08 04 2016 Ludwigsfelde Potsdamer Strasse Brandenburg Tür zum Bürgerbüro der AFD Partei AFD

AfD-Homos: „irgendwo dazwischen“

Der MÄNNER-Wochenkommentar - immer wieder samstags

Immer samstags veröffentlicht MÄNNER einen Wochenkommentar, verfasst von wechselnden Autoren. Zum festen Stamm gehören Axel Hochrein (LSVD-Vorstand), Stefan Mielchen (Erster Vorsitzender von Hamburg Pride) sowie Jan Feddersen (taz).

Unser Gastkommentator heute: Matthias Gerschwitz („Endlich mal was Positives“)

 

„Wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“, hört und liest man allenthalben. Und ja, es stimmt. Die Bedeutung von Fakten, altmodisch „Tatsachen“ genannt, rückt immer weiter in den Hintergrund; immer wesentlicher für die Urteilsbildung werden schlichte Gefühle. Glaubt man dem Duden, der trotz sträflicher Missachtung durch bestimmte Bevölkerungskreise immer noch maßgeblichen Grundlage der deutschen Sprache, kann man vier Bedeutungen unterscheiden: Unter „Gefühl“ versteht man eine durch Nerven vermittelte Empfindung, eine psychische Regung, ein Gespür oder aber einen nicht näher zu erklärenden Eindruck.

Der Tellerrand stellt ein unüberwindbares Hindernis dar

Bei der Betrachtung der aktuellen, vom (Rechts-)Populismus geprägten Zeitläufte können wir uns getrost auf die letzte Bedeutung beschränken. Den Begriff Fakt bzw. Faktum erklärt der Duden übrigens als etwas, das tatsächlich und/oder nachweisbar vorhanden ist. Im postfaktischen Zeitalter werden also Dinge, die nicht zu erklären sind, zu einer Tatsache erklärt. Beweise für diese »Tatsachen« finden sich überwiegend bis ausschließlich im eigenen Erfahrungs- oder Erlebnishorizont, und bis zu diesem ist der Weg für zu viele Menschen nur allzu oft nicht allzu weit. Der Tellerrand stellt ein unüberwindbares Hindernis dar. Wenn sich dieses Phänomen nur auf den sogenannten kleinen Mann auf der Straße beschränken würde, wäre es zwar traurig, aber noch mit einem (gequälten) Lächeln zu quittieren. Leider unterliegen aber auch immer mehr Funktionsträger dem postfaktischen Syndrom. Allen voran in der Politik.

Wenn 40% die Mehrheit sind

Der rechtspopulistische ungarische Regierungschef Viktor Orban hat seit 2012 sechs Mal die Verfassung geändert. Beim siebten Mal wollte er erstmals die Bevölkerung per Volksabstimmung ins Boot holen, aber 60% der Ungarn verweigerten die Teilnahme. Die restlichen 40% folgten allerdings fast vollständig seiner Linie. Obwohl nur eine Minderheit zugestimmt hatte, genügte das Orban, um die Abstimmung zum Erfolg zu erklären. Die nächste Verfassungsänderung wird wieder, wie gewohnt, nach einer Scheindebatte vom Parlament gebilligt. Frank Herold schrieb dazu am 12.10. in der Berliner Zeitung: „Orban ist so selbstverliebt damit beschäftigt, den Volkswillen zu verkörpern, dass ihn das Volk nur dabei stört.“

Die AfD-Homos erklären den „ausgefochtenen Emanzipationskampf“ für beendet – obwohl sie ihn weder begonnen noch jemals daran teilgenommen haben

Nicht anders verhalten sich die sogenannten Homosexuellen in der AfD, die Anfang der Woche „Leitlinien“ (PDF) veröffentlicht haben, mit denen sie sich selbst faktisch obsolet machen.

Homosexuelle in der AfD

Foto: Bundesinteressengemeinschaft Homosexuelle in der AfD

Sie bezeichnen den Begriff Homophobie begrifflich als „Entgleisung“; erklären in bester Tradition Ronald Pofallas den „ausgefochtenen Emanzipationskampf“ für beendet (obwohl sie ihn weder begonnen noch jemals daran teilgenommen haben), geben sich, als angebliche Hüter des Rechtsstaates, mit dem Status Quo der rechtlichen Ungleichheit zufrieden, obwohl das BVerfG in Karlsruhe – nota bene: ein Organ des Rechtsstaates – die Aufhebung der Ungleichheiten in mehreren, ihrer Umsetzung immer noch harrenden Urteilen angemahnt hat.

Teil 2: „Gleichbetrachtung“ statt Gleichstellung?


11 Kommentare

  1. Wolfgang Wissen

    Ich will mir den Bericht gar nicht durchlesen – mir reicht das Foto. Das sind durchweg die Übriggebliebenen, die selbst beim Restef…… keiner mehr haben wollte. Sowas kann nur da landen, wo sich auch alle anderen vermeintlich zu kurz gekommenen versammeln: im Kläranlagen-Sammelbecken AfD. Puh, muss das da stinken.

  2. Klaus Hondele-Kremer

    Die sehen alle etwas kränklich aus, diese armen AFD-Homos! Muß ja sehr anstrengend sein, irgendwo dazwischen zu stehen. Und diese Person vorne in der Mitte: ist das eine Dame oder ein Herr? Antwort erbeten…..

  3. John Berlino

    Das „postfaktische Zeitalter“ bezeichnet keineswegs das „zu Tatsachen erklären von Dingen, die nicht zu erklären sind“ (Paraphrase), sondern die mediale Verbreitung von Behauptungen als Wahrheit jenseits ihres Wahrheitsgehaltes. Und so faselig, wie der Artikel beginnt, so durcheinander geht es dann auch weiter.
    Interessant, eigentlich lustig, finde ich einzig die Kritik am eigenen Erlebnishorizont als Maßstab für faktische Richtigkeit. Gerade bei den Ritter*Innen der politischen Korrektheit, die auch in der Mmmm-Männer nur allzu häufig die Lanzen schwingen, ist es ja oftmals eben nur das eigene Erleben von Diskriminierung und Hatespeech, -crime (Hashtag Hashmich) jenseits eines gesellschaftlichen Konsens, das die Emotionen hochkochen läßt und nach Rache schreit. Anders gesagt: Man ist hier doch sonst auch immer der Meinung, wer sich irgendwie durch irgendeinen Quark diskriminiert fühlt, der habe auch das absolute Recht dazu…


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