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Mit Elefanten gegen Putin und Co.

Bulat Barantajew kämpft seit Jahren beharrlich und kreativ für Homorechte

Nach Angaben des renommierten Lewada-Zentrums ist jeder 2. Russe überzeugt, dass es bei der Duma-Wahl am 18. September Verstöße gegen das Wahlrecht geben wird – Manipulationen durch die Wahlkommission oder Stimmenkauf durch die Parteien. Einer der tapfer gegen das System kämpft, ist Bulat Barantajew. Er lebt in der 1,5-Millionen-Stadt Novosibirsk und setzt sich seit Jahren beharrlich und kreativ für Homorechte ein. Inzwischen ist er zu einer Galionsfigur der russischen LGBTI-Bewegung geworden und kandidiert als erster offen schwuler Mann für die Duma.

Bulat, wann hast Du angefangen, für queere Rechte zu kämpfen?      

2005 war ich in einen Autounfall verwickelt und begann zu verstehen, dass das Leben nicht unendlich lang ist. Ich beschloss, mein eigenes Leben zu leben und nicht das, das die Gesellschaft mir vorschreibt. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Familie, daher hatte ich mein Coming-out gegenüber ihnen zuerst, dann gegenüber meinen Freunden. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich stark genug fühlte, um selbst aktiv zu werden. Ich mag es, öffentlich zu sein, auf einer Bühne zu sprechen. Ich hatte damals einen sehr guten Job und beschloss, dass meine Ausgangslage gut genug ist, um mich für LGBTI-Rechte zu engagieren. Ich war außerdem inspiriert durch Filme wie „Milk“ (Die US-Post hat eine Briefmarke mit dem Konterfei des ersten offen schwulen Politikers der USA herausgebracht – MÄNNER-Archiv). Ich hatte mich schon vorher für Demokratie eingesetzt und zusammen mit anderen versucht, der Öffentlichkeit zu zeigen, was das Regime von Putin alles anrichtet. Ich glaube, ich gehörte zu den Leuten, die Putin schon gehasst haben, bevor es in Mode kam. (lacht)

Du stehst vor allem für große Plakatkampagnen in der Stadt.

2011 lud ich einige Freunde ein, mit mir zusammen ein 12 Meter großes Plakat zu entwerfen, das wir im Stadtpark im Zentrum von Novosibirsk gegenüber dem Rathaus aufhängen wollten. Auf dem Poster stand: „Wie geht ihr mit einem Kind um, wenn es herausfindet, dass es homosexuell ist?“

Duma

Daneben waren zwei Pfeile zu sehen, die zu einem Herz oder zu einer Schlinge führen. Das verursachte natürlich einen großen Skandal. Vor allem, weil wir über Kinder gesprochen haben. Man warf mir vor, dass ich mich nur wichtig machen will. Aber es kamen auch Journalisten auf uns zu – ganz ohne uns homophob zu begegnen. Das lokale Staatsfernsehen machte einen sehr schönen Beitrag zu dem Thema. Einen Monat später starteten wir eine Kampagne zu Sexualität in der Natur: große Plakate mit Elefanten und Enten und Slogans wie „Homosexuelle Enten haben sich keine homosexuelle Propaganda angesehen“ oder „Homosexuelle Elefanten sind keine Modeerscheinung“.

Duma

„Homosexuelle Elefanten sind keine Modeerscheinung“

Hat die Stadt nie versucht zu verhindern, dass Ihr diese Plakate aufhängt?
Für die Kampagne mit den Tieren bekamen wir seitens der Stadtverwaltung lange keine Genehmigung. Anfangs hieß es, der Ort, wo wir die Plakate aufhängen wollten, sei schon vergeben. Ich probierte es etwa zehn Mal mit weiteren Orten und bekam dieselbe Antwort. Eines Tages bestellten sie mich zum Rathaus ein, um einen Antwortbrief abzuholen. Als ich das Rathaus verließ, wurde ich von einer Gruppe von Schlägern in Sportklamotten angegriffen. Mir war sofort klar, dass dies eine Aktion vom Bürgermeister und der Stadtverwaltung war, um uns ruhigzustellen. Ich denke, dass die Information, wann ich kommen würde, an die Polizei und von dort wiederum an homophobe Gruppen weitergegeben wurde. Auch beim Aufhängen der Plakate wurden wir von einer Gruppe von etwa zehn maskierten Teenagern mit Eiern beworfen. Die konnten die Information, dass wir an diesem Tag aufbauen würden, eigentlich nur durch die Polizei haben.

Wie kamen die Plakate an?

Anfangs reagierten selbst progressive Journalisten und Blogger noch sehr allergisch auf unseren offenen Umgang mit Homosexualität. Das hat sich aber geändert – vermutlich auch, weil ich nicht einfach verschwunden bin. Ich bin ich selbst geblieben und poste weiterhin Dinge über Homosexualität bei Twitter, zum Beispiel Fotos mit meinem Freund oder Fotos von Pride-Demonstrationen außerhalb von Russland. Sie konnten es also nur so akzeptieren, wie es ist. Und es hat funktioniert: Seit die progressiven Kräfte mit offen schwulen Menschen wie mir in Kontakt kommen und sehen, dass ich kein schlechter Mensch bin, ist es bei ihnen aus der Mode gekommen ist, homophobe Dinge zu sagen und zu schreiben.

Hast Du jemals versucht, eine Demonstration in Novosibirsk zu organisieren?

Nein, wir haben selbst nie Umzüge organisiert. Aber wir haben an einer Studentendemonstration teilgenommen, an der sogenannten „Monstration“, die von Künstlern organisiert wird. Solche Monstrationen veralbern kommunistische „Demonstrationen“, jedes Jahr nehmen viele Menschen mit witzigen Plakaten und Verkleidungen teil. Wir entschieden uns im Jahr 2012 dafür teilzunehmen, und die Organisatoren waren bereit, uns mitmarschieren zu lassen. Damals wurde gerade das „Anti-Propaganda-Gesetz“ auf lokaler Ebene eingeführt und wir machten ein großes Poster, das sich darüber lustig machte. Wir wurden dann während des Umzugs körperlich attackiert und gingen mit Fotos und Videos der Angreifer zur Polizei, aber es ist nichts passiert.

Wie wirkt sich das „Anti-Propaganda-Gesetz“ auf Deine Arbeit aus?

Praktisch müsste man dafür an einem öffentlichen Ort über konkrete Sexpraktiken sprechen. Aber das macht so natürlich niemand, deshalb wurde das Gesetz bisher auch kein einziges Mal angewendet. Für unsere Poster mit den Tieren könnten wir beispielweise nach diesem Gesetz nicht angezeigt werden. Wir haben sogar Poster an einer Autobahn angebracht, die sagen, dass Männer, die Schwule hassen, körperliche Reaktionen zeigen, wenn sie schwulen Sex sehen. Auch die blieben ohne Konsequenzen. Ich glaube, es ging bei diesem Gesetz eher darum, Stimmung zu machen.

Das vollständige Interview steht in MÄNNER 9.2016.

Fotos: privat


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