Schwule am See

Wo Kanada nicht nur ziemlich schwul, sondern irgendwie auch skandinavisch ist

Die kanadische Region Muskoka und der nahegelegene Algonquin Provincial Park nördlich von Toronto sind das Kontrastprogramm zum stressigen Großstadt-Sightseeing. Entspannen an einem der vielen Seen, Kanufahren und Elche beobachten sind hier angesagt. Und gay-friendly ist die Gegend auch, wie nicht nur der kleine Pride zeigt.

Text und Fotos: Tobias Sauer

Unser Autor ist Chefredakteur des Spartacus Traveller. Das schwule Reisemagazin, das vierteljährlich erscheint, gibt es ab sofort gratis zum MÄNNER-Abo dazu (jetzt bestellen!).

 

Wie kleine Flammen tanzen die Strahlen der untergehenden Sonne auf den sanften Wellen des Sees „Little Joe“. Angenehm wärmen sie unsere Gesichter, während wir am Ufer auf einer hölzernen Veranda hinter dem Restaurant des Resorts „Arowhon Pines“ sitzen. Die mit einigen Laubbäumen durchmischten Nadelwälder leuchten in einem warmen, gold-grünen Farbton – als hätte die Natur den Sepia-Filter eingelegt. Kaum ein Geräusch ist zu hören. Autos fahren hier, zehn Kilometer von der Hauptstraße entfernt, nur dann, wenn Gäste ankommen oder abreisen. So bleiben das Plätschern des Sees, das leise Summen der Kolibris, die sich an Wasserspendern laben, ab und an ein paar Gesprächsfetzen, und das sanfte Klatschen, wenn Kanufahrer ihre Paddel ins Wasser gleiten lassen. Wohltuende Ruhe, unterbrochen nur, wenn jemand der Aufforderung des Schildes am rund drei Meter hohen Sprungturm folgt: „Go, Jump in the Lake!“ Oft geschieht das nicht.

Die Ruhe im Algonquin Park wird auch von Schwulen geschätzt, wie sich spätestens am Morgen an den Frühstückstischen zeigt, an denen gleich mehrere Paare sitzen

Der Algonquin Provincial Park, ein Naturschutzgebiet von der dreifachen Größe des Saarlandes, rund 300 Kilometer nördlich von Toronto, ist das ideale Kontrastprogramm nach aufregenden Tagen in der großen Stadt. Elche statt Autos lassen sich beobachten, man gleitet mit dem Boot durchs Wasser statt mit der U-Bahn durch den Untergrund, und Guides stellen die heimische Vogelwelt vor, nicht postmoderne Architektur. Die Ruhe im Algonquin Park wird auch von Schwulen geschätzt, wie sich spätestens am Morgen an den Frühstückstischen zeigt, an denen gleich mehrere Paare sitzen. Und auch das Design des kleinen Resorts, das viel Wert auf natürliche Materialien legt, ist aus schwuler Hand. Erarbeitet hat es Timm Webb, der ganz in der Nähe, in der Kleinstadt Gravenhurst, mit seinem Partner Dave lebt.

Kanada wirkt hier fast skandinavisch

Die Fahrt zu Timm führt über schöne, leicht kurvige und etwas hügelige Landstraßen ohne viel Verkehr, durch dichte Wälder und an vermutlich in der Eiszeit rundgeschliffenen Felsen vorbei. Dank großzügigem Zeitpuffer nehmen wir statt der direkten Verbindung gerne einen etwas längeren Weg. Überall können wir unterwegs die kleinen Landhäuser, die Cottages, bewundern, die meist direkt auf Fels und nah am Wasser gebaut sind. Idyllisch wirkt das, und beinahe skandinavisch. „Ja“, lacht Timm, als wir in Gravenhurst eintreffen und in seinem kleinen Antiquitätenladen mit angeschlossenem Café einen Cappuccino bestellen, „Muskoka ist Cottage-Country“. Rund 12.000 Einwohner hat das Städtchen, erzählt er, aber über 40.000 Auswärtige besitzen ein Landhaus.

