Christine_Lueders_Portrait

„Anderssein wird nicht geduldet”

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Christine Lüders über Diskriminierungen im Job

Für die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Christine Lüders ist das letzte Jahr angebrochen: Ihre Amtszeit endet mit der Legislaturperiode. Lüders hat noch viel vor. So widmet sich ihr Abschiedsjahr insbesondere dem Thema LGBTI

 

Welche Fälle von Homodiskriminierung werden Ihnen gemeldet?
Zu den häufigsten Vorkommnissen gehört es, dass schwulen oder lesbischen Paaren, die eine Lebenspartnerschaft eingehen, die Räumlichkeiten für die Feier verweigert werden. Auch bei Wohnungsvermietungen kommt es zu Diskriminierungen. Und natürlich im Arbeitsleben – bis hin zum Mobbing. Es gab mal den Fall eines schwulen Mitarbeiters an einer Tankstelle, der dazu verdonnert wurde, eine Frauenbluse zu tragen. Der Arbeitsgeber hatte herausgefunden, dass der Mann schwul ist.

Wie landet so ein Fall bei Ihnen und wie gehen Sie vor?
Die meisten Betroffenen wenden sich telefonisch oder per E-Mail an unsere Beratungsstelle. Meine Kolleginnen und Kollegen dort lassen sich dann erst einmal die Situation schildern. Dann beraten sie die Petenten juristisch. Und: Wenn der oder die Betroffene es wünscht, bitten wir  das Unternehmen um eine Stellungnahme. Das ist dann schon für viele Unternehmen peinlich, wenn so ein Fall kommt. Meistens einigt man sich gütlich, wie in diesem Fall mit dem Tankstellenmitarbeiter. Hier gab es auch eine Entschuldigung, und man trennt sich dann oft im Guten. Manchmal geht es aber auch nicht ohne Klage, weil grundsätzliche Fragen geklärt werden müssen und Entschädigungssummen ausgehandelt werden müssen.

Ich bewundere Menschen, die den Mut und die Kraft haben, gegen ihren Arbeitgeber zu klagen

Von CDU-Seite namentlich Fraktionsvize Michael Fuchs hieß es im Sommer, als das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) 10 Jahre in Kraft war (MÄNNER-Archiv): Es kann ja jeder klagen, der sich diskriminiert fühlt. Es macht aber nicht jeder, oder?
Sagen Sie das mal einer Frau, die gerade eine sexuelle Belästigung erlebt hat und traumatisiert ist. Nach jetziger Gesetzeslage hat sie nur zwei Monate Zeit, um vor Gericht zu gehen. Und: Sie muss das alleine tun. Sie muss vielleicht gegen den eigenen Arbeitgeber klagen – und sie muss das Prozessrisiko alleine tragen. Ich bewundere Menschen, die den Mut und die Kraft dazu haben. Das macht man nur, wenn man sich ernsthaft diskriminiert fühlt. Noch dazu muss man einen ganz harten Weg führen, das kann über Jahre gehen. Deshalb wäre es ungemein wichtig, wenn es wie im Verbraucherschutz auch hier ein Verbandsklagerecht gäbe.

Wenn das diskriminierende Unternehmen eine Stellungnahme verweigert …
Das tun sie nicht. Da kommt ein Brief von einer Bundeshörde mit dem Bundesadler drauf – das macht schon Eindruck.

Wie oft hören Sie über LGBTI-Menschen: „Was wollen die denn noch, die haben doch schon so viele Rechte bekommen“?
Das höre ich immer wieder, auch das Wort Genderwahn. Es ist absurd, wenn jemand erst gleiche Rechte einklagen muss, und andere Leute dann behaupten, der kriege jetzt Sonderrechte. Da wird oft irrational argumentiert, und daran sehen Sie: Es gibt noch viele Vorurteile gegenüber Menschen, die anders sind. Und dieses Anderssein wird nicht geduldet.

Welche positiven Beispiele erleben Sie?
SAP fällt mir da ein, wo es einen eigenen Ansprechpartner für Trans*personen in der Belegschaft gibt. Und es gibt in vielen Unternehmen wirklich fantastische Diversity-Strategien. Klar, jeder Mensch hat einer bestimmten Gruppe gegenüber Vorurteile – dagegen ist niemand gefeit. Aber daran kann man arbeiten. Wenn ein Unternehmer schlau ist, dann versucht er, seine Mannschaft so aufzustellen, dass aus jedem Bereich der Bevölkerung jemand dabei ist. Man hat dann unterschiedliche Perspektiven im Unternehmen und profitiert davon.

Es gibt leider nur wenige Coming-outs im Vorstandbereich

Trans*frau Sarah Ungar ist Managerin bei Thyssen-Krupp und hat sich dieses Jahr geoutet. Nun will sie LGBTI-Menschen im Unternehmen beim Coming-out helfen.
Ich finde es großartig, wenn das Management und erst recht die Vorstände divers besetzt sind. Es gibt leider nur wenige Coming-outs im Vorstandbereich, weil es sehr schwer ist, gegen viele Vorurteile diesen Schritt zu tun (das bestätigt ein früherer Lufthansa-Manager – MÄNNER-Archiv). Aber wenn da jemand ist, der weiß wie es anderen LGBTI-Menschen im Unternehmen geht – dann halte ich das für eine hervorragende Sache. Ich selber habe einen schwulen Cousin gehabt, der mit mir groß geworden ist – was einem vieles verständlicher macht. Er hatte sein Coming-out, als wir alle erwachsen waren – wir wussten es zwar alle und haben ihn gefragt, aber er hat es nie gesagt.

Je mehr Coming-outs wir haben, umso leichter ist es dann für alle anderen

Ich kann deshalb durchaus nachvollziehen, wie  schwer es in der Familie ist – und umso schwerer im Beruf. Aber je mehr Coming-outs wir haben, umso leichter ist es dann für alle anderen – ob im Profifußball, bei Vorständen oder in einem stinknormalen Arbeitsumfeld. Wie absurd ist es denn, wenn bei Betriebsfesten alle ihre Partnerin mitbringen, aber dann ist da jemand, der das eben nicht kann und womöglich mit einer Alibifrau kommt. Leider muss man sagen: Bei großen Banken und Anwaltskanzleien ist das noch sehr verbreitet, dort, wo viel Geld verdient oder umgesetzt wird und ein rigides System von Männern herrscht, die hetero zu sein haben.

Es gibt Untersuchungen, wonach ein LGBTI-unfreundliches Umfeld der Produktivität eines Unternehmens schadet.
Alle Diskriminierungen schaden der Wirtschaft, aber auch der Gesellschaft. Das gilt nicht nur, aber eben auch für die Benachteiligung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Trans* und Inter*. Hier gibt es noch viele Vorbehalte. Ich freue mich, dass LGBTI der Schwerpunkt unseres nächsten Themenjahrs sein wird. An dessen Ende bin ich dann kurz vor 65 und habe mein Pensionsalter erreicht. Und die Amtszeit der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle endet ohnehin mit der Legislaturperiode.

Das vollständige Interview mit Christine Lüders ist in MÄNNER 10.2016 erschienen.

Titelbild: ADS


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