HIV: Neudiagnosen sinken deutlich

Es haben sich wahrscheinlich so wenig schwule und bisexuelle Männer infiziert wie lange nicht

Die gute Nachricht zuerst: Es haben sich 2014/2015 in Deutschland wahrscheinlich so wenig Männer die Sex mit Männern (MSM) haben mit HIV infiziert, wie lange nicht, obwohl sich insgesamt mehr Menschen mit HIV infiziert haben. Die Zahl der Neudiagnosen für die Gruppe der MSM sank im gleichen Zeitraum um fast sechs Prozent von 1702 auf 1616 Fälle. Das könnte schlicht daran liegen, dass weniger schwule und bisexuelle Männer zum Test gegangen sind, was, da kein signifikanter Einbruch beim Testverhalten zu beobachten ist, in dieser Größenordnung aber unwahrscheinlich ist. Das geht aus dem  Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2015 hevor, dass das Robert Koch Institut vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. Es gilt immer noch: Wer viel vögelt, vögelt safer. (MÄNNER-Archiv)

Drei Viertel der Befragten berichten, dass sie sich immer vor HIV schützen

Denn auch das Schutzverhalten ist erfreulich stabil: Das belegt die Studie „Schwule Männer und HIV/Aids“ (SMHA) hervor, die die Deutsche AIDS-Hilfe im Mai veröffentlicht hat. 16.734 homo- und bisexuelle Männer haben der Sozialwissenschaftler Jochen Drewes und der Psychologe Martin Kruspe dafür im Jahr 2013 befragt. Drei Viertel der Befragten berichten, dass sie sich immer vor HIV schützen, wenn ein Risiko bestehen könnte. 17% berichten gelegentliche ungeschützte Kontakte, 9% häufige Risiken (mehr als fünfmal in den 12 Monaten vor der Befragung). Der Anteil der Männer, die von Risikokontakten berichten, ist im Vergleich zur letzten Untersuchung 2010 stabil. Für den oft befürchteten Einbruch beim Schutzverhalten gibt es in dieser Studie keine Hinweise.

Weniger Kondome in festen Beziehungen

Wohl aber für Veränderungen: In festen Partnerschaften werden offenbar immer seltener Kondome benutzt. 60% haben im Jahr vor der Befragung mit dem festen Partner nie Gummis verwendet, nur 19% immer. Der Verzicht auf Kondome ist dabei aber nicht gleichzusetzen mit einem HIV-Risiko. Er ist unproblematisch, so lange beide Partner HIV-negativ oder HIV-positiv sind oder die Therapie des HIV-positiven Partners den HIV-negativen schützt. „Der Wunsch nach Sex ohne Kondom ist vollkommen in Ordnung“, sagt Dirk Sander, Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe. „Wichtig ist, dass man regelmäßig einen HIV-Test macht beziehungsweise sicherstellt, dass die Schutzwirkung der Therapie gegeben ist. Ganz entscheidend ist, dass man über eventuelle Risiken außerhalb der Beziehung offen spricht.”

Kommunikation oft unzureichend

Das klappt nicht immer: 88% der Befragten, die in offenen Beziehungen leben, haben mit ihrem Lebenspartner eine Vereinbarung, dass sie in der Beziehung auf Kondome verzichten, beim Sex mit anderen Partnern aber konsequent auf Schutz achten. Rund die Hälfte der Männer hat allerdings keinen aktuellen HIV-Test vorzuweisen. „Zudem wird über Verstöße gegen die Vereinbarung, die von einem Fünftel der Teilnehmer berichtet wird, nur unzureichend mit dem Partner kommuniziert“, stellen Jochen Drewes und Martin Kruspe in ihrer Auswertung fest. Die Nutzung von Kondomen insgesamt ist seit 2010 stabil geblieben, im Vergleich mit früheren Untersuchungen aber rückläufig. Die Befragten geben aber gleichzeitig nicht mehr Risikokontakte an. Dieser scheinbare Widerspruch könnte nach Einschätzung der Forscher darauf hindeuten, dass manche auf Kondome verzichten, wenn sie davon ausgehen, dass ihr Partner ebenfalls HIV-negativ ist und dies nicht als Risiko empfinden. Die Daten der Studie können eine Zunahme dieser fehleranfälligen Schutzstrategie allerdings nicht nachweisen.

Über die Hälfte der MSM in Deutschland ist nicht ausreichend getestet

Ein weiterer Knackpunkt ist der HIV-Test. Denn die schlechte Nachricht ist: Bei 27% liegt der letzte Test mehr als ein Jahr zurück. 35%, vor allem Jüngere, haben sich noch nie testen lassen. Heißt: Über die Hälfte der MSM in Deutschland ist nicht ausreichend getestet. Auch Männer, die ihre sexuelle Orientierung als problemhaft empfinden, gehen häufiger nicht zum Test. Anders formuliert: Diskriminierung und verinnerlichte Homophobie wirken sich negativ auf das Testverhalten aus. Auch auf andere sexuell übertragbare Infektionen lassen sich schwule Männer noch zu selten testen. Die Deutsche AIDS-Hilfe rät dazu, sich alle sechs Monate auf sexuell übertragbare Infektionen und HIV testen zu lassen.

Text: PaulSchulz/DAH, Foto: Fotolia/pololia

Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2015


8 Kommentare

  1. Oliver Rauehl

    Mehr Leuten mitmachen praeventition strategien: mit medikamenten (prep oder mit tabletten bis sie die „undetectable status” kriegen), sie benutzen gummis, und sie benutzen die richtige positionen fuer safer sex (entweder ob sie Aktiv, oder passiv in die tat wird fuer seropositioning)

  2. Dirk Sander

    Mehr oder weniger. Aus anderen Ländern ist bekannt, dass gar nicht so viele Männer die PrEP nehmen wie erwartet bzw. gewünscht. Das Verhalten ändert sich kaum. Zurückblickend haben auch die Einführung der ART und das Wissen um die Nicht-Infektiösität nicht zu einem befürchteten Verfall der Sitten geführt.

  3. Dirk Sander

    Mehr oder weniger. Aus anderen Ländern ist bekannt, dass gar nicht so viele Männer die PrEP nehmen wie erwartet bzw. gewünscht. Das Verhalten ändert sich kaum. Zurückblickend haben auch die Einführung der ART und das Wissen um die Nicht-Infektiösität nicht zu einem befürchteten Verfall der Sitten geführt.

  4. Georgios Konstadinidis

    Ich glaube ja, je offener eine Gesellschaft mit Homosexualität umgeht, desto niedriger wird auch die Zahl der HIV Positiven, da Schwule dadurch mehr die Möglichkeit haben sich zu binden und es nicht versteckt irgendwo treiben müssen oder Angst haben müssen sich testen zu lassen. Außerdem ist in einer offenen Gesellschaft auch die Aufklärung über Ansteckungswege und Schutzmöglichkeiten eher gegeben, selbst bei wechselnden Geschlechtspartnern. Ich hoffe der Trend hält an….

  5. Dirk Sander

    Ich kann mich gar nicht retten vor Glückwunschnoten und Blumengrüßen, nachdem ich in den letzten Jahren immer kritisiert wurde für den Anstieg… *Ironie aus*


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