14-10-01 Bildauswahl 150 Jahre Dt Eiche – 1

Ehrung für Freddies alten Freund

Was die Münchner schwule Szene 150 Jahren "Deutsche Eiche" verdankt

Am Mittwoch wurde Dietmar Holzapfel, der Wirt des legendären Homolokals „Deutsche Eiche“, geehrt. Er erhielt von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die Medaille München leuchtet in Bronze – sie wird seit 55 Jahren für besondere Verdienste um München durch die bayerische Landeshauptstadt München verliehen. „München leuchtet” ist ein Zitat aus der Novelle „Gladius Dei” von Thomas Mann. Uschi Glas bekam im vergangenen Jahr eine goldene Medaille.

Zum 150. Bestehen der Deutschen Eiche im Jahr 2014 waren wir zu Besuch.

 

von Wolfgang Fänderl

Der Nebel lichtet sich. Die Silhouette eines schlanken, muskulösen Mannes wird langsam sichtbar. Er ist nackt und die nackten Tatsachen sprechen für ihn. Ob nur seine Hände mich vorhin in der Dunkelheit betastet hatten? Ich bin nicht sicher. Es gibt noch einige andere Schatten, die jetzt gerade aus der Dampfsauna huschen, um sich abzuduschen … Na was soll’s, es war geil.

Deutsche Eiche

Holzapfel (re.) Wirt der „Deutsche Eiche” mit seinem Gatten Sepp Sattler beim Münchner CSD 2016 (Foto: Imago)

Die Bilder erinnern an Fassbinders letzten schummrig erotischen Spielfilm Querelle. 1982. Doch auch wenn Rainer damals in der Deutschen Eiche ein- und ausging, mussten die Bilder aus seiner Phantasie, seinem Drogenkonsum oder einer der anderen fünf Münchner Herrensaunen stammen, die damals noch existierten. Erst durch ihren Umbau zum modernen Designerhotel mit offenem Restaurant kam 1995 auch der Saunabetrieb der Deutschen Eiche hinzu.

Die Sauna ist in ganz Deutschland bekannt …

Vorbei am Whirlpool und zwei kleinen finnischen Saunen tapse ich vom ersten Stock in den Keller. Die Gestalten hier haben alle ein Handtuch um die Hüften. Die einen flanieren durch die Gänge, die anderen beobachten das Treiben. Das ein oder andere Mal wird die Fährte aufgenommen. Sie führt entweder in eine Kabine mit Liegematte oder einen weiteren, absolut dunklen „Cruising-Bereich“. Auch dort gibt es Liegematten, Papiertücher und den Hinweis, dass man am Eingang kostenfrei Kondome erhält.

Es hängt von Wochentag und Wetter ab, wie kuschelig es wird

Da wo es dann wieder heller wird, kann man sich von seinen Eskapaden erholen – oder auf neue vorbereiten. Manche Gäste vertreiben sich hier unten die Zeit vor einem der Fernseher. Dort werden vor allem schwule Pornos gezeigt… keine Fassbinder-Filme. Jeden Monat wandeln in diesem lustvollen Labyrinth durchschnittlich 10.000 Männer. „Auch Heteros die mit Schwulen kein Problem haben“, meint Geschäftsführer Dietmar Holzapfel. „Es hängt von Wochentag und Tageszeit, Witterungslage und Events in München ab, wie kuschelig es wird oder sich am Eingang sogar Schlangen bilden und keiner mehr reingelassen werden kann.“

Das zweite Treppenhaus führt mich wieder hinauf in den Eingangsbereich im Erdgeschoss. Dort habe ich 18 Euro bezahlt, ein Handtuch bekommen und mich in der Garderobe um- bzw. ausgezogen. Der Bar- und Lounge-Bereich auf gleicher Ebene hat ebenfalls einen großen TV-Bildschirm. Es gibt mehrere Computer für die gayromeo-Süchtigen und Zeitschriften mit der Option sich eine Lesebrille an der Bar zu leihen, echt fürsorglich. Ein paar der Gäste haben sich leckeres Essen aus dem Eiche-Restaurant im Vordergebäude kommen lassen.

Ein echtes Vorzeige-Etablissement der Gay Community

„Ökologisch wie technisch sind wir auf dem neuesten Stand. 2005 wurde uns nach der Modernisierung das Prädikat 3 Sterne Superior für Designerhotels verliehen,“ berichtet Dietmar, der das Haus mit seinem Partner Josef Sattler betreibt. Seit 1995 wurde die Herrensauna mit derzeit 1500 Quadratmetern schrittweise ausgebaut. Weitere 200 sollen im Februar 2015 folgen. Die Deutsche Eiche ist seither ein echtes Vorzeige-Etablissement der Gay Community. Dietmar reist seit 1999 für die Stadt München zu internationalen Tourismusmessen und bietet für diverse Veranstalter Führungen durch sein Haus an. „Es ist faszinierend, wie die interessierte Bevölkerung und Touristen im Laufe so einer Führung auftauen, intimste Fragen stellen, historische Zusammenhänge verstehen und uns sehr dankbar sind für unsere Offenheit“.

Rainer Werner Fassbinders „Wohnzimmer”

Für den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder war die Deutsche Eiche in den Siebziger Jahren sein „Wohnzimmer“. Aber nicht nur seins: sieben große Tische, eine Schenke mit Spüle und ein riesiger Kachelofen standen in der Gaststube der Reichenbachstraße 13 hinter farbigen Butzenscheiben. In den oberen Stockwerken lebten die drei Wirtinnen der Familie Reichenbach und es gab ein paar Gästezimmer. Und auch wenn es klein war, ging im „Mutterhaus“ bzw. der „Reiche“ – wie sie damals noch genannt wurde – die ganze Welt ein und aus und fühlte sich wohl.

Fassbinder war eher in der Lederszene unterwegs und traf eher zufällig den dort arbeitenden Schankkellner Armin Meier, seinen späteren Geliebten. Zwischen 1974 und 1978 lebten sie im Haus gegenüber und bis zu Armins tragischem Tod – Selbstmord aus Eifersucht oder Drogenmissbrauch – konnte Rainer in der Deutschen Eiche mit seiner Filmfamilie arbeiten und ausgelassen feiern.

Insbesondere die Faschingspartys, inszeniert von den Künstlern des nahe gelegenen Gärtnerplatztheaters, waren legendär. Tänzer, Schauspieler und Besucher des Theaters waren schon früher Kern von Münchens ältester „Homokneipe“. Das Gerücht kommentierte Wirtin Ella Reichenbach einmal mit den Worten: „Bei mir verkehrn neunzig Prozent Künstler und zehn Prozent von den Fraun enttäuschte Männer“.

Teil 2: „Ich konnte als Stammgast der Eiche damals einfach in die Küche kommen und in die Töpfe gucken. Und wenn mal viel los war, halfen wir Gäste mit.“


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