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„Dann erzähle ich es der ganzen Welt”

Wie der Journalist Joseph Alsop sich 1957 nicht vom KGB erpressen ließ

In den Jahren von 1950 bis zirka 1970 wurden zehntausende Angestellte im öffentlichen Dienst in den USA entlassen, weil sie schwul oder lesbisch waren. Die Grundlage dieser Vorgänge war ein Report den der damalige CIA-Direktor Roscoe H. Hillenkoetter am 14. Juli 1950 in einer internen Anhörung, dem zuständigen Kongressausschuss vortrug. Die Mitschrift dieses Reports war für 50 Jahre Verschlusssache und kam erst vor wenigen Jahren an die Öffentlichkeit. Hillenkoetter behauptet darin, dass „die Erpressung Homosexueller ein wichtiges Werkzeug des sowjetischen Geheimdienstes bei der Anwerbung neuer Agenten ist. Homosexualität geht außerdem in vielen Fällen mit anderen Schwächen einher, die man ausbeuten kann, zum Beispiel psychopatischen Affekten, eingeschränktem Urteilsvermögen, körperlicher Feigheit und genereller Instabilität des Geistes. … Abschließend möchte ich sagen, dass diese perversen ein so großes Risiko für die innere Sicherheit der USA darstellen, dass man sie mit Stumpf und Stiel aus allen öffentlichen Ämtern entfernen sollte.” Was danach für die nächsten 20 Jahre auch geschah. Dabei stimmte nichts davon und wäre heute, unter Präsident Obama, schlicht unvorstellbar. (MÄNNER-Archiv) Der schwule Historiker David K. Johnson, ein Historiker an der Universität von Florida, der als erster zu diesen Dingen forschte, sagt, es gäbe nicht einen nachweisbaren Fall, in dem ein Schwuler oder eine Lesbe vom KGB aufgrund ihrer Sexualität angeworben werden konnten.

Alsop wurde auf einer Botschaftsparty verführt

Allerdings gibt es viele Gegenbeispiele. Eins davon macht gerade in den USA Furore: Der wichtige, politische Journalist Joseph Alsop (Bild), der für einige der einflussreichsten Artikel der letzten 50 Jahren zu Russland und zum Vietnamkrieg verantwortlich war, war 1957 nach Moskau gereist, um von dort zu berichten. Er war Zeit seines Lebens nicht offen schwul, aber viele Freunde und Bekannte wussten Bescheid. Und auch der russische Geheimdienst, der Alsop auf einer Botschaftsparty von einem „jungen, athletischen Mann mit angenehmen Gesichtszügen” verführen ließ, um mit drei Agenten ins Zimmer zu platzen, während die Männer Sex hatten und Alsop zu informieren, er hätte nach russischem Recht ein schweres Verbrechen begangen und sie hätten ihn dabei fotografiert. Darüber könnte man aber hinwegsehen, wenn er sich als Agent werben lassen würde, so das Wallstreet Journal 2012. Alsop, der 1989 im Alter von 78 Jahren starb, entschuldigte sich mit einem Termin in der Botschaft, fuhr zurück in sein Hotel und überlegte, sich umzubringen. „Aber ich hielt das in diesem Moment für feige und überlegte mir, ich würde, nachdem ich vorgegeben hatte, mich anwerben zu lassen, nach Paris fahren und dort einfach der ganzen Welt die Wahrheit über mich sagen, erstens als Warnung an andere und zweitens um weiterer Erpressung aus dem Weg zu gehen.”

Er wollte unbedingt die Wahrheit sagen

Das war unnötig, denn Charles E. Bohlen, der damalige Botschafter der USA in Moskau, hörte von der Angelegenheit und setzte Alsop in ein Flugzeug nach Paris. Er unterrichtete auch den CIA über die Vorgänge, der Alsop in der französischen Hauptstadt in Empfang nahm um ihn zu befragen. Aber, der Journalist war vorbereitet. Er hatte ein neunseitiges Statement verfasst, dass die Vorgänge und seine Gespräche mit den KGB-Agenten en Detail beschrieb und unter anderem diese Passage enthält: „Mich hat die Geheimhaltung zu der Homosexuelle gezwungen sind, immer angewidert. Deswegen hat mich die Aussicht, die Wahrheit zu sagen und damit mit Sicherheit meine Karriere zu beenden, nicht weiter bewegt. Denn ich hatte die Aussicht, endlich einmal reinen Tisch zu machen, und mich so von dem Albdruck der mit meiner Vorliebe einhergeht zu befreien.” Klingt nicht wie jemand, der sich erpressen lassen würde. Was Alsop auch nicht hat. Er schrieb weiter kritische Artikel über die Sowjetunion, was dazu führte, dass die Fotos, die der KGB gemacht hatte, in den 1970ern mehreren von Alsops einflussreichen Freunden in der US-Politik unaufgefordert zugesandt wurden. Alsop hatte zu genau darauf geachtet, wie der Botschafter der UdSSR sich in Washington verhielt und darüber berichtet. Auch hier schaltete sich der CIA ein und machte all dem ein Ende. David K. Johnson kommentiert Alsops Fall gegenüber dem Washington Blade mit den Worten: „Sein ursprünglicher Plan ‘der ganzen Welt’ von seiner Homosexualität zu berichten, ist bemerkenswert. Er scheint eine enorme Erleichterung bei dem Gedanken zu verspüren, endlich die Wahrheit zu sagen, sich von dieser Last zu befreien. Es ist spannend, sich vorzustellen, was passiert wäre, wenn er 1957 sein ‘Coming-out’ gehabt hätte.” Mehr Geschichten aus Russland gibt es in unserer aktuellen Ausgabe.

Foto: Screenshot/C-Span


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