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„Die Ergebnisse werden immer geschönt“

Der schwule LGBTI-Aktivist und Kandidat der Dumawahl Bulat Barantaev zur Russland-Wahl.

Nicht nur Berlin hat gestern gewählt (mehr zum Ergebnis im MÄNNER-Archiv) – auch in Russland gingen die Menschen an die Wahlurnen. Abgestimmt wurde über das russische Parlament, die Duma – allerdings mit sehr viel weniger Andrang, als es in Berlin der Fall war: War in der deutschen Hauptstadt die Beteiligung überdurchschnittlich hoch, gingen in Russland nur etwa 40 % der Stimmberechtigten zur Wahl. 2011 waren es noch 60%. Die Kreml-Partei Einiges Russland ist mit 51 Prozent deutlicher Gewinner, wie die Agentur Interfax nach Auszählung von etwa einem Viertel der Stimmen meldete. Das wäre im Vergleich zur letzten Wahl ein leichter Zuwachs von 2 %.

Putin hat es erreicht, dass alle Menschen, die nicht mit seinem Kurs einverstanden sind, zu Hause bleiben

Schuld an dieser niedrigen Wahlbeteiligung ist aus Sicht des prominenten sibirischen LGBTI-Aktivisten Bulat Barantaev (so macht er seit Jahren Front gegen das Regime – MÄNNER-Archiv) vor allem ein Mann – der russische Präsident: „Putin hat es erreicht, dass alle Menschen, die nicht mit seinem Kurs einverstanden sind, zuhause bleiben, weil sie wissen, dass sie in diesem betrügerischen demokratischen System nichts erreichen können. Denn egal, wie gewählt wird – die Ergebnisse werden immer geschönt.“

"Gelangweilt vom 'Einigen Russland'?" - Bulat kandidierte 2010 als Abgeordneter für das Stadtparlament von Novosibirsk

„Gelangweilt vom ‚Einigen Russland‘?“ – Bulat als Kandidat für das Stadtparlament von Novosibirsk (2010)

Was dieses „Beschönigen“ angeht, hält Bulat, der selbst bei der Dumawahl für die progressive Parnas-Partei als Kandidat angetreten ist, nicht nur die Wahlbeteiligung für sehr viel niedriger als offiziell behauptet. Der  Aktivist ist auch davon überzeugt, dass Putins Partei „Einiges Russland“, die in aktuellen Hochrechnungen zu den gestrigen Wahlen bei 44% der Stimmen liegt, nur durch systematischen Betrug zur Volkspartei wurde: „Das Prinzip kennt man von afrikanischen Staaten: Erst fälscht man die Ergebnisse, um zu demonstrieren, dass man von einer Mehrheit unterstützt wird. Und plötzlich erhält man wirklich Unterstützung durch einen großen Teil der Bevölkerung, weil die Menschen zur Mehrheit gehören wollen.“

Unverbesserlicher Demokrat

Im Gegensatz zu vielen anderen oppositionellen Russen hat Bulat jedoch selbst nicht das Handtuch geworfen und geht als unverbesserlicher Demokrat nach wie vor zur Urne. „Ich bin davon überzeugt, dass Wählen immer einen Unterschied macht. Wir können die Situation nur verbessern, wenn wir auch selbst etwas tun, anstatt nur stillzusitzen und zu bedauern, dass alles schlecht ist.“ Selbst die prognostizierte Mehrheit für Putins „Einiges-Russland“-Partei sieht er in diesem Zusammenhang als Chance: „Wenn man das hochrechnet und die Manipulationen abzieht, haben letztlich nur etwa 13% der Bevölkerung für diese Partei gestimmt. Die restlichen 87% könnten alles ändern.“

„Niemand investiert in einen offen schwulen Kandidaten.“

Was seine eigene Kandidatur angeht, hält sich Bulat trotz der vielen Medienaufmerksamkeit für seine Person außerhalb von Russland im Interview derweil vornehm zurück: „Ich habe nur wenig an dieser Wahl teilgenommen – schlicht und ergreifend, weil ich kein Geld hatte. Niemand investiert in einen offen schwulen Kandidaten. Aber ich habe einem Kollegen mit besseren Chancen geholfen. Wir haben über Google Werbung gemacht, nachdem uns Zeitungen und Radiostationen abgelehnt haben. Es ist klar, dass das daran liegt, dass unsere Partei Putin am heftigsten kritisiert hat.“

Dumawahl

Vor allem in Skandinavien hat Bulats Kandidatur für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Wenn es um die Situation der LGBTI-Rechte in Russland geht, wird die öffentliche Diskussion aus Bulats Sicht viel zu stark von Putin und den staatlichen Medien bestimmt, als dass die Wahlen das Thema wieder auf die Tagesordnung setzen könnten: „Das ist ist nichts, worüber gesprochen wird. Schon alleine, weil in Russland auch die Debatten gefälscht sind. Da wird nicht wirklich diskutiert. Meistens haben die Redner nur 5 Minuten, um ihre Standpunkte vorzutragen. Und da ist das LGBTI-Thema viel zu wenig relevant für die Mehrheit des Publikums, als dass es überhaupt zur Sprache gebracht werden würde.“

Ein ausführliches Interview mit Bulat findet Ihr in MÄNNER 9.2016.

Titelbild: privat

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