Eine Liebe aus Russland

Felix (links) und Ezra lassen sich vom Antihomophobie-Gesetz nicht unterkriegen

Im März 2015 veröffentlichte Felix das obige YouTube-Video, er nennt es sein „zweites Coming-out“. Darin redet er offen über sein Schwulsein und sagt, dass es etwas ganz Normales ist – und am Ende tanzt er. „Wir müssen darüber sprechen“, erklärt er mir, als ich ihn Anfang August in Moskau treffe. „Aber niemand macht das, alle anderen fürchten sich.“

Der Anteil derer, die ihm Schmerzen oder den Tod gewünscht haben, war gering

Felix, der nach der Schule 2010 nach Moskau übersiedelte, um Kunstgeschichte zu studieren und freier leben zu können, hat auf sein Video sehr viele Reaktionen erhalten. Der Anteil derer, die ihm Schmerzen oder den Tod gewünscht haben, war nur gering. In den allermeisten Kommentaren und Zuschriften dankte man ihm und wünschte ihm alles Gute. Und dann war da eine Nachricht von Ezra. So fing es an.
Sein Video überzeugte auch die eigene Familie. Hätte sie weiter auf stur gestellt, wäre er bereit gewesen, mit ihnen zu brechen. Bei seinem ersten Coming-out war er 16. Die Mutter brachte ihn zum Psychologen, heulte und schrie. „Sie machte sich Sorgen“, sagt Felix heute. Mittlerweile ist es für sie okay. Auch die Großmutter hat er auf seiner Seite, beim Großvater ist es schwieriger.

Können Schwule eine Glühbirne wechseln?

Ezra hat es mit seinen Eltern und den Brüdern ungleich schwerer. Einfache Leute, die in Dagestan leben, in einem Bergdorf. Die Menschen in der Nordkaukasus-Republik sind mehrheitlich muslimisch. Seine Familie ist nicht fanatisch, aber sich vorstellen, wie es sowas wie Homosexualität geben kann – das können sie nicht. Ezras Mutter hat sich erkundigt, ob Schwule eine Glühbirne wechseln oder ein Auto fahren können. Seit seine Familie weiß, dass er schwul ist, haben sie ihn aus Moskau in ihr Bergdorf nach Hause gelockt, indem sie behaupteten, die Mutter sei krank. Einmal hat er die halbe Nacht auf der Arbeit in Moskau verbracht, weil draußen seine Brüder warteten, um ihn zu verschleppen. Sie haben ihn bei anderer Gelegenheit entführt und ihm seinen Reisepass abgenommen (die Geschichte erinnert fatal an das, was dem Berliner Nasser widerfahren ist – MÄNNER-Archiv). Er ist ihnen immer wieder entwischt, auch seinen Pass hat er zurück.

Felix machte sich große Sorgen, als sein Freund von seiner Familie in Dagestan festgehalten wurde. Er möchte mehr solcher Videos veröffentlichen, wie das, wodurch er Ezra kennengelernt hat. Aber dann ist da auch noch seine Diplomarbeit, die Anfang 2017 fertig sein soll.

Russland

Ezra und Felix auf dem Moskauer Polizeirevier

Nach dem Anschlag von Orlando (MÄNNER-Archiv) sind sie zur US-Botschaft gefahren, um eine Kerze anzuzünden und Blumen niederzulegen. Sie hatten auch ein Schild dabei, auf dem „Love Wins“ stand. Ein Polizist trat ihnen in den Weg und wollte sie wegschicken, ihr Plakat sei zu groß. Ezra sagte: Wir gehen nicht! Die beiden wurden gepackt und ins Polizeiauto gebracht. Auf dem Revier fragte man sie, was auf dem Schild stehe. Man befürchtete etwas Verbotenes, eine Art Propagandaaktion und brachte sie in eine Zelle, schloss allerdings nicht ab. Ein Anwalt kam, und das Paar konnte wieder gehen. Die Polizei stellte fest, dass sie einen Fehler gemacht hatte: Präsident Putin hatte nach dem Massaker im „Pulse“-Club offiziell sein Beileid für die Opfer und ihre Angehörigen ausgesprochen und zur Solidarität aufgerufen. Genau das hatte die Polizei nun unterlaufen.

Warum sich Felix und Ezra mit Vorliebe vor Kirchen küssen, steht in MÄNNER 9.2016.

Fotos: privat


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