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„Singles ab 50 werden Arschlöcher”

Interview mit Wladimir Kaminer (Teil 2)

Im Gespräch mit Olaf Neumann erinnert sich Wladimir Kaminer an seine Kindheit und Jugend in der Sowjetunion und beschreibt das Verhältnis zu seiner Mutter – und zu Deutschland

Wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich schäme mich für diese Geschichte, weil ich 20 Jahre lang in Deutschland versucht habe darzulegen, was für wunderbare Menschen die Russen sind, die in großen Schritten auf ein europäisches Zusammenleben zusteuerten. Und dann passiert sowas. Vor 25 Jahren versuchten die KGB-Generäle und der Innenminister gegen Gorbatschow zu putschen. Damals gingen Hunderttausende auf die Straße, stellten sich vor die Panzer und verhinderten den Putsch. Denn sie wollten auf keinen Fall zurück in die sozialistische Diktatur. Und heute, 25 Jahre später, stellen sie fest, dass der Putsch eigentlich gelungen ist. Die gleichen Generäle haben durch die Hintertür die Macht ergriffen und steuern das Land jetzt in die Vergangenheit. Man kann kaum noch etwas Gutes darüber schreiben. Ich versuche es trotzdem.

Reisen Sie noch regelmäßig in die Heimat?

Vor zweieinhalb Jahren war ich das letzte Mal in Russland und habe in St. Petersburg für Arte einen Gartenfilm gedreht. Durch meine politische Haltung liege ich jetzt im Clinch mit den Machthabern. Es ist für mich kein guter Zeitpunkt, dort hinzureisen. Und überhaupt: Wie soll man mit Menschen, die durch Propaganda bearbeitet wurden, diskutieren? Sie beziehen ihre Informationen und Wertvorstellungen aus dem russischen Fernsehen. Und das ist eine sehr scharfe Waffe! Für mich ist das sogar ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die russischen Journalisten berichten nicht mehr, sondern schreien ihre Nachrichten heraus.

Wie beliebt ist Putin beim russischen Volk wirklich?

Bei Ceaușescu lag die Zustimmung in der Bevölkerung noch einen Tag vor seinem Sturz bei 99 Prozent. Kurze Zeit später haben die gleichen Leute ihn an die Wand gestellt

Viele Menschen glauben dem Fernsehen. Trotzdem kann man nicht wissen, wie beliebt Putin ist (in MÄNNER 9.2016 widmen wir uns ausführlich der Lage der Schwulen in Russland – zum Shop). Menschen, die in Unfreiheit leben, darf man so etwas nicht fragen, sie können ja keine unabhängigen Antworten geben. Bei Ceaușescu lag die Zustimmung in der Bevölkerung sogar noch einen Tag vor seinem Sturz bei 99 Prozent. Kurze Zeit später haben die gleichen Leute ihn an die Wand gestellt.

Welches konkrete Ereignis führte dazu, dass Sie 1990 Ihre Heimat verließen?

Das war ein Ratschlag von einem Onkel meines Freundes, der selbst nach Amerika wollte. Er hatte schon alle seine Sachen und sein Geld nach Amerika transferiert und saß auf dem Boden seiner fast leeren Wohnung in Moskau, wo nur noch ein Fernseher und ein Videorekorder standen und irgendwelche Pornofilme liefen. Er meinte zu mir und einem Freund, die neue DDR-Regierung gewähre Juden aus der Sowjetunion humanitäres Asyl. Das wäre für uns genau richtig. Mit dieser Information, zwei D-Mark, die mir mein damaliger Chef im Theater gegeben hatte, und einem sowjetischen Pass fuhren wir nach Berlin.

Wladimir Kaminer

Wladimir Kaminer (Foto: Katja Hentschel)

Wollten Sie da schon immer hin?

Wir waren in der Sowjetunion ja eingesperrt. Es war wie Knast. Auf einmal ging eine Tür auf – und da wollten alle weg. Wir dachten, bei uns ist es so schlecht, überall anders auf der Welt musste zwangsläufig das Paradies sein. Unsere Vorstellung von einer besseren Welt da draußen war sehr naiv.

Alleinlebende Männer ohne Familie bekommen schlechte Laune, wenn sie über 50 sind

Was ist Deutschland für Sie rückblickend?

Inzwischen habe ich länger in Deutschland gelebt als in der Sowjetunion. Deutschland hat sich in dieser Zeit mehrmals verändert, aber auch ich. Ich habe alle möglichen Ecken des Landes gesehen. Für die Fernsehsendung „Kulturlandschaften“ bin ich vom Allgäu bis Friesland gefahren und habe auf meinen Lesereisen viele interessante Menschen kennengelernt. Mir liegt es nicht, patriotische Gefühle zu pflegen, aber ich muss sagen: Ich liebe Deutschland wirklich!

Sie werden nächstes Jahr 50. Ist das Altern etwas, womit Sie sich auseinandersetzen?

Die Gefahr ist, dass alleinlebende Männer ohne Familie schlechte Laune bekommen, wenn sie über 50 sind. Sie werden dann zu Arschlöchern. Sie haben keine Neugier mehr und glauben, schon alles zu wissen. Das wäre ein schlimmes Schicksal. Da ich aber stets mit jungen Menschen zu tun habe und überhaupt ständig neue Gesichter kennenlerne, geht mir die Neugier nicht verloren. So kann mir das Altern nicht viel anhaben.

Zurück zu Teil 1 des Interviews: „Sehr peinliche Situation für Russland”

Wladimir Kaminer:

„Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger. Ein Unruhezustand in 33 Geschichten.“

Manhattan Verlag, geb., 255 Seiten, Euro 17,99, ISBN 978-3-442-54759-3

 

Kaminer-Lesungen:

4.9. Zinnowitz, Gelbe Blechbüchse

5.9. Heringsdorf, Zelt

9.9. Kilb, Kulturwerkstatt

14.9. Dessau, Marienkirche

15.9. Wernigerode, Marstall

16.9. Arnstadt, Stadthalle

17.9. Freyburg, Unstrut

20.9. Wildau, TH

23.9. Darmstadt (plus Russendisko), Centralstation

25.9. München, Lustspielhaus

7.10. Baden-Baden, Casino (plus Russendisko)

13.10. Stadtkyll, Festsaal da Franco

15.10. Berlin (Pankow), Prater

19.10. Oranienburg, Orangerie im Schlosspark

20.10. Strausberg, Volkshaus

21.10. Schwerin, Capitol

22.10. Tangermünde, Grete Minde Saal

23.10. Radeberg, Bier Theater

25.10. Schneverdingen, Landhaus Höpen

27.10. Torgau, Kulturbastion

28.10. Magdeburg, Altes Theater

29.10. Altenburg, Logenhaus

3.11. Plauen, Festhalle

18.11. Zwickau, Alter Gasometer

2.12. Zeitz, Capitol

8.12. Braunschweig, Brunsviga

9.12. Göttingen, Auls am Wilhemsplatz

13.12. Hannover, Pavillon

17.12. Freyberg, Alte Mensa

2017:

9.1. Stuttgart, Theaterhaus

11.1. Karlsruhe, Tollhaus

17.1. Leverkusen, Scala Club

19.1. Celle, CD-Kaserne

25.1. Brandenburg, Theater

26.1. Eisenhüttenstadt, Friedrich-Wolf-Theater

3.3. Eberswalde, Haus Schwärzetal

4.3. Bernau Stadthalle

9.3. Zirndorf, erlebe wigner!

23.3. Weimar, Congress Centrum

20.10. Fulda, KUZ Kreuz

Titelbild: A. Walther


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