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Die schaffen das (Teil 4)

Ein Jahr, nachdem Deutschland die Grenzen öffnete, blicken wir zurück: Wie wird queeren Flüchtlingen geholfen?

Knud Wechterstein fand Merkels „Wir schaffen das” vor einem Jahr unheimlich motivierend. „Die einzige Herangehensweise, die hier möglich war“, sagt er. „Mich nervt es tierisch, wenn man immer nur dagegen ist.” Knud arbeitet am Flughafen Frankfurt, als Teil des Bodenpersonals, und betreibt eine Agentur für Künstlervermittlung. Die Flüchtlingshilfe macht er nebenher. Mit Engagierten wie Holger Volland, der uns im vergangenen Herbst von der Frankfurter Initiative erzählte. Die Rainbow Refugees ist eine erste Anlaufstelle für flüchtende LGBTIs (MÄNNER-Archiv). Ziel sei es, so Volland, ein persönliches Netzwerk zu schaffen, um Ersthilfe bei Alltagsproblemen zu bieten. „Wir bieten wöchentliche Treffen im Frankfurter Switchboard an, einem geschützten, halböffentlichen Raum innerhalb der Community. Von hier aus können wir vieles gemeinsam starten: Sprachen lernen, Kultur erleben, bei Alltagsfragen helfen oder einfach nur etwas trinken und uns aus unseren Leben erzählen.“

Refugees

Knud Wechterstein von den Rainbow Refugees (Foto: privat)

Oft geht es aber um viel essenziellere Fragen: Braucht jemand Unterstützung bei der Unterbringung oder Hilfe bei der Jobsuche? (So hilft Hamburg queeren Flüchtlingen – MÄNNER-Archiv) Die Refugee-Helfer bieten auch Unterstützung beim AIDS-Test an, ohne ihn jemandem aufzudrängen. Die Frankfurter arbeiten mit einem Buddy-System. Flüchtlinge, die das möchten, bekommen einen Ansprechpartner an die Seite gestellt, der bei Fragen mit Rat und Tat hilft.

Ein Trans*Flüchtling fand sich einem homophoben Umfeld wieder, wo er sexuelle Übergriffe erlebte

Über 100 Menschen haben sie schon helfen können, schätzt Knud und erzählt von einem 22-jährigen Trans*Flüchtling, der Probleme mit seiner Familie hatte und sein Land verließ. Er flüchtete über den Landweg über Italien nach Hessen und landete in einer ländlichen Region, wo es überhaupt keine Anlaufstelle für queere Menschen gab. Er fand sich einem homophoben Umfeld wieder, wo er sich nicht öffnen konnte und zwei sexuelle Übergriffe erlebte. Einmal versucht er sich das Leben zu nehmen.

Vor einem Monat wandte er sich an die Frankfurter Helfer und hat sich in den wenigen Wochen schon stark gewandelt, sagt Knud. „Er kann sich jetzt mit anderen austauschen, hat Kontakt zu anderen Trans*menschen aus arabischen Ländern und war auch schon in der Frankfurter Szene aus. Er ist nun erstmal privat bei einem schwulen Paar in Frankfurt untergekommen, auch psychologische Hilfe konnte man ihm vermitteln.

In Deutschkursen von Flüchtlingen klärt er Teilnehmer über queeres Leben auf

Inzwischen sind die Frankfurter Helfer auch in Kontakt mit Landespolitikern, mit denen sie über die Bedürfnisse der Flüchtlinge sprechen und Hilfsmaßnahmen anregen. Da geht es auch um die Frage, wie man mit denen umgeht, die aus einer homophoben Kultur kommen. In den nächsten Tag beginnt ein Projekt, das Knud entwickelt hat: „Teachers on the road“. Er geht in Deutschkurse von Flüchtlingen und klärt die Teilnehmer über queeres Leben auf, um für Toleranz zu werben.

Wenn er auf die letzten Monate zurückschaut, scheint er selber ein bisschen überrrascht von der Entwicklung der Rainbow Refugees. „Als wir angefangen haben“, erinnert sich Knud, „ging es oft umso grundlegende Sachen wie: Wo kriegen wir für einen Flüchtling jetzt ein Paar Turnschuhe her?“

Zum Facebookprofil der Rainbow Refugees

Teil 1 unserer Serie: München

Teil 2 unserer Serie: Dresden

Teil 3 unserer Serie: Berlin

Titelbild: Shutterstock


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