lonely school pupil sitting

„Ich denke oft an Selbstmord”

Das Projekt "Kinder 404" macht das Leben für LGBTI-Jugendliche in Russland ein kleines bisschen besser

UPDATE (24.10.2016) Seit vergangener Woche ist die Seite www.deti-404.com für russische User gesperrt – das Projekt „Kinder 404” richtet sich an LGBTI-Jugendliche in Not. Das Gericht hatte sich der Sicht der Staatsanwaltschaft angeschlossen, dass die Seite „Informationen über nicht-traditionelle sexuellen Beziehungen unter Minderjährigen” verbreite, was gegen das Gesetz gegen Homopropaganda (MÄNNER-Archiv) verstoße. Wie die Initiatorin Lena Klimova gegenüber MÄNNER sagt, findet ihre Hauptarbeit über das Soziale Netzwerk VKontakte statt; daher behindere die Sperrung sie nicht. „Die Webseite diente nur als Archiv”, so Klimova, „und es ist schade, dass wir es verloren haben.” Es gebe aber Wege, die Sperrung zu umgehen. Die wichtige und wertvolle Arbeit des Projekts läuft jedenfalls weiter.

„Meine Eltern finden, dass ich lieber hätte verrecken sollen. Mein Vater sagte, wenn er erfährt, dass ich mit einem Mann geschlafen habe, wird er mich zu Tode schlagen … Was sie nicht alles gesagt haben! Wir streiten fast jeden Tag. Ich denke oft an Suizid und habe es vor ein paar Tagen wieder probiert. Erst hat mich mein Geheimnis drei Jahre lang gefoltert, und als es rauskam, haben sie es wieder reingestopft, zugenäht und sie drücken jeden Tag darauf, damit es nicht wieder ausbricht. Wenn ich nicht bald (wenigstens psychologische) Hilfe bekomme, endet für mich alles in einer Schlinge.“

Es sind Briefe oder Mails wie diese, die der 16-jährige Andrej an „Kinder 404” geschickt hat. Junge Menschen wenden sich an das Team von Lena Klimowa, wenn sie wegen ihres Coming-outs in Not sind. Mit ihrem Blog will die russische Journalistin homosexuellen Teenagern Mut machen (Das war auch das Motiv von Felix aus Moskau, der ein YouTube-Video veröffentlichte und darüber seinen Partner kennenlernte – MÄNNER-Archiv). Dort werden Briefe von Jugendlichen veröffentlicht, die von ihren Sorgen und Nöten berichten, und die anderen User können einen Rat geben oder Trost spenden.

Kinder 404

Lena Klimova (Foto: privat)

Lena, immer wieder versuchen Politiker, Dein Projekt „Kinder 404“ zu beenden. Aber sie schaffen es nicht: Du bist immer noch da.
Ich und mein ganzes Team, das sind 6 Freiwillige und 20 Psychologen, machen diese Arbeit aus unterschiedlichen Gründen. Meine sind: 1. Ich weiß, dass das Projekt wichtig ist und gebraucht wird. 2. Ich mache diese Arbeit gerne. Politiker mögen sagen und tun, was sie wollen, aber dass Projekt wird so lange weitergehen, wie Menschen da sind, die es betreiben wollen.

Kinder 404

Aufmacherbild der Seite Kinder 404 (Screenshot)

Musst Du wegen Deiner Arbeit vorsichtig sein? Hast Du manchmal Angst?
Ich erhalte Drohungen und Beleidigung übers Internet. Aber die Bedrohungen nehme ich nicht ernst. Sie haben mir mal Angst gemacht, aber das ist vorbei. Mehr Angst macht es mir, immer wieder zur Polizei gehen zu müssen – und das kommt recht häufig vor: jedes Mal, wenn jemand unzufrieden mit meinem Projekt ist und eine Anzeige erstattet.

Wie oft erhältst Du Briefe von jemandem, der auf sein Coming-out eine bestärkende liebevolle Reaktion von seinen Eltern bekommen hat?
Das passiert bei ungefähr jedem 5. Coming-out, in 15 bis 20 % der Fälle. Alle anderen Eltern akzeptieren ihr Kind nicht.

Wie steht es mit Deinen Eltern?
Ich habe Kontakt mit meiner Familie, aber über das Thema meiner sexuellen Orientierung reden wir nicht. Die Situation hat mich früher verletzt, aber jetzt bin ich zufrieden. Mein Leben gehört nur mir allein.

Aber die Auswirkungen des Gesetzes sind viel breiter: Die Menschen haben Angst

Momentan ist „Homo-Propaganda“ in Russland verboten. Glaubst Du, man wird noch weiter gehen und Homosexualität unter Strafe stellen?
Das glaube ich nicht. Das Gesetz gegen die „Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen“ ist in Kraft und hat seine Konsequenzen. Seit es verabschiedet wurde, wurden vier oder fünf Menschen zu Geldstrafen verurteilt (es mag auch Fälle geben, die mir nicht bekannt sind) – und ich bin einer davon. Aber die Auswirkungen des Gesetzes sind viel breiter: Die Menschen haben Angst. LGBTI-Webseiten oder Gruppen müssen sich mit „ab 18“ kennzeichnen, Teenager dürfen nicht an LGBTI-Versammlungen teilnehmen, zahlreiche Regenbogenfamilien verlassen das Land, und „normale Leute“ behaupten, es sei schon Propaganda, wenn jemand sagt: „Es ist okay, lesbisch zu sein.“ Eine neutrale oder sachliche Position gegenüber LGBTI-Menschen gilt schon als Propaganda. In so einer Atmosphäre ist es gar nicht mehr nötig, eine Strafverfolgung von Homosexualität einzuführen.

Das Interview mit Lena Klimova auf Englisch lesen (MÄNNER-Archiv)

Wie queere Russen unter dem Antihomopropaganda-Gesetz leben, zeigen wir in MÄNNER 9.2016.

„Kinder 404” bei Facebook

Titelbild: iStock


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