große Wäsche in der Unterkunft

Die schaffen das (Teil 3)

Ein Jahr, nachdem Deutschland die Grenzen öffnete, blicken wir zurück: Wie wird queeren Flüchtlingen geholfen?

Um queere Flüchtlinge vor Diskriminierung in regulären Quartieren zu schützen, betreibt die Schwulenberatung Berlin seit Februar dieses Jahres eine Unterkunft für lesbische, schwule, bi-, trans- und intersexuelle Flüchtlinge. Neben Einrichtungen, die sich an besonders schutzbedürftige Geflüchtete wenden, ist die Queere Unterkunft Treptow die erste größere Einrichtung ihrer Art.

Uwe Pohling ist Ehrenamtskoordinator der Unterkunft und nach Tätigkeiten in anderen Flüchtlingseinrichtungen seit der Geburt des Hauses in Treptow mit dabei. MÄNNER traf Uwe, um sich von seinen Erlebnissen, seinem Engagement und seinen Beobachtungen in der Einrichtung erzählen zu lassen, die in den nächsten Tagen ihr sechsmonatiges Bestehen feiert.

„Ich arbeite ehrenamtlich für die Queere Unterkunft Treptow, eine Einrichtung, die für 122 LGBTI-Geflüchtete Platz bietet. Leute kommen zu uns, die aus den verschiedensten Gründen ihr Heimatland verlassen mussten. Das kann einerseits sein, weil sie in ihrem Land von der Familie oder der Gesellschaft wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden, weil sie in ihrem Heimatland nicht frei leben konnten, oder weil dort Krieg herrscht (so hilft England queeren Flüchtlingen – MÄNNER-Archiv). Auch kommen queere Flüchtlinge zu uns, weil sie in anderen Unterkünften Angst vor Entdeckung haben. Oder weil es in der Unterkunft bereits wegen ihrer Homosexualität Probleme gab. Sie wohnen bei uns, weil sie das erste Mal queer sein und leben können, ohne dass sie vor irgendetwas Angst haben müssen. Oft weiß die Familie nicht, dass ihr Sohn oder ihre Tochter schwul oder lesbisch ist. Oder dass sie in unserem Haus wohnen. Denn wenn das raus käme, könnte es Probleme geben. So gibt es in unserem Haus auch ein absolutes Fotografierverbot.

Flüchtlinge

Beispielwohnung in Treptow (Foto: Uwe Pohling)

Man geht davon aus, dass im letzten Jahr ca. 3000 – 3500 queere Flüchtlinge in Berlin angekommen sind. Und somit sind unsere 122 Plätze sicher ein guter Anfang, aber noch lange nicht ausreichend. Unsere Ehrenamtlichen engagieren sich auf verschiedene Weise: Das geht über die Essensausgabe, das Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache und Organisieren von Ausflügen bis hin zu künstlerischen und kulturellen Projekten. Die Ehrenamtlichen sind meiner Meinung nach eine der tragenden Säulen in der Unterkunft, sie waren auch eine super wichtige Hilfe bei der Ausstattung des Hauses.

Flüchtlinge

So wurden mehr als 170 Lampen montiert, rund 130 Stühle und 25 Tische aus Kiefernholz gestrichen, geschliffen und wieder gestrichen, sodass sie am Ende in den Regenbogenfarben erstrahlten, und in den doch weiß gestrichenen Wohnungen einen tollen Farbtupfer setzen. Mehr als 200 Vorhänge gekürzt und genäht und vieles mehr. Von März bis Juni wurden über 1300 Stunden in der Essensausgabe geleistet. Auch bei der Wohnungssuche sind jetzt die ersten Paten mit den Flüchtlingen unterwegs und helfen bei Ämter- und Behördengängen. Ich war als ehrenamtlicher Ehrenamtskoordinator von Anfang an mit dabei. Das macht weiterhin unglaublichen Spaß, und ich bin unendlich stolz auf mein Team.

Eine Bewohnerin hat angefangen zu weinen, und ich wusste zuerst nicht, was los ist

Sehr schön ist die Entwicklung, die man bei vielen beobachten kann. Als wir am Anfang des Jahres unser Haus eröffnet haben, waren die ersten, die eingezogen sind, noch sehr schüchtern und zurückhaltend. Manche haben sich auch erstmal total isoliert und sich beim Essen vor den anderen zurückgezogen, aber mit der Zeit kommen die meisten immer mehr an. Wir waren mit einigen Bewohnern auf dem Straßenfest und beim CSD, haben auf dem Wagen der Schwulenberatung gefeiert, und da hat man gemerkt, wie die Leute aufgeblüht sind. Ich hab z. B. eine Situation auf dem CSD erlebt, bei der eine Bewohnerin aus unserem Haus angefangen hat zu weinen und ich zuerst nicht wusste was los ist, bis mir ihre Patin erklärt hat, dass die Bewohnerin so glücklich und überwältigt war von der Demo – und davon dass so viele Menschen auf der Straße waren und alle so gut drauf waren. Das ging mir sehr nahe, und ich hab mir gedacht: Was will man mehr? Dann hat sich all die Zeit, Kraft und Liebe, die man in das Projek steckt, zu 200 % gelohnt. Das war ein tolles Erlebnis.

Manche werfen uns vor, dass wir die  Geflüchteten  wieder isolieren, weil wir sie in einem Ghetto unterbringen

Was ich immer wieder feststelle: So gespalten wie unsere Gesellschaft bei dem Flüchtlingsthema ist, so gespalten ist auch unsere Community. Auch LGBTI-Menschen haben zum Teil ein Problem mit unserem Haus. Manche werfen uns sogar vor, dass wir die Geflüchteten wieder isolieren, weil wir sie in einer ghettoisierten Form unterbringen. Also es gibt die, die das kritisch hinterfragen. Was ich auch okay finde. Aber ich wünsche mir echt sehr, dass es in anderen Städten auch Menschen in Politik und Gesellschaft gibt, die ähnliche Projekte auf die Beine stellen. Denn auch wenn es zur Zeit weniger Flüchtlinge sind, die nach Deutschland kommen, so sind schon viele queere Geflüchtete Menschen da, und die brauchen jetzt unsere Hilfe.

Es gehen immer wieder Helfer weg, dafür kommen neue dazu

Was man aber auch sagen muss, ist, dass die Euphorie der Gesellschaft im Bezug auf Willkommenskultur etwas zurück geht. Ich würde das aber nicht unbedingt als negativ betrachten. Es brechen immer wieder Helfer weg, dafür kommen neue dazu. Das ist ganz normal. Ehrenamtliche Arbeit ist immer ein dynamischer Prozess. Damit muss man klar kommen. Momentan sind wir noch um die 180 Ehrenamtler, die aktiv sind – mal mehr mal weniger.“

Wer Interesse hat, sich ehrenamtlich zu engagieren, kann an info@schwulenberatungberlin.de oder refugees@schwulenberatungberlin.de schreiben.

Teil 1 unserer Serie: München

Teil 2 unserer Serie: Dresden

Fotos: Uwe Pohling


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