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Magnus Hirschfeld Stiftung wird 5!

Interview mit Jörg Litwinschuh, dem Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) wurde am 27. Oktober 2011 von der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Justizministerium, errichtet und hat ihren Geschäftssitz in Berlin. Benannt ist sie nach dem Arzt, Sexualforscher und Mitbegründer der ersten deutschen Homosexuellenbewegung Magnus Hirschfeld (1868-1935). Seit dem 10. November 2011 ist Jörg Litwinschuh Vorstand der Stiftung; im vergangenen Juni wurde er für fünf weitere Jahre im Amt bestätigt.

 

Jörg, das Thema der Entschädigung  der §175-Opfer beschäftigt uns alle schon über viele Jahre. Auch die Stiftung, der Du jetzt 5 Jahre vorstehst, mit ihrem Zeitzeugenprojekt „Archiv der anderen Erinnerungen“. Wie schafft man es, geduldig zu bleiben?

Also, wir sind eine Bundesverwaltung und müssen geduldig bleiben. Das kann man auch von einer Verwaltung erwarten. Außerdem sind wir überparteilich, und das beziehen wir nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die LSBTTIQ-Zivilgesellschaft. Wenn wir ungeduldig würden, spielen wir vielleicht den Kräften, die die Entschädigung verhindern wollen, in die Hände und liefern ihnen Argumente. Und politische Prozesse dauern, und eine gesellschaftliche Veränderung eben auch. Aber jetzt sind wir soweit.

Mehr Leute haben mittlerweile verstanden, was für ein Leid die staatliche Repression für Schwule bedeutet hat

Bundesjustizminister Maas hat Zeitzeugen empfangen, viele Bundestagsabgeordnete haben sich mit Zeitzeugen getroffen – je mehr Opfer des Paragrafen 175 ihre Geschichten erzählten, umso mehr Leute haben verstanden, was für ein Leid diese staatliche Repression für die Schwulen bedeutet hat – und auch weit darüber hinaus. Es ist immer leicht dahingesagt: „Es war schlimm, aber es ist ja heute zum Glück vorbei“. Die Details zu erfahren, ist noch was anderes: Erst wenn die Leute die Lebensgeschichte an sich heranlassen, lassen sie sich auf das Thema Repression und Verfolgung ein. Auch in Schulen ist das interessant zu sehen: Da kann eine noch so wilde Klasse sitzen, in die wir gehen oder die zu uns kommt: Da ist nach 5 Minuten alles muxmäuschenstill.

Was sagen Eure Zeitzeugen zur geplanten Entschädigung?

Es sind aktuell über 50 Zeitzeugen, mit denen wir im Gespräch sind – Männer wie Frauen. Die schwulen Senioren sagen: Natürlich würden wir uns über eine Entschädigungsleistung freuen, aber das wichtigste ist für uns die Aufhebung der Urteile. Daher begrüßen wir es als Bundesstiftung sehr, dass die Schwelle recht niedrig angesetzt wird, glaubhaft zu machen, dass man verurteilt wurde, und nicht noch ein riesiges Verfahren nötig ist, das die Männer erneut drangsalieren würde. Viele Opfer haben ja ihre Akten nicht mehr. Die meisten Akten sind vernichtet worden, 30 Jahre nach einem Urteil ist dies ein „ganz normaler“ Vorgang, der ja auch zum Schutz und zur Wiedereingliederung verurteilter Menschen stattfindet, auch wenn dies hier nicht wirklich passt.

Ist es schwer Zeitzeugen zu finden, die für Euer Archiv der anderen Erinnerungen ihre Geschichte erzählen?

Wir können die Zeitzeugen, die sich gemeldet haben, momentan gar nicht alle treffen und interviewen. Wir haben lange dafür geworben, bundesweit, europaweit, dann haben sich die Leute lange damit beschäftigt und jetzt rufen sie an oder schreiben uns, zum Teil hoch betagt – 80 Jahre und älter, und sagen, „jetzt sind wir bereit“, aber wir müssen sie häufig vertrösten. Deshalb werbe ich beim Staat und bei NGOs und bei der Wirtschaft dafür, das Projekt finanziell zu unterstützen, sonst stehen diese Menschen irgendwann nicht mehr zur Verfügung, weil sie wieder Angst kriegen oder erkranken oder schlimmstenfalls versterben, bevor sie der Nachwelt ihre Lebensgeschichten erzählen konnten. Und wir kriegen aktuell fast alle zwei Monate Nachrichten, dass leider wieder Zeitzeugen oder potenzielle Zeitzeugen gestorben sind.

