z2-1048×590

„Keinem geht’s schlechter in Russland”

Zaza Napoli, Russlands bekannteste Dragqueen, ist zum ersten Mal in Deutschland

Zaza Napoli, Russlands bekannteste Dragqueen, ist zum ersten Mal in Deutschland. In Berlin sprach Adam Zapert mit ihrem weniger glamourösen Schöpfer Vladim Kasanzew über Travestie, Homopropaganda und sein Leben in Russland.

Wenn man heute an Travestie in einem Land wie Russland denkt, wo Homosexualität unterdrückt wird, fragt man sich zu Recht: Wie passt das zusammen?

Es passt wunderbar. Travestie ist generell sehr gefragt in Russland. Es gibt keinen Schwulenklub ohne Dragshow. Alle die es ohne versucht haben, sind gescheitert. Die Russen mögen Cabaret, selbst in kleinen Städten treten Travestiekünstler auf. Allein in Moskau gibt ca. 350 Künstler, die überall in der Stadt auftreten und 50, die damit professionell Geld verdienen.

Trotz der politischen Situation?

Die Künstlerin Zaza Napoli hat damit kein Problem. Sie ist zuhause sehr gefragt und mit sechs Auftritten pro Woche stets ausgebucht. Ich habe in Russland alle Freiheiten und fühle mich nicht eingeschränkt. Deshalb habe ich mich gewundert als vor meinem Besuch in der deutschen Presse geschrieben wurde, ich hätte hier endlich die Möglichkeit frei aufzutreten.

Wie erklärt Du Dir diesen Erfolg?

 Um in Moskau erfolgreich zu sein, muss man dem Publikum etwas Besonderes bieten. Da sind zum einen Kostüme und das Aussehen sehr wichtig. Ich habe von Anfang an meine Kleider selbst genäht und tue es bis heute, um möglichst originell auszusehen. Vor allem aber zählen Talent und harte Arbeit. Kleine Jungs aus der russischen Provinz träumen oft davon als Travestiestar in Moskau berühmt zu werden, wollen aber selbst nichts dafür tun. Manchmal nur mit der Absicht sich einen reichen Mann zu angeln. Sie denken an Frauenfummel und Rouge, die Kunst ist ihnen egal. Ich bin ambitioniert und habe dadurch bisher jedes meiner Ziele erreicht.

Zaza Napoli

Und Du hast einen künstlerischen Background?

Richtig, ich hatte schon immer den Drang mich kreativ auszudrücken. In der Kleinstadt, in der ich aufwuchs war die Berufsauswahl bescheiden und ich wurde erst Lehrer. Habe aber dann schnell festgestellt, dass dies nicht die richtige Bühne für mich war und beschloss nach Moskau zu gehen, wo alles Möglich ist, und Schauspiel zu studieren. Dort konnte ich mich verwirklichen: Schon damals lagen mir Frauenrollen am meisten. Irgendwann vertritt ich dann einen von zwei befreundeten Travestiekünstlern bei einem Auftritt. Erntete Lob und verdiente mehr Geld als mit dem Nähen, was am Anfang meiner Karriere eine wichtige Einnahmequelle war. Also blieb ich bei der Travestie.

Ich bin im Laufe meiner Karriere vor den unterschiedlichsten Leuten aufgetreten: der Mafia, Polizei oder der Kirche

Auch weil es die Möglichkeit bot Dein Schwulsein auszudrücken?

Das hat damit nichts zu tun. Es sind zwar schätzungsweise 70 Prozent der Travestiekünstler in Russland schwul, aber es interessiert dort Niemanden. Zu recht, denn es sollte Jedermanns Privatsache bleiben. Ich bin im Laufe meiner Karriere vor dem unterschiedlichsten Publikum aufgetreten: der Mafia, Polizei oder der Kirche und Niemand hat danach gefragt.

Selbst nicht nach der Einführung des Anti-Homopropagandagesetzes?

Auch danach nicht. Mir sind keine negativen Folgen aufgefallen, seitdem es dieses Gesetz gibt. Weder mir, noch meinen Freunden geht es dadurch schlechter. Für die Kunst und das Nachtleben hatte es sogar einen eher positiven Effekt. Denn schwule Klubs und Bars lässt man jetzt in Ruhe. Auch wurde niemand bestraft oder verhaftet. (Ganz ohne Verhaftungen geht es in Russland aber nicht – MÄNNER-Archiv)

Zwei Männer, die in aller Öffentlichkeit knutschen oder rummachen, das gehört sich einfach nicht

Abgesehen von den Aktivisten und einigen Teilnehmern der letzen Gay Prides.

Ich sehe sie eher als Provokateure, die es darauf ankommen lassen Ärger zu bekommen. Sie wollen Aufmerksamkeit und profitieren vom Skandal. Es gibt einen gesellschaftlichen Rahmen und bestimmte Regeln, die man einhalten muss. Zwei Männer, die in aller Öffentlichkeit knutschen oder rummachen, das gehört sich einfach nicht. Wenn ich zwei solche sehen, würde ich ihnen am liebsten eine reinhauen. Über den Umgang mit Toleranz streite ich auch mit Freunden in Russland.

Alles sollte also bleiben wie es ist?

Nein, auch Russland wird sich verändern, aber Schritt für Schritt. Jedes Land hat seine eigene Dynamik. Man kann eine Liberalisierung nicht erzwingen. In Europa und Amerika hat es auch länger gedauert. Wir sind noch nicht so weit, aber auf einigen Ebenen hat auch hier eine Öffnung stattgefunden. Früher hätte ich in meiner Aufmachung nicht durch Moskaus Innenstadt laufen können, ohne dass mir etwas passiert. Heute macht es sogar Spaß. Neu ist auch, dass sich heterosexuelle Künstler für die Rechte von Schwulen einsetzen.

Du nicht?

Ich liebe alles schöne, die Blumen, die Sonne, Kunst und freundliche Menschen. Wenn die Zeit reif ist und Russland sich öffnet, bin ich die Erste, die an vorderster Front bei einer Gaypride mitmarschiert.

„FROM MOSCOW TO BERLIN – eine deutsch-russische Travestie-Gala” findet heute Abend, 10. Oktober, um 20 Uhr statt.

Titelbild: Screenshot


13 Kommentare

  1. Noah Joel Werner

    Schön das es IHR gut geht, kann man aber von LGBTI Mensch nicht behaupten. Beobachte eine Seite hier auf Facebook, wo russische Jugendliche ihre Briefe schreiben. Die haben soviel Angst von ihren Familien und Klassenkameraden, das die sogar anonym schreiben. ” wenn ich dich mit einen Kerl sehe, bringe ich Dich um ” sind eine der wenigen Aussagen der Eltern.

  2. Frank Bartz van den Bosch

    Jemand der meint einem knutschendem Paar sagen zu müssen das gehöre sich nicht, der sagt ihr habt j ein Recht zu lieben und damit keine Menschenwürdiges Dasein. Doch der das sagt, sollte in Deutschland zur unerwünschten Person erklärt werden. Go home to Rusia and Putin!

  3. Marco Summer

    Solange das Geld fliesst, ist es ihm/ihr egal! Aber das Jugendliche sich das Leben nehmen weil sie nicht sein kônnen, wer sie sind…

    Stell dir vor, es wûrde verboten werden sich als Transvestit zu leben?

  4. Alois Zeindl Zeindl

    Etwas Schöneres als Knutschen gibt es nicht, ob nun hetero oder schwul sollte dabei egal sein, würde ich denken. Ich finde, es ‘gehört’ mehr öffentlich gemacht, damit es diejenigen auch sehen können, welche nicht wissen was das ist.


Schreibe einen neuen Kommentar



Likes & Shares

Durch die fortgesetzte Nutzung der Website erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. mehr Info

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close