Drag Power: Olivia, Barbie und Co.

Immer wieder sind es vor allem Transen, die an vorderster Front kämpfen, sagt Barbie Breakout

Nachdem bekannt geworden war, dass die Hamburger Drag Queen Olivia Jones Anzeige gegen die AfD erstattet hat (MÄNNER-Archiv), lag eine Zeit lang ihre Homepage lahm – dort erklärt sie die Beweggründe für die Anzeige. Nachdem MÄNNER darüber berichtete, brach kurzzeitig unser Server zusammen -, so viele User wollten auf einmal den Artikel lesen. Das ist die Macht von „Drag Power”. Olivia Jones ist dafür eine Vertreterin; eine andere ist Barbie Breakout, die sich vor drei Jahren aus Protest gegen das Antihomopropagandagesetz in Russland den Mund zugenäht hat. Mit ihr haben wir über Drag Power gesprochen.

Barbie, Du hast wie so viele gestern bei Facebook unsere Nachricht von Olivas Anzeige geteilt …

… und auf meinem Facebookfeed gab es ausnahmsweise einen klaren gemeinsamen Nenner: Danke Olivia Jones! Doch Olivia ist für die Rechtspopulisten dieses Landes nicht erst seit dieser Anzeige ein rotes Tuch. Schon 2007 tauchte sie in BDM-Kluft und mit Kamerateam und zwei Bodyguards bewaffnet, auf einem Landtag der NPD auf und stellte durch relativ simple Fragen die Parteigenossen mächtig bloß.

Olivia zeigt die AfD an und stellt NPD-Mitglieder bloß, Du hast Dir vor drei Jahren aus Protest gegen Homophobie in Russland den Mund zugenäht. Es gibt in der LGBTI-Geschichte etliche Vorbilder an Drag- oder Trans* AktivistInnen.

Ja. Angefangen natürlich bei Marsha P Johnson und Sylvia Rivera, zwei Hauptfiguren der Stonewall Riots, die, so will es die Legende, beim Streit mit der New Yorker Polizei die ersten Steine warfen (In Roland Emmerichs Film „Stonewall” sieht das etwas anders aus – MÄNNER-Archiv.) Diese Szene ist mittlerweile so oft erzählt worden, in Büchern und auf der Leinwand, dass es kaum noch eine Rolle spielt, ob das alles tatsächlich so passiert ist, oder nicht. Die beiden sind im kollektiven Unterbewusstsein unserer Community fest abgespeichert als die, die unsere Bewegung ins Rollen brachten. Immer wieder sind es vor allem Transen, die an vorderster Front kämpfen und von der Presse dankbar als Wortführer und bunte Fotovorlage genommen werden. Es ist ein Phänomen, dem nicht so einfach beizukommen ist.

Olivia Jones

Ein Beispiel von zahlreichen Hasskommentaren zu Barbies Video auf YouTube (Screenshot)

.. und wofür es neben Dir und Olivia auch aktuelle Beispiele gibt?

Klar, da wäre Panti Bliss, die ungekrönte Königin von Irland, die sich seit Jahren immer wieder mit den konservativen Politikern der grünen Insel anlegt und DIE Wegbereiterin der ehelichen Gleichstellung in Irland war (MÄNNER-Archiv). Ihre Rede aus dem Abbey Theatre vom 1. Febuar 2014 über Homophobie und den angelernten Selbsthass in uns wurde über Nacht zum viralen Welthit und sie damit zu einer internationalen queeren Ikone, die von Madonna, RuPaul und anderen internationalen Superstars mit Lob überhäuft wurde und sogar auf Platz 12 der „Politico 28“ Liste der einflussreichsten Europäer 2015 landete.

Die Liste der WegbereiterInnen, deren politisches Engagement oftmals ‚nur’ darin besteht, kompromisslos sie selbst zu sein, ist lang

Dann Sister Roma, die berühmteste Sister of Perpetual Indulgence (dem internationalen queeren Nonnenorden), die sich stellvertretend für uns alle mit Facebook angelegt hat, um deren Klarnamenrichtlinien aufzuweichen und uns Drag Queens und Transmenschen die Möglichkeit zu geben, mit unseren gewählten Namen sichtbar zu sein. Auch Bob the Drag Queen, Gewinnerin der 8. Staffel von RuPaul’s Drag Race, wurde in Drag verhaftet und musste ins Gefängnis, weil sie wiederholt für die Gleichstellung der Ehe in den USA demonstriert hatte.

Fotos: Chipster Boo (li.), Kult-Kieztouren-Hamburg

Fotos: Chipster Boo (li.), Kult-Kieztouren-Hamburg

Mama Tits wurde über Nacht zu einer weltbekannten Queen, nachdem sie auf der Seattle Pride Parade 2014 eine Gruppe christlicher Homohasser zum Schweigen brachte. Man muss aber auch Harvey Fierstein, Quentin Crisp, Heklina, Holly Woodlawn, Asifa Lahore, International Chrysis nennen – die Liste der WegbereiterInnen, deren politisches Engagement oftmals ‚nur’ darin besteht, kompromisslos sie selbst zu sein, ist lang.

Es gibt Vorwürfe – wie oft bei Aktivisten -, man wolle sich nur profilieren.

Bei der ersten Orlando-Andacht vor der amerikanischen Botschaft in Berlin war eine einzige sichtbare Transfrau vor Ort, keine Drags weit und breit. Alle Kameras stürzten sich direkt auf sie und auch alle Radiomenschen, die etwas später kamen, sind lediglich auf sie zugegangen und haben um ein Interview gebeten. Ich fand es bemerkenswert, mal aus zweiter Reihe zu beobachten, dass wir gar nicht, wie uns ja oft unterstellt wird, immer in die Öffentlichkeit drängen und die Aufmerksamkeit suchen, sondern dass es auch andersherum funktioniert.

