Barbie-Hintergrund

„Eigentlich alles ganz normal”

Barbie Breakout nimmt seit kurzem ihre erste HIV-Therapie. Wie geht es ihr damit?

Barbie Breakout ist der größte Drag-Star Berlins, Aktivistin (MÄNNER-Archiv), im Zivilberuf Maskenbildner, HIV-positiv und nach zehn Jahren ohne Therapie jetzt seit einigen Monaten auf Kombi. Wir wollten wissen, wie es ihr damit geht.

Du nimmst seit relativ kurzer Zeit eine Kombinationstherapie. Wie geht es Dir damit?
Mir geht es eigentlich genau wie vor der Therapie. Ich bin sicherlich ein bisschen entspannter, jetzt nicht mehr ansteckend zu sein. Aber sonst hat sich nicht viel geändert.

Du bist schon mehr als zehn Jahre positiv. Warum hast du erst jetzt mit der Therapie begonnen? Was war die medizinische Indikation?
Als ich mein positiv bekommen habe, waren die Ärzte und Wissenschaftler sich nicht einig darüber, ob man direkt mit der Kombitherapie beginnen sollte, oder es lieber so lange wie möglich herauszögern. Da mein Körper jahrelang sehr stabil und robust mit dem Virus klarkam, sahen weder ich, noch meine Ärzte erhöhten Handlungsbedarf. Eine dringende Indikation gab es nicht. Meine Werte sind sukzessive schlechter geworden, allerdings nicht dramatisch. Ich hatte über die Jahre immer mal Schwankungen, meist hat sich aber alles wieder von selbst erholt. In den letzten zwei Jahren aber ging es nur noch abwärts, wenn auch langsam. Mein Arzt hat mich dann irgendwann gefragt, ob ich immer noch warten wollen würde und plötzlich dachte ich: warum eigentlich? Wem will ich hier etwas beweisen?

Kannst du uns erzählen, wie unaufgeregt oder aufgeregt das Gespräch mit deinem Arzt war, das vor dem Therapiebeginn stattfand? Mit wem hast du sonst noch darüber geredet?
Das Gespräch war komplett unaufgeregt. Ich stand bei DM in der Reihe mit dem Katzenstreu, als mein Doc anrief um mein letztes Blutbild zu besprechen und mir dann besagte Frage stellte.  Meine Entscheidung war direkt und spontan, fühlte sich aber auch gleich richtig an. Ich hatte vorher oft über diesen Moment nachgedacht; hatte Freunde erlebt, die erst ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, um sich einzugestehen, dass es Zeit war für die Medikation. Für viele Menschen ist der Moment, an dem du tatsächlich die Medikamente brauchst, ein Schock, weil ihnen erst dann endgültig klar wird, dass sie a) sterblich sind und b) dass das Virus in ihrem Körper eine reelle Macht hat. Ich hatte nichts davon. Ich legte auf, stand zwischen dem Katzenstreu und den Küchenrollen und wunderte mich, dass ich weder traurig, noch geschockt, noch sonst irgendwie aufgeregt war. Es fühlte sich einfach richtig an.

Wie habt ihr/hast du entschieden, welche Kombi du nimmst und welche Art von Beratung gab es da? Was waren Kriterien, die dir wichtig waren?
Wir haben uns am Telefon verabredet, einen Termin gemacht, um dann in der Praxis alles genau durchzusprechen.  Ich wollte natürlich ein Präparat, das mir erlauben würde, mein Leben so normal wie möglich weiterzuleben. Auch wenn wir dank der Forschung schon seit Jahren nicht mehr mehrmals am Tag Berge von Pillen schlucken müssen, wollte ich natürlich am liebsten eine einzelne Tablette, die alles andere beinhaltete.  Da ich mich schon seit meiner Teenagerzeit mit Depressionen rumschlagen muss, war es mir wichtig, dass ich keine psychologischen Nebenwirkungen haben würde. Diese Parameter haben wir einkalkuliert und dann das modernste verbleibende Präparat gewählt. Ich nehme seither Genvoya.