Und es verstreicht immer mehr Zeit …

Es nimmt definitiv zu. Wenn man bedenkt: Klaus Born ist der jüngste Zeitzeuge in unserem Projekt, mit 72 (MÄNNER-Archiv). Und der älteste ist fast 100, Wolfgang Lauinger aus Frankfurt am Main. Er wurde vom gleichen Richter nach Ende der Nazizeit wieder verurteilt. Sein Fall kann sehr anschaulich die Kontinuitäten aufzeigen. Das Bundesjustizministerium hat ja kürzlich die Studie „Akte Rosenburg“ veröffentlicht: Nach dem Krieg hatten 90 leitende Juristen mit Nazivergangenheit wieder einen Posten im Justizministerium. Es war sicher in anderen Ministerien vergleichbar, und das hatte natürlich Auswirkungen, die bis heute nachwirken, dass erst jetzt die Urteile des Unrechtsparagraphen aufheboben werden sollen.

Es gibt so viele Projekte, die die Stiftung angestoßen hat – im Bereich Zeitzeugen, Homophobie im Fußball, Hirschfeld Lectures, Hirschfeld-Tage, Erforschung der Verfolgung von LSBTTIQ-Menschen etc. Hattest Du einen Plan vor 5 Jahren?

Als ich im November 2011 angetreten bin, gab es außer der Satzung, die das Bundesjustizministerium verfasst hat, und der Ernennungsurkunde: nichts. Das war natürlich eine phantastische Herausforderung für mich, bei null anzufangen, aber auch ein riesengroße Verantwortung und ein sehr großer Stein, den ich zum Rollen bringen wollte. Und eine Riesenchance. Da ich zuvor Jahre für NGOs wie die Deutsche AIDS-Hilfe oder den LSVD gearbeitet habe und auch in der Schwulenemanzipation sowie als freier Journalist für schwule Medien tätig war, hatte ich bestimmte Vorstellungen, wo die Herausforderungen sein könnten. Ich hatte schon eine kleine Roadmap: Wo will ich hin mit der Stiftung? Und es gab ganz viele Interessen, die mit der Stiftung verknüpft wurden, ganz unterschiedliche und zum Teil auch gar nicht miteinander vereinbare Interessen. Da wir zu Beginn mit 10 Millionen Euro Vermögen auch nicht so üppig ausgestattet waren wie vergleichbare andere Bundesstiftungen.

Da ist es auch schwierig, öffentlichkeitswirksame Kampagnen zu fahren. Wie arbeite Ihr beispielsweise beim Thema Homophobie im Fußball?

Unser Ansatz sind Bildungsmaßnahmen, die erstmal nicht groß nach außen sichtbar sind, nämlich innerhalb der Fußballclubs selbst. Da gab es anfangs unglaublich große Widerstände. Oft haben die gar nicht gemerkt, dass sie homophob sind. Wenn wir in z.B. in DFB-Landesverbände oder Proficlubs gingen, gab es z.B. immer wieder die klassische Begrüßungsformel: „Schön dass Sie uns besuchen, aber hier gibt es kein Problem mit Homosexualität und unsere Spielerinnen sind doch bei allen akzeptiert“. Genau das unterstützt ja das Versteckspiel bzw. verengt das Thema auf lesbische Spielerinnen. Und da ist auch viel Sexismus im Spiel.

Homophobie im Fußball ist oft ein Generationsproblem

Wir haben dann ein Tool entwickelt, die „Berliner Erklärung“ – wer unterschreibt, verpflichtet sich, aktiv etwas gegen Homosexuellenfeindlichkeit zu tun. Die haben bisher 60 Vereine und die ersten Firmen unterzeichnet.

Hertha BSC

Dieses homophobe Plakat wurde neulich von Fans im Berliner Olympiastadion gezeigt (Foto: Twitter/Spielbeobachter)

Es habt aber Jahre gebraucht, bis die ersten Bildungsmodule bei uns oder unserer Partnerin der Universität Vechta gebucht wurden. Oft ist es ein Generationsproblem, gerade in der Vereinsspitze sitzen oft Männer,  die häufig um die 60 und viele noch geprägt vom Paragraphen 175 – da schließt sich wieder der Kreis. Was der für verheerende Folgen hat bis heute! Inzwischen haben wir den DFB für die Amateure und den Ligaverband für die 36 Proficlubs als vertrauensvolle Kooperationspartner gewonnen. Jetzt finanziert die Bundesliga-Stiftung z.B. die Bildungsmaßnahmen mit, die in der ersten und zweiten Liga gebucht werden.

Teil 2: „Rechtspopulisten wollen gar keine neuen Informationen haben und verschließen sich“


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