Go, Jump in the Lake!

Dass Timm ursprünglich aus England stammt, hätten wir schon beim Blick in den exzentrischen Laden ahnen können: Die vielen kleinen Räume sind bis unter die Decke gefüllt mit allem, was man für die Inneneinrichtung des gepflegten Landhauses so braucht. Gläser gibt es zu erwerben, Schmuck und Ringe, ein paar Kerzen, antike Vorratsdosen für die Küche, Uhren für die Wand. Auf Kissen ist – ganz wie es das Klischee will – der Union Jack zu sehen. Auch das Schild „Go, Jump in the Lake!“ führt Timm im Sortiment.

Alleine auf dieser Straße werden fünf Läden von Schwulen geführt

Seit zwölf Jahren leben Timm und Dave im Sommer in der Provinz, nur alle paar Wochen fahren sie in ihr kleines Apartment nach Toronto. Ihnen gefällt es hier. Und dennoch: Im Winter, bei 30 Grad unter dem Gefrierpunkt, fliehen auch sie die Kälte und ziehen für ein paar Monate nach Miami Beach. Ihr Schwulsein brauchen die beiden aber auch in Kanadas Provinz nicht zu verstecken. „Alleine auf dieser Straße werden fünf Läden von Schwulen geführt“, erzählt Timm, der während des Gesprächs immer wieder Bekannte aus Gravenhurst und den Nachbargemeinden begrüßt, die im Laden vorbeischauen.

Kanada Urlaub

Als Kanada im Jahr 2005 die Ehe auch für homosexuelle Paare öffnete und sich ein schwules Paar im Ort sofort trauen ließ, kam anschließend das halbe Städtchen vorbei und schenkte den Eheleuten so viele Champagnerflaschen und Glückwunschkarten, dass sogar die Außentreppe ihres Hauses zugestellt war. (Der kanadische Premier lässt keinen großen CSD aus – MÄNNER-Archiv) Selbst einen kleinen Pride gibt es in Muskoka, im Nachbarort Bracebridge. Die Organisatoren möchten damit ein Zeichen auch für die örtliche Jugend setzen, die in den Dörfern aufwächst, und nicht so leicht in Toronto oder Miami schwules Selbstbewusstsein tanken kann. Wie Muskoka insgesamt ist auch der Pride freilich eine Nummer kleiner: Hier wird auf einem Platz zusammen gegrillt und gequatscht. Ganz entspannt, wie könnte es in Muskoka auch anders sein.

Tipps für Deinen Kanada Urlaub:

Anreise

Air Canada fliegt von Frankfurt und München mit dem neuen Boeing-Dreamliner nach Toronto. Wer auf ein Plus an Komfort Wert legt, sollte die Premium Economy ausprobieren, die mehr Beinfreiheit, breitere Sitze und besseres Essen bietet.

https://www.aircanada.com

Übernachten

Im Algonquin Provincial Park verspricht das Resort Arowhon Pines die radikale Trennung von der Außenwelt. Nicht nur liegt die nächste Hauptstraße zehn Kilometer entfernt, auch Handys funktionieren nicht. Wer unbedingt ins Internet muss, kann einen kleinen Campingwagen aufsuchen, in dem ein Laptop mit langsamer Funkverbindung aufgebaut ist.

http://arowhonpines.ca

Shopping

Timm Webbs Antiquitätenladen „The Gypsy Market“ in Gravenhurst bietet alles, was das Souvenirjägerherz begehrt – und ist ein Muss für alle, die wie Timm selbst ganz spontan ein Cottage in Muskoka gekauft haben. Wer mit zu kleinen Koffern für all den Schnickschnack reist, sollte wenigstens auf einen Kaffee vorbeikommen.

http://thegypsymarketmews.com

Veranstaltungen

Der Muskoka Pride wird alljährlich im Hochsommer gefeiert. Die kleine Veranstaltung steigt in Bracebridge, mitten in der Muskoka-Region. Eine Parade gibt es nicht, dafür wird zusammen gegrillt.

http://www.muskokapride.com

Fotos: Tobias Sauer


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