Hast Du Dir Sorgen gemacht, dein Leben würde durch die Therapie ein anderes werden?  Natürlich, denn ich erinnere mich noch gut an Freunde, Exfreunde und Bekannte, die in den ersten Jahren nach AZT furchtbare Nebenwirkungen hatten. Das war natürlich alles schon Jahre her, aber die Sorge kann einem manchmal nur der Selbstversuch in der Realität nehmen.

Warum war es Dir wichtig, auf Facebook deinen Therapiebeginn auch öffentlich zu machen? Welche Reaktionen gab es darauf?
Ich finde mein Leben nicht ausserordentlich wichtig oder spannend. Aber ich habe irgendwann kapiert, dass ich anderen Menschen manchmal helfen kann, indem ich ehrlich und uneitel über die Dinge erzähle, die in meiner Welt passieren. Ich hatte als Jugendliche oft Angst, verrückt zu werden und erst die niedergeschriebenen Erinnerungen anderer konnten mir dabei helfen, das zu verstehen und die Angst loszulassen, weil ich schwarz auf weiss nachvollziehen konnte, dass ich damit nicht allein war und dass es anderen vor mir auch schon so ging. Seither versuche ich, mich auch so zu verhalten. Deswegen habe ich auch aus meiner Infektion nie ein Geheimnis gemacht. Und genauso handhabe ich das jetzt mit den Tabletten. Der Facebookpost zum Therapiebeginn hat ausschließlich positive Reaktionen nach sich gezogen.

Wie offen gehst du sonst mit deiner Infektion um? Wissen deine Kunden Bescheid?
Ich habe in meinem Buch „Tragisch, aber geil“ offen über meine Infektion geschrieben, gebe Interviews zu dem Thema, auf YouTube gibt es diverse Videos dazu. Natürlich ist das alles als Barbie und dadurch habe ich eine Art Schutz. Nicht jeder Mensch, mit dem ich im täglichen Leben arbeite, weiss um mein Alter Ego. Und wie jeder andere kranke Mensch auch, stelle ich mich neuen Kunden nicht mit meiner Krankenakte im Anschlag vor.  Aber ich würde nie deswegen lügen oder es bewusst verschweigen. Ich bin es leid, dass wir Positive derart stigmatisiert sind und es schon als bemerkenswert gilt, zu seiner Infektion zu stehen.

Hat die Therapie schon „angeschlagen“? Und, gibt es Nebenwirkungen?
Ich war nach zwei, drei Wochen schon unter der Nachweisgrenze. Die einzige Nebenwirkung, die ich hatte, war, dass meine Verdauung für die ersten paar Wochen extrem launisch war. Ich nehme meine Pille jetzt immer erst Abends, seitdem ist auch die Verdauung wieder normaler.

Fühlst du dich jetzt, wo du unter der Nachweisgrenze bist, anders als vorher? Wenn ja, hat das irgendwelche Verhaltensänderungen bewirkt?
Ansonsten fühle ich mich genau wie vorher. Nur eben nicht mehr ansteckend.

Du bist ja jetzt nicht mehr infektiös. Gretchenfrage: Gummi oder nicht Gummi?
(lacht) Mein Sexleben ist seit meiner Scheidung im Tiefschlaf. Wenn ich mal horny bin, transe ich mich auf und treffe ich mich mit einem meiner Hetero Fuckbuddies. Da ist Gummi eh immer Pflicht, wenn ich denen was von Nachweisgrenze erzähle, ist der ganze Zauber vorbei. Sollte ich irgendwann mal wieder auf schwulen Sex aus sein, werde ich sicher auch mal ohne Gummi ficken. Allerdings schützen die HIV-Pillen ja nicht vor allen anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, das vergessen viele gerne.

Foto: IWWIT

barbiebreakout.de


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