Kretschmann: Klassische Ehe bevorzugt

Der Ministerpräsident gibt den Grünen eine Mitschuld am Aufstieg der AfD

Winfried Kretschmann geht in einem Gastbeitrag in der morgen erscheinenden Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit, hart mit seiner Partei ins Gericht und schlägt teilweise sehr merkwürdige Töne an. Er ruft die Grünen zur Selbstkritik auf. „Wir sind keine Heiligen und werden es auch nicht, … Wir sollten das Moralisieren lassen.” Kretschmann behauptet, dass die „kulturelle Hegemonie” der Grünen indirekt zum Aufstieg der AfD beigetragen habe. Angesichts einer umfassenden Modernisierung der Gesellschaft wachse sich bei vielen Menschen „das Gefühl der Überforderung zum Gefühl des Kontrollverlusts aus”.

So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.

Nun gehe es darum, deutlich zu machen, „dass die neuen Freiheiten in der Lebensgestaltung ein Angebot und keine Vorgabe sind.” Ausdrücklich verteidigt Kretschmann die klassische Ehe: „So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.” Ob sich Klaus Wowereit über diesen Gebrauch seines berühmten Zitats freuen wird, darf bezweifelt werden. Und falls Kretschmann so eher konservative Wähler ansprechen und für die Grünen begeistern will, läuft er Gefahr die „klassische” Klientel von Bündnis90/DieGrünen, zu der auch viele LGBTI gehören (MÄNNER-Archiv), zu verprellen.

Dass kann bei uns jede und jeder für sich ganz persönlich entscheiden

Die haben andere BündnisGrüne wie immer fest im Blick. Claudia Roth, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, kommentierte Kretschmanns Äußerungen gegenüber m-maenner.de so: „Ein jeder nach seiner Façon. Winfried Kretschmann hat für sich als bevorzugte Lebensform die Ehe ausgemacht. Ich nicht. Dass das bei uns jede und jeder für sich ganz persönlich entscheiden kann, das ist wirklich gut so!” Kai Klose, Landeschef der Grünen in Hessen sagt: „Wenn Winfried Recht hat, ist es umso drängender, endlich allen Menschen die Möglichkeit zur Eheschließung zu eröffnen.”

UPDATE: Das Staatsministerium in Baden-Württemberg hat, nach einem negativen Medienecho auf die Zitate aus Kretschmanns Text in der Vorab-Pressemitteilung von DIE ZEIT, reagiert und sagt „die Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen.” Der vollständige Text ist nun einen Tag vor Veröffentlichung online zugänglich. Womit die Anzahl der schwammigen Formulierungen allerdings eher noch wächst. Kretschmann findet, man müsste sich „auf die Suche nach einer neuen Mitte” machen und dürfe „den Individualismus nicht auf die Spitze treiben”, auch wenn „jeder nach seiner Façon” leben dürfe.

Bild: Imago


25 Kommentare

  1. Kevin Montany-Jung

    >ich kann mit den latenten angriff auf homosexuelle lebensplanung nichts anfangen und nicht gut finden === wenn 95% der menschen ohnehin heterosexuell sind bzw. bevorzugen liegt es in der natur der sache, dass diese sagen „So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.” … der latente seitenhieb „ – und das ist auch gut so.” find ich allerdings sehr schlecht = denke, auf kosten minderheiten und deren seelischen leid i.c. politisch „locker jugendfrisch” wirken zu wollen, ist nicht o.k. = ?!<

  2. Frank Bartz van den Bosch

    Was ist eine klassische Ehe ? Zwischen Mann u. Frau oder zwischen 2. Personen – die meisten wollen klassisch einfach nur eine Ehe und zwar die mit ihrem Partne der freien Wahl und so will es die Charta der EU und die der Menschenrechte! So denken rein klassisch gesehen die erstklassig gesetzlich vertretenen Heterosexuellen aber auch die zweitklassig gesetzlich vertretenen Homosexuellen, welche aus klassischer Diskriminierungssicht die Lebenspartnerschaft meiden.

  3. Stefan Jank

    Mal langsam: die Initiative im Bundesrat für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften ist auf Initiative auch der BW-Grünen zustande gekommen. https://www.bundesrat.de/DE/plenum/themen/ehe-fuer-alle/ehe-fuer-alle.html
    Allerdings hätte er sich die Wertung auch sparen können. „So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – — das ist —– so.” Klar ist das so. weil die meisten einfach heterosexuell sind. 😉

  4. Jürgen Gladbeck

    Den Zusatz „das ist auch gut so”
    hätte er sich schenken sollen.
    Das ist wertend und somit gegen unsere Rechte gerichtet.
    Aus meiner Sicht ist die Ehe ansich ein verzichtbares, religiöses Relikt vergangener Zeiten.
    Eine staatliche Eheschließung (für Homosexuelle genau wie für Heterosexuelle) könnte meiner Meinung nach gut und gerne komplett durch ein Partnerschaftsrecht mit zusätzlichen individuellen, vertraglichen Elementen ersetzt werden.

    Wer „religiös” in irgendeiner Kirche, Moschee oder einer Bretterbude heiraten möchte kann das ja für sich machen und mit seiner Sekte und einem Pfaffen seiner Wahl ausmachen.

  5. Kai Tonath

    Die meisten Menschen bei uns sind Hetetosexuel. Deshalb bevorzugen sie für sich die klassische Ehe …. ansonsten hat er natürlich mit vielen Aussagen recht – Die Grünen haben das „Befürchten” erfunden – wir denken zum Beispiel daran, dass sie befürchten, dass wenn TTIP abgeschlossen wird, wir alle vergiftet werden … und wir denken daran, dass die Grünen im letzten Herbst über jeden die #Nazikeule geschwungen haben, der auf die rechtsradikale Idee kam zu fragen: Wo sollen 13000 Menschen, die am Tag in München neu ankommen wohnen? Heute stellen sich diese Frage alle Gemeinden und Städte ganz offiziell (in Städten mit Grünen als OB ist diese Frage nach wie vor verboten!)

  6. Chris Bo

    Hat hier eigentlich irgend jemand den Namensbeitrag komplett gelesen oder reicht es bei vielen hier nur für die Überschrift hier…?

    Zitat: „Es geht darum, dass jeder nach seiner Fasson leben kann und nicht darum, traditionelle Lebensformen abzuwerten oder die Individualisierung ins Extrem zu treiben.”

    Was ist daran bitte falsch?!

  7. Sönke Baumeister

    er beklagt zu großem Recht das Moralisieren und die Sebstgerechtigkeit der eigenen Partei…wie man auch in den Kommentare ablesen kann….und natürlich ist die Ehe zwischen Mann und Frau das übliche Modell. da braucht man nur aus dem Fenster gucken…ich finde es gut, dass er sagt, dass nicht alle Grünen oder Linken Heilige sind, nach deren Vorbild man leben muss.. es ist nur ein Angebot… mehr Liberalität würde dem Land gut tun.


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