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Alle hatten Angst, verraten zu werden

Zwei Schicksale von Männern, die nach Paragraph 175 verurteilt worden sind

Da ist zum Beispiel Heinz Schmitz, aufgewachsen zunächst in Salzburg, später in Freiburg. Er suchte als junger Kerl den Kontakt zu anderen Männern. Wenn er mit den Hunde rausging, verabredete er sich mit jungen Männern, die ihn auf dem Spaziergang durch den Wald begleitet haben. Er wusste, dass die Treffen geheim bleiben müssen. Alle hatten Angst davor, verraten zu werden.

Von der eigenen Mutter verpfiffen

Seine Mutter muss es entdeckt haben. „Mein Junge hat in letzter Zeit derartige Erziehungsschwierigkeiten gemacht, und zwar in einer Form, der ich als Privatperson nicht mehr gewachsen bin“, schreibt sie ans Jugendamt. Kurz darauf steht die Sittenpolizei vor der Tür. Während des Verhörs wurde Heinz Schmitz erpresst. Die Polizei drohte ihm, er müsse sagen, mit wem er was und wo angestellt habe. Ansonsten würde man der Firma davon erzählen. Seine Lehrstelle bei Kaufhof stand auf dem Spiel. „Ich hatte grenzenlose Angst, dass sie es öffentlich machen.“ Er erzählte alles.

Anklage: „gegenseitiges Onanieren, Mundverkehr”

Am 6. Februar 1962, Heinz Schmitz ist 19 Jahre alt, wird ihm vor dem Jugendschöffengericht Freiburg der Prozess gemacht. „Ich war mutterseelenallein, zitternd wie Espenlaub.“ Vier Anklagepunkte, einer lautet: „Der Genannte wird beschuldigt, an einem nicht mehr feststellbaren Tag im Kino gewesen zu sein. Ein neben ihm sitzender Mann habe ihm in wollüstiger Absicht über den Oberschenkel gestrichen, worauf er dies erwidert habe.“ Die anderen Punkte: Gegenseitiges Onanieren, Mundverkehr.

Da kommt das Schwein aus Freiburg

Schmitz wird zu sechs Monaten Jugendstrafanstalt verurteilt. Damit er seine Lehre jedoch nicht verliert – „da ist der Richter vielleicht weich geworden“ – wird die Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Er durfte keinen anderen Mann auch nur anschauen. „Ich hätte es nicht gewagt“, sagt er bestimmt, betont die letzte Silbe, „obwohl ich sie begehrt habe“, schiebt er fast schon frech hinterher.

Damit er die Strafe auch spürt, so die Argumentation des Richters, musste er zusätzlich drei Wochenenden ins Jugendgefängnis. „Eine Zeit, die mir brennend im Herzen geblieben ist.“ „Da kommt das Schwein aus Freiburg“, wurde er am ersten Tag begrüßt. Er kam in Einzelhaft.

(„Jetzt müssen wir eine Entschädigungsregelung finden”, sagt Jens  Spahn (CDU) – MÄNNER-Archiv)

Cruising auf einem Berliner Parkplatz

Klaus Born hat Vergleichbares durchgemacht. Im Jahr 1965 trifft er sich auf einem Parkplatz in Berlin-Charlottenburg zum Sex mit einem Mann. Sie tun es im Auto, wie andere auch. Dieser Ort ist bei Schwulen bekannt. Von der Straße ist er nicht einzusehen, es war dunkel. Darum geht Klaus davon aus, dass ein Denunziant diesen Cruising-Ort verraten hat. Denn während die beiden Männer gerade zugange waren, klopfte es von außen an die Scheibe. Vier Taschenlampen leuchteten in das Autoinnere. „Kannst dir ja vorstellen, was du da für einen Schrecken kriegst“, sagt Klaus. Polizisten forderten die Männer auf, sich anzuziehen und auszusteigen.

Isolationshaft, wie bei Schwerverbrechern

Draußen stand schon ein Kastenwagen der Polizei bereit – die legendäre „Grüne Minna“ –, und Klaus wurde abtransportiert. So etwas hätte er vorher nie für möglich gehalten, sagt der gebürtige Paderborner. Er dachte, in Berlin sei man frei. Dabei sollen die Polizisten gerade hier besonders schlimm gewesen sein, auch in Hamburg und München.
Sechs Wochen lang wurde er in Berlin-Moabit festgehalten. Ohne Zeitung, ohne Musik, ohne Besuch. Isolationshaft, wie ein Schwerverbrecher. Einmal am Tag durfte er raus, für zehn Minuten. Beim Rundgang hielten die Mithäftlinge vor und hinter ihm zwei Meter Abstand. „Ich hätte ja jemanden anstecken können“, sagt er zynisch. Was aus Manfred H. wurde – seinem „Tatgenossen“, wie es in Klaus’ Gefangenenkarte heißt –, hat er nie erfahren – MÄNNER-Archiv.

Insgesamt 50.000 Urteile wurden nach Paragraph 175 in den Jahren 1945 bis 1969 gefällt. Sie führen zu teilweise langen Gefängnisaufenthalten, zerstörten Lebensentwürfen, Tausenden Selbstmorden und einem gesellschaftlichen Klima der Angst. Das alles war falsch, sagt Justizminister Heiko Maas (SPD) heute, es war Unrecht, von Anfang an und immer. Der Rechtsstaat habe das verstanden und versucht sich nun, 16 Jahre nachdem sich der Bundestag im Jahr 2000 dafür offiziell bei den deutschen Lesben und Schwulen entschuldigt hat, an Wiedergutmachung. 30 Millionen Euro sieht Maas für die Entschädigung vor (MÄNNER-Archiv).

Wie seht Ihr das?

Die Umfrage ist bereits beendet!Hier die Ergebnisse:

Was hältst Du von der Entschädigung über 30 Millionen Euro, wie sie derzeit geplant ist?

Titelbild: ADS /Ulrike Delfs & Magnus Hirschfeld Stiftung


2 Kommentare

  1. Kai Tonath

    Zum ersten Fall: Drei Wochen Haft (Jugendarrest) bedeuten 525 Euro Entschädigung! – und ich finde es nett, dass man hier gerne diejenigen, die damals in gutem Glauben nach dem aktuellen Recht gehandelt haben, 20 Jahre (das ist mehr als für einen Mord) ins Gefängnis schicken will – das fordert René Aberer …. kann es sein, dass es besser ist, die Opfer nicht zu rehabilitieren, damit verhindert wird, dass eine Hexenjagt auf alle die veranstaltet wird, die damals im guten Glauben gehandelt haben?


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