shutterstock_443928331

Schwul leben in China

Obwohl etwa 70 Mio. Homosexuelle im Land leben, ist für die meisten der 1,4 Milliarden Chinesen Schwulsein nicht präsent

Jörg arbeitet und lebt seit vielen Jahren in China. In seinem Vortrag am Donnerstag beim LSVD in Berlin erzählte er anekdotisch vom Leben in Peking als schwuler Westeuropäer und vom Umgang der chinesischen Gesellschaft mit Homosexualität.

von Adam Zapert

Es war im Jahr 2001, als Jörg das erste Mal nach China kam, um ein Praktikum zu absolvieren. Im englischsprachigen Radio kam zu jener Zeit die Meldung, dass ab sofort in China Homosexualität nicht als Geisteskrankheit behandelt werde. „Mir fiel beim Zähneputzen glatt die Zahnbürste aus der Hand als ich das hörte und ich dachte nur, wo bin ich hier gelandet“, erinnert sich der Geschäftsmann. Dennoch blieb er im fernen Osten, verliebte sich in einen Chinesen und gründete ein Unternehmen. Heute sieht er die Dinge gelassener und auch China hat sich geöffnet, frei von Widersprüchen ist es dennoch noch lange nicht.

Mann und Frau sollten ein Kind haben, ob schwul oder lesbisch interessiert nicht

„Vor allem wird Pragmatismus ganz groß geschrieben in China. Mann und Frau sollten ein Kind haben, ob schwul oder lesbisch interessiert nicht, schließlich redet man ohnehin nicht viel über Sexualität oder Gefühle“, erklärt Jörg. Da wundert es nicht, dass aktuellen Schätzungen zufolge nur drei Prozent der schwulen und bisexuellen Männer ihr Schwulsein offen ausleben. Ein Drittel ist immer noch “in the closet“ und zwei Drittel “irgendwie out“.

„In diesem Spannungsfeld einer Toleranz des Wegschauens wird Homosexualität geduldet und der Grad an Anonymität schafft Freiräume, in denen man ganz gut leben kann.“

70 Millionen Homosexuelle in China

img_0298

LGBTI-Magazine aus China (Foto: Adam Zapert)

Obwohl laut konservativen Schätzungen ca. 70 Mio. Homosexuelle in China leben, ist für die meisten der 1,4 Milliarden Chinesen das Thema Schwulsein nicht präsent. Ein offener Umgang passe nicht zu der in der Gesellschaft vorherrschenden Norm von einer Frau-Mann-Kind Familie – ein Erbe aus der Zeit des Konfuzianismus, welches vor allem auf dem Land noch sehr verbreitet sei. Dieses Traditionsbewusstsein sei weniger ausgeprägt bei gebildeten Familien und der Mittelschicht, die vor allem in den Großstädten zu finden sei. „Aber selbst dort kommt es nicht selten zu Scheinehen zwischen Schwulen und Lesben, um nach außen hin nicht aufzufallen“, so der Wahlchinese.

Vom Schutz einer Minderheit kann keine Rede sein

Auch der autoritäre Staat habe keine klare Haltung gegenüber Homosexualität. Er thematisiere diese nicht und bekämpfe sie nicht explizit, weil sie keine direkte Bedrohung darstelle. Hier und da wird zwar ein Zugeständnis gemacht und z. B. Filme wie die Dokumentation „Mama Rainbow“ zugelassen, die ein chinesisches Familienleben jenseits der Norm zeigt, die immer noch verbreitete “Konversionstherapien” von Schwulen verurteilt oder die Austragung des ersten Mr-Gay-China-Contest (MÄNNER-Archiv) gestattet (allerdings außerhalb des Landes), aber von Schutz einer Minderheit könne ebenfalls keine Rede sein.

Mr_Gay_China

Meng Fanyu, ein 27-jähriger Tanzlehrer, ist der 1. Mr Gay China (Foto: Screenshot)

Um so wichtiger seien Gay Communitys, die sich für die Rechte von LGBTI einsetzten und so für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz beitragen könnten. Es mag nicht recht zusammenpassen, aber gerade die seien in der letzten Zeit in China recht aktiv. Es gibt LGBTI-Center, schwule Chorgruppen, Gayprides, All-Gender-Toilets, Gay Flashmobs und selbst einen Aidswalk. Letztes ist besonders wichtig im Zusammenhang mit einer in den letzten Jahren rasant steigenden HIV Infektionsrate, der Stigmatisierung von HIV und einer fehlenden sexuellen Aufklärung. (Anfang des Jahres wurde eine schwule TV-Serie im chinesischen Fernsehen abgesetzt – MÄNNER-Archiv)

Schwulenszene sebst in Peking überschaubar

Frischer Wind wehe auch aus Nachbarländern, vor allem aus Taiwan, das ebenfalls dem chinesischen Kulturraum angehört, und Vietnam. Sollte in einem dieser Länder gar so etwas wie die Eingetragene Partnerschaft eingeführt werden, würde das Thema auch in der traditionell apolitischen, chinesischen Öffentlichkeit ankommen und könnte dort diskutiert werden, so der Wahlchinese. Bis jetzt sei die Schwulenszene recht überschaubar, selbst in Metropolen wie Peking. Es gäbe zwar ein paar wenige Bars, Einrichtungen oder eine Gay Sauna, vor allem verabrede man sich aber im Internet über Dating Apps wie Bluend oder Grindr, die technisch so einiges zu bieten hätten. „Dennoch ist die allgemeine Akzeptanz noch nicht wirklich vorhanden und muss noch viel weiter gehen als bisher“.

Titelbild: lev radin / Shutterstock.com (Das Bild wurde beim New Yorker Pride im Juni 2016 aufgenommen)


0 Kommentare



Likes & Shares