Mapplethorpe und der Penis

Die Produzenten von „Ru Paul’s Drag Race“ setzen Kunstfotograf Robert Mapplethorpe ein filmisches Denkmal

Der Brite Fenton Bailey und der Amerikaner Randy Barbato waren mal ein Pop-Duo. Als The Fabulous Pop Tarts brachten sie in den 80ern zwei Alben heraus. Sie waren auch über 20 Jahre lang ein Liebespaar. Inzwischen sind sie mit ihrer Produktionsfirma für all das zuständig, was im US-Fernsehen Spaß macht: von „RuPaul’s Drag Race“ über Reality-Shows aus dem Leben von Tori Spelling und LaToya Jackson, bis hin zu einer Doku über die Entstehung des Kult-Pornos „Deep Throat“. Das dynamische Duo wandelt, die schwule Zielgruppe fest im Blick, immer auf dem schmalen Grad zwischen Trash und Popkultur. Nun kommt ihre Regiearbeit „Mapplethorpe: Look at the Pictures“ ins Kino

Mapplethorpe

Die Herren Bailey und Barbato (Foto: Kool Filmdistribution )

Mr. Bailey, Mr. Barbato, welchen Bezug haben Sie zu dem legendären Fotografen Robert Mapplethorpe?
Barbato: Wir lebten in den 80er Jahren in New York, als auch er noch am Leben war. Allerdings waren wir eine ganze Ecke jünger, deswegen kreuzten sich unsere Wege nicht. Ich kannte damals ohne Frage seinen Namen, ohne dass ich wirklich mit seinen Fotos vertraut gewesen wäre. Und genau das ist ja unter anderem so spannend an ihm.

In welcher Hinsicht?
Barbato: Mapplethorpe steht wie Warhol und einige andere für eine Entwicklung, in der ernstzunehmende Kunst und kommerzieller Erfolg sich nicht mehr gegenseitig ausschlossen. Und er war in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus. Zum Beispiel im offenen Umgang mit seiner Homosexualität. Zwar war die halbe Kunstwelt schwul, aber kaum jemand stand dazu. Er war auch Vorreiter, was die Darstellung männlicher Körper angeht. Die Objektifizierung von Marky Mark in der Calvin-Klein-Werbung der 90er wäre ohne Mapplethorpes Vorarbeit sicher nicht in der Form möglich gewesen.

Mapplethorpe

(Foto: Robert Mapplethorpe Foundation)

Mapplethorpe steht auch für Fotos von nackten Schwänzen. Bis weit nach seinem Tod sorgte sein Werk für Kontroversen. Gilt das bis heute?
Barbato: Puh … Einerseits hat sich natürlich seit den 80er und 90er Jahren unglaublich viel verändert. Und andererseits ist es mitunter erschreckend, wie wenig sich verändert hat. Ohne Frage ist es heute ein Leichtes, mit nur einem Mausklick auf wesentlich schockierendere Bilder zu stoßen, neben denen Mapplethorpe harmlos wirkt. Allerdings guckt man sich die eben zu Hause im dunklen Kämmerlein an. In einem Museum oder auch im Kino, also in der Öffentlichkeit und gemeinsam mit Fremden, ist die Wirkung eine ganz andere. Da verkrampfen – zumindest im puritanischen Amerika – immer noch genauso viele Menschen beim Anblick eines erigierten Penis wie früher.

Es ist auch heute noch erstaunlich, für wie viