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Sportswear-Party in Hamburg

Yeah! Training ohne Muskelkater - aber mit ganz viel Stil

Alle, die aus der Schulzeit ein Turnhallentrauma davongetragen haben, werden in der Hamburger Ausstellung „Sports / No Sports” kuriert. Versprochen! Umgeben von campem Design kann man hier an Matten, Trapezstangen und Sprossenwänden entlangwandeln, ohne auch nur einmal Angst haben zu müssen, sich zum Affen zu machen. Denn Trapez und Sprossen dienen hier nicht der Leibesertüchtigung, sondern als Kleiderstangen für Outfits aus 300 Jahren Sportswear-Geschichte. Allen voran der „Keylook” der Schau: Das Paillettenkleid von Tom Ford, das Beyoncé 2014 auf ihrer „Mrs. Carter”-Tour trug. Popkulturelle Querverweise gibt’s also auch noch. Alle mal jubeln!

Keylook der Ausstellung: Das Tom Ford-Paillettenkleid von Beyoncé

„Sports / No Sports”-Keylook: Das Tom Ford-Paillettenkleid, das Beyoncé trug

Das Lustige ist, dass der Ausstellungsraum wirklich mal eine Turnhalle war. In dem 1877 errichteten Museumsbau war ursprünglich eine Schule untergebracht. Bis 1910 fand hier Sportunterricht statt. Danach wurde die Turnhalle zur Ausstellungsfläche, die hohen Decken wurden abgehängt, die ursprüngliche Bestimmung des Raums unkenntlich gemacht. Eine Bausünde, die im Sommer 2016 mit einer umfassenden Wiederherstellung des Urzustands rückgängig gemacht wurde. „Sports / No Sports” ist die erste programmatische Ausstellung im neuen alten Saal. Ziel der Schau ist es, die „Versportlichung” der Welt in den letzten 100 Jahren zu spiegeln und den Wandel vom Trainings-Outfit als reine Funktionskleidung zum Inspirationsmoment für Modedesigner zu illustrieren. Dabei sind neben dem erwähnten Tom Ford-Kleid auch Kreationen der schwulen Designerikonen Alexander McQueen, Wolfgang Joop, Christian Lacroix sowie des belgischen Bären-Daddys Walther von Beirendonck zu sehen. (Adidas führt homofreundliche Klausel in Sponsorenverträgen ein – MÄNNER-Archiv)

Signalfarbe Rot: Trikot-Outfti von Walter van Beirendonck

Signalfarbe Rot: Trikot-Outfit von Walter van Beirendonck

Die Entwicklung des Markenfetisch und der Sexualisierung von Sportswear wird dabei nicht explizit, aber am Rande miterzählt. Einerseits mit einem „Schwarzen Podest”, auf dem das „Hypermaskuline” der Sportmode demonstriert wird, andererseits mit Fotos, die Fidel Castro und Kunst-Bad-Boy Jonathan Meese mit den berühmten Adidas-Streifen zeigen – die letztendlich auch die Idee für „Sports / No Sports” lieferten.

Unbeholfene Outifits zwischen Konfirmationsanzug und Beerdigung

Bei der Vorbesichtigung der Ausstellung erzählt Kuratorin Angelika Riley, wie sie im letzten Jahr bei einer Abifeier zu Gast war. Alle Schüler seien furchtbar aufgebrezelt gewesen, aber gerade die Jungs hätten in ihren unbeholfenen Outifits, die „irgendwo zwischen Konfirmationsanzug und Beerdigung” angesiedelt waren, eine sehr mickrige Figur gemacht. Doch dann: das Kontrastprogramm. Ein junger Mann trat aufs Podest, um sein Zeugnis entgegenzunehmen. Typ „Tall and Handsome”. Er trug schwarz. Aber kein Beerdigungsschwarz. Sondern Trainingsanzug-Schwarz. Flankiert mit drei goldenen Streifen. „Das war wie ein Aufatmen”, so Riley. „Der Junge war eleganter als alle, die auf elegant getrimmt waren.”
Die Abifeier-Gesellschaft johlte, Angelika Riley hatte das Thema ihrer nächsten Ausstellung im Kopf.

Camp: Die Stöckel-Flossen von Paul Schietekat

Camp: Die Stöckel-Flossen von Paul Schietekat

Natürlich geht es in der Turnhallenschau aber um sehr viel mehr als ums Ikonisieren. Erzählt wird die Geschichte der Vermännlichung der Frauenmode als Folge der Pragmatisierung von Kleidung im Sport in den vergangenen hundert Jahren – inklusive der campen Überspitzungen, zu denen dieser Trend Designer von heute inspiriert. Am Rande werden Kuriositäten aus der Funktionskleidungsbranche thematisiert. Von Schwimmanzügen, die so eng sind, dass die Träger sie sich nach dem Wettkampf eher vom Körper schneiden müssen als sie auszuziehen (auch an Tom Daleys Olympiahöschen war nicht viel Stoff – MÄNNER-Archiv), bis hin zu den absurden Aerobic-Outfits der 80er.

Fazit: Lange nicht mehr so viel Spaß beim Sport gehabt. Man sollte sich das angucken – auch ohne Turnhallentrauma.

„Sports / No Sports”
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 20. August 2017

Enorm in Form: ZDF-Aerobic-Grauen von 1983

Mode des Grauens: Aerobic-Outfits im ZDF-Magazin „Enorm in Form” von 1983


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