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Homophober Überfall – was tun?

Die MÄNNER-Rechtskolumne von Sissy Brucker

Die Anwältin Sissy Brucker hat als Mitglied des Berliner CSD-Vereins einen guten Draht zur
queeren Community. Ab sofort berichtet sie in MÄNNER über ihre wichtigsten Fälle 

Manchmal kommen Männer in meine Kanzlei, die eine halbe Stunde weinend vor mir sitzen. „Es ist peinlich – und weil es so peinlich ist, sage ich es niemanden.“ Aber irgendwann erzählen sie dann doch. Dass sie sich zum Sex verabredet haben und dann entweder mit GHB-Tropfen k.o. gesetzt wurden oder, bevor es überhaupt zum Sex kam, gefesselt, geschlagen, bedroht und anschließend ausgeraubt wurden. Manche mussten ihre EC-Karte samt PIN herausgeben. (In Großbritannien hat die Zahl der homophoben Übergriffe nach dem Brexit-Votum stark zugenommen – MÄNNER-Archiv)

Als er zu Boden fiel, trat man ihm noch ins Gesicht

So gab es mal ein Täterduo, zwei Männer, die sich mit anderen zum Sex verabredeten. Sie lockten ihr Opfer an einen unscheinbaren Ort, um es brutal zu verprügeln – so groß war ihr Hass. So lief es ab: Es gab eine Verabredung an einem Haus, mein Mandant suchte am Klingelschild nach dem Namen. Da tippte ihn jemand von hinten an und sagte, dass die Adresse nur ein Fake war, er um die Ecke wohne. Sie liefen also um das Haus, da stand der andere, rannte auf meinen Mandanten zu und schlug wortlos auf ihn ein. Als er zu Boden fiel, trat er ihm noch ins Gesicht. Der gesamte Kiefer wurde zertrümmert. Der Mandant rief die Polizei und seinen Bruder und konnte sich aufrappeln und weglaufen. Beide Täter wurden ermittelt und zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Haupttäter saß sogar in Untersuchungshaft. Sie zahlen ein Schmerzensgeld von 3.000 Euro an meinen Mandanten in Raten ab.

Homophober Überfall

Sissy Brucker in einer Illustration von Till Wellm

Nach so einem Überfall möchte man wieder ein normales Leben führen. Darum: Liebe schwule Männer, redet offen über Euch als Opfer von Straftaten wie Raub, Vergewaltigung und Schwulenklatschen! Solche Taten ziehen meist jahrelange psychische Folgen nach sich und verursachen Ängste. Auch wenn Ihr Angst davor habt: Die Konfrontation und das erneute Erleben der Gewaltsituation im Rahmen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens und während der gerichtlichen Hauptverhandlung helfen Euch, mit dem Trauma abzuschließen. Dieser Weg ist sogar effizienter als jede Psychotherapie, würde ich nach 14 Jahren Erfahrung als Strafverteidigerin behaupten.

Entlastet Euer Gehirn, weil Ihr danach vergessen dürft, was passiert ist

Das Allerwichtigste: Sofort nach der Tat alles aufschreiben, was Ihr erlebt habt, und gut aufbewahren. Es entlastet Euer Gehirn, weil ihr danach mal vergessen dürft, was passiert ist. Denn nun steht es ja auf dem Blatt Papier und es hilft, sich im Gerichtsverfahren besser zu erinnern und zu konzentrieren. Außerdem vergisst das menschliche Gehirn nach einer Woche mehr als die Hälfte der tatsächlichen Ereignisse, sodass dieses Protokoll auch schon für die Polizei ein wichtiger Beweis ist.

Wenn Ihr mehr erfahren wollt, dann erkundigt Euch bei Opferhilfe-Organisationen wie Maneo in Berlin (Strafanzeige wird nur in den seltensten Fällen erstattet, sagt Maneo – MÄNNER-Archiv) oder dem schwulen Überfalltelefon in Köln. Die haben unglaublich viel Erfahrung mit diesen Problemen.

www.maneo.de
www.koeln19228.de

Der vollständige Text ist erschienen in MÄNNER 10.2016

Sissy Brucker findest Du hier:
www.rechtskanzlei-brucker.de

Titelbild: Shutterstock


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