Nuernberg Schild auf einer Pegida Gegendemonstration mit roter Rose und dem Schriftzug Refugees welc

Die schaffen das (Folge 1)

Ein Jahr, nachdem Deutschland die Grenzen öffnete, blicken wir zurück: Wie wird queeren Flüchtlingen geholfen?

Am 4. September 2015 entschied die Kanzlerin, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen und Menschen, die vor allem aus Syrien, dem Nordirak und Afghanistan geflohen waren, ins Land zu lassen und ihnen zu helfen. Zuvor hatte Angela Merkel (CDU) die Losung ausgegeben: „Wir schaffen das“. Auch wenn ihr Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) das schon eine Woche zuvor gesagt hatte, wie jetzt ein Tagesthemen-Bericht beweist. Egal. Unter den Hilfesuchenden waren und sind nach wie vor viele LGBTI-Menschen, die in den Flüchtlingsunterkünften in Deutschland weiter Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt sind. Speziell für sie wurden bundesweit Initiativen gegründet (das war in MÄNNER 10.2015 unser Schwerpunktthema). MÄNNER fragt nach, wie die Ehrenamtlichen auf die Erfahrungen der letzten 12 Monate zurückblicken, was sie gelernt haben und wie sich ihr Leben verändert hat. Teil 1 unserer 4-teiligen Serie führt uns nach München.

Als vor einem Jahr  immer mehr Flüchtlinge am Hauptbahnhof München ankamen, entschied sich Arne Brach spontan, bei Facebook um Geldspenden zu bitten. Dann fuhr der heute 39-Jährige einkaufen und anschließend zum Hauptbahnhof. Das hat er im vergangenen Jahr sehr oft getan (MÄNNER-Archiv).

Schlechte Koordination, keine Ansprechpartner

Arne, der in München für die Grünen im Bezirksausschusses von Ludwigsvorstadt/ Isarvorstadt sitzt und Inhaber der schwulen Bar „Jennifer Parks“ ist,  kannte viele, die 20 Euro oder mehr zu spenden bereit waren. „Aber in die Drogerie fahren und 20 Zahnbürsten kaufen, das machen dann doch die meisten nicht.“

Freunden arbeiteten am Hauptbahnhof als freiwillige Helfer und stießen oft an ihre Grenzen. Das große Problem war die Kommunikation. Es gab oft keine Ansprechpartner, schlechte Koordination. „Zum Beispiel: Alle bringen Klamotten, aber niemand Hygieneartikel.“ Heute, glaubt er, wäre die Stadt besser vorbereitet.

Manchmal waren es auch ganz andere Dinge, die die Menschen brauchten. So war Arne auch in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die konnte er mit Gitarren und Percussioninstrumenten, die er mit Spendengeldern gekauft hatte, glücklich machen.

Er ist das genaue Gegenteil von der Art Mensch, wie Rechte sie gerne darstellen

Einen richtigen Plan hatte Arne damals nicht. Er hat einfach angefangen. Die Spendensumme wurde irgendwann fünfstellig – ein ziemlicher Erfolg. Er hat durch seine Hilfsaktion auch viele Leute kennengelernt, die mit sehr  viel Herzblut geholfen haben, privat, auf Eigeninitiative, oder ehrenamtlich für eine Organisation.

Einen afghanischen Jugendlichen hat er im Rahmen seiner Hilfsaktion kennengelernt – „das genaue Gegenteil von der Art Mensch, wie Rechte sie gerne darstellen oder wie sie mit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht in Verbindung gebracht werden“, erzählt Arne. Als Schiit gehörte er der Minderheit in Afghanistan an und floh aus seiner Heimat, ließ die Eltern zurück. Jetzt, wo er in Sicherheit ist, telefonieren sie regelmäßig.

Was passiert, wenn in der Unterkunft, in der sein Mündel lebt, irgendwann herauskommt, dass sein Vormund schwul ist?

Da der junge Mann erst 15 ist und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam (Behörden sprechen von MuFl oder umF), wurde ein Vormund gesucht – und Arne erklärte sich gerne bereit. Zuvor stellte er aber klar, dass er schwul ist, um keine bösen Überraschungen zu erleben. „Es gibt sicher Jugendliche, die es scheiße finden würden.“

Der junge Schiit, der seit Juni Arnes Mündel ist, hat keine Berührungsängste. Er akzeptiert auch Arnes Partner. Die Frage ist, was passiert, wenn in der Unterkunft, in der sein Mündel lebt, irgendwann herauskommt, dass sein Vormund schwul ist. Aber das ist momentan kein Thema. Ob der Junge vielleicht selber schwul ist, weiß Arne nicht. Er hat ihn nicht gefragt.

Flüchtlinge

Arne Brach hilft Flüchtlingen in München (Foto: privat)

Ich bin für ihn Mutter und Vater

Mindestens einmal die Woche unternehmen sie etwas gemeinsam, gehen spazieren oder ins Kino. Vor dem Gesetz ist Arne der Erziehungsberechtige. „Ich bin für ihn Mutter und Vater“, sagt er. Alltagspflichten wie die Versorgung liegen bei der Unterkunft, wenn es um die Wahl der Bank, die Schulwahl oder das Aufenthaltsrecht angeht, redet Arne mit.  Und wenn der junge Asylbewerber zu einer Anhörung muss, wird Arne ihn als sein gesetzlicher Vertreter begleiten. Der geht auch zu Elternabenden – das müsste er nicht, aber er wollte das gerne machen. Sein Mündel lernt jetzt Deutsch und will in den nächsten zwei Jahren seinen qualifizierten Hauptschulabschluss schaffen.

Finanzielle Pflichten hat Arne als Vormund nicht. Einmal im Jahr muss er einen Bericht schreiben und kann für seine gesamten Aufwendungen 399 Euro in Rechnung stellen. Das ist nicht viel, aber des Geldes wegen macht Arne das alle ja ohnehin nicht.

Titelbild: Imago


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