Weiter mit Teil 2: „Andere haben das politische Profil einer Nagelpolierfeile, lassen sich aber für die Wahlplakate großer Parteien benutzen”


24 Kommentare

  1. Margot Schlönzke

    Das war genau die richtige Aktion, die den Roleback in Russland (und mittlerweile auch hier in Deutschland) sehr gut beschriebt. – Wenn einem der Mund verboten wird, wie es Russland mit seinen Homosexuellen Bürgern gemacht hat.

  2. Jörg Haase

    Ohhhh dann müssen sich ja Millionen Menschen in Deutschland den Mund zunähen!!! Nämlich alle, die diesen Genderwahn und den ganzen Mist drumherum für völlig daneben halten und deswegen als böse Nazis beschimpft werden…
    Ich lebe seit Jahren offen und ohne jegliche Anfeindungen als Schwuler in einem 500 Seelen-Dorf. Wurde hier sogar als Ortsvorsteher und Gemeindevertretung gewählt. Es interessiert hier keine Sau. Warum?! Weil hier keiner einen Hype drum macht!!! Kommt mal alle wieder n bissel auf den Boden der Tatsachen zurück.

  3. Jörg Haase

    Alex von Schmidt weil man mit einem zugenähten Mund nicht reden kann!!! Also seine Stimme nicht erheben kann!!!

    Hätten sich damals alle Schwulen versteckt, anstatt auf die Straße zu gehen, würden wir heute noch in dunklen Kellern Hausen und uns verstecken müssen!!!

    Stonewall schon vergessen???

  4. Barbie Breakout

    Jörg Haase ich kann dich beruhigen. Die symbolik mit dem zugenähten mund stieß bei sehr vielen menschen nicht auf so viel unverständnis. Im gegenteil: medien, die vorher zu dem thema geschwiegen hatten, haben das video als anstoß genommen, endlich darüber zu berichten, was in russland vor sich ging und das sogar international. Ich war damit sogar im amerikanischen fernsehen und habe dort live erklären können, was mich dazu getrieben hatte. #actionsspeaklouderthanwordssometimes

  5. Jörg Haase

    Das hat nix mit stänkern zu tun…
    Das ist halt einfach billigste Polemik wenn sich jemand verstümmelt um damit ins tv zu kommen. Das schafft man nämlich auch anders…!!!

  6. Jörg Haase

    Ich mag Travestie echt gern, aber die Realität ist nun mal eine andere… Show ist Show…und real life nunmal was anderes. Warum hast du die Aktion nicht ohne das Kostüm der travestie gemacht??? Weil es keine Sau interessiert hätte!!! Mach den Mund auf und näh ihn dir nicht zu!!! Dafür seid ihr Transen!!! Ihr dürft sagen was sonst keiner tut!!!!!!!!!

  7. Engel Arthur

    Jörg Haase wow, was für einen respektvollen Umgangston Du pflegst, da in deinem 500-seelen Dorf, wo du dich auf den Lebensleistungen der Stonewall-Aktivisten ausruhst. Mal schauen wie lange noch … ?!

  8. Jörg Haase

    Engel Arthur mich ausruhen??? Der hat mir echt gefallen…
    Ausruhen ist hier nicht…und hier ist man auch nicht soooo schön anonym wie in einer Großstadt…hier kennt man sich noch und hilft sich gegenseitig. Hier gibt’s keine Langeweile.
    Und ganz ehrlich, ich bin mega stolz darauf hier als schwuler so leben zu können! Dafür haben viele meiner HETERO Freunde(jaaa Schwule haben hier sowas, im Gegensatz zu den vielen in den Großstädten die nur unter sich bleiben) zusammen mit mir dafür gekämpft…haben immerhin 5 Jahre auf dem Berliner CSD n Wagen gestellt… also erzähl du mir nix von ausruhen auf dem Dorf ???

  9. Elias Toni Hoffmann

    Jörg Haase man merkt das du aus einem 500 einwohner dorf kommst … Du scheinst null zu checken um was es dabei ging … Die aktion war mehr als nur super ! Und gerade der zugenähte mund hat die leute zum reden gebracht ! Aber sei du mal stolzer vorsitzender deiner gemeinde ??

  10. Martin Brauer

    Verschwendeter Atem. Das Video war sehr emotional und intensiv und hat bei vielen Menschen die Waage in die Richtung der Empathie fallen lassen. Ich habe Respekt vor derartigen körpereinsatz zur Umsetzung dieser politischen Kunst.

  11. Dany Göschel

    Er/Sie macht wenigstens was,nimmt Stellung,macht aufmerksam auf das ganze Problem ….auf Menschenverfolgung nur weil sie schwul sind!! Andere reißen nur ihre Klappe auf und da kommt nur heiße Luft ,unternehmen reingarnichts!

  12. Dany Göschel

    Jörg Haase das ganze Problem hat mit Travestie überhaupt nichts zu tun! Die ganze Aktion hätte auch jeder andere machen können. Mal bissl nachdenken warum,weshalb,wieso. Hintergrundinformationen einholen und sich mal das Video anschauen bevor man was „In den Raum stellt” ! 😉

  13. Ralf Schüttensack

    Warum kann man uninteressierter Dörfler nicht einfach mal die Fresse halten? Aber nein, dann wird lieber alles für dumm verkauft, ins lächerliche gezogen und verunglimpft.
    Hut ab, für alle, welche die Meinungsfreiheit nutzen.


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