begeht Jan Feddersen gleich zwei Denkfehler. Der erste: Er missversteht das Ziel eines Manifests. Das Manifest macht seiner lateinischen Wurzel gemäß „handgreiflich“, was die Positionen, Ziele und Absichten derer sind, die es unterzeichnen. Es ist eine Standortbestimmung, ein Weckruf unter Gleichgesinnten. Es war und ist die feste Überzeugung der Initiatoren, dass die Stärke der Rechten vor allem die Schwäche der Linken und Liberalen ist. Angewandt auf die Situation von LGBTI in Deutschland heißt das: die Sprachlosigkeit und die oft fehlende Empathie nach innen, die mangelnde Mobilisierungs- und Kampagnenfähigkeit nach außen. Statt mutig die eigenen Ziele voranzubringen, arbeiten sich – wie jetzt auch Feddersen wieder – zu viele zu oft an einer von Rechten gesetzten Agenda ab, verheddern sich in Abwehrkämpfe, die, das sage ich jetzt als Aktivist und nicht als Mitinitiator des Berliner Manifests, nicht zu gewinnen sind.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus Mangel an Aufklärung und Bildung?

Denn das ist der zweite und noch entscheidendere Fehler in Feddersens Kommentar. Der taz-Redakteur bleibt in seiner Analyse der Situation schwammig. Einerseits konzediert und erläutert er, dass all die Ängste vor Flüchtlingen keiner faktischen Überprüfung standhalten, dass sie vielmehr irrationalen Charakter tragen. Andererseits hofft er, ganz in der grünen Tradition, die jede Hinwendung zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit stets fast vollständig auf einen Mangel an Aufklärung und Bildung der Menschenfeinde reduziert, einem irrationalen Diskurs mit den Mitteln der Rationalität beizukommen. Alle die je auf Facebook oder in einer Schwulenbar länger als fünf Minuten diesen Versuch unternommen haben, wissen, wie fruchtlos er ist.

Gefühlte Wahrheiten, die sich von Fakten nicht beeindrucken lassen

Jan Schnorrenberg hat in seiner Arbeit zu „Homosexuellen in der AfD“ die verschwörungstheoretische Basis rechtspopulistischen Denkens überzeugend herausgearbeitet. Der US-Satiriker Steven Colbert nennt diese Basis „Truthisms“, gefühlte Wahrheiten, die sich von Fakten nicht beeindrucken lassen. Das spürt auch Feddersen, wenn er zu Ende die Argumente der Rechten benennt und schreibt: „Alles Lüge, möchte man fast sagen – würden eben diese Populisten ihrerseits nicht so oft mit dem Vorwurf der ,Lügenpresse’ hantieren.“

Eben, Jan! Warum den vielen Anlässen, sich von Verschwörungstheoretikern der „Lüge“ bezichtigen zu lassen, einen weiteren hinzufügen? Warum in die Fallen ihres Framings, ihrer Denkraster und Deutungsrahmen tappen? Es geht um einen Strategiewechsel: Warum nicht stattdessen die eigenen Kräfte, die noch in Passivität verharren, in Ratlosigkeit, in Angst vor einem fruchtbaren Schoß, aus dem es gekrochen kommt, ermutigen und aktivieren, an dem in jeder Hinsicht unvollendeten Projekt einer Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen, zu arbeiten; sich jenen anzuschließen, die das jetzt schon tun! Wenn wir von unseren eigenen Zielen überzeugt sind, überzeugen wir die Schwankenden durch unsere Taten, die Unüberzeugbaren beschämen wir und drängen sie ihrerseits in die Defensive.

Die Gutwilligen zu sammeln und dazu aufzurufen, dazu dient das „Berliner Manifest“. Ich bin der Überzeugung, die große Mehrheit der bis dato rund 1.500 Unterzeichnenden hat das verstanden. Die Aufgabe ist groß, sie ist nötig und sie muss jetzt beginnen! Fragen klären wir zur Abwechslung mal auf dem Weg und nicht im ewigen Plenum.

Titelbild: Berliner Manifest


3 Kommentare

  1. Bernd Gaiser

    Ein Manifest gegen die AfD ist ein Manifest gegen die AfD als parteiliche Organisation, und kein Aufruf gegen ihre Wähler. Und betrifft zu aller erst diejenigen, die wie von Storch, die Stirn haben, auf die Frage nach ihrem Aufruft Flüchtlinge an der Grenze mit Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern, mit dem Hinweis darauf reagiert, nie zum Waffengebrauch aufgerufen zu haben. Das ist zu entlarven und zu bekämpfen. Wer eine solche Partei wählt ist dagegen zu bedauern, weil Angst, von der er/sie sich leiten lässt, bekanntlich nie ein guter Ratgeber war. Nur wer sich von der Angst beherrschen lässt, nimmt die Gelegenheit war, die Kritik am Berliner Manifest mit der Forderung nach einem Manifest gegen islamische Homophobie zu verbinden (warum nicht gegen evangelikale oder römisch/katholische Homophobie?)

  2. Schwulenpapst

    Homosexualität kommt in allen Bevölkerungskreisen und auch mit allen Religionen vor. Somit ist sie auch in allen Beziehungskonstrukten zu finden, ohne je nach einer eigenen Form verlangt zu haben. Shereen El Feki hat darauf hin gewiesen, dass maghrebinische Homosexuelle nichts mit der Ehe am Hut haben, denn sie haben schon mit der heterosexuellen Verehelichung ihre Probleme.
    In den letzten Jahren haben sich immer mehr bürgerliche Männer in das Nest der Emanzipation gewagt und damit natürlich auch mit ihren Vorstellungen. Die Auseinandersetzung damit findet leider in keinem einschlägigen Medium statt. Die Parole lautet: „Vorwärts in die Homo-Ehe”! Ein weiteres Nest, aber nicht der Emanzipation, sondern der Bürgerlichkeit.
    Historisch gesehen sollte die Ehe geöffnet werden für zusätzliche homosexuelle Beziehungen. Aber da sind die Frauen davor! Und wir nehmen das einfach so hin.
    Statt eine Gemeinschaft aus mehr als zwei Menschen zu bilden, soll alles in die bürgerliche Zweierkiste gezwängt werden. Fraglos.
    Fetische wohin mann schaut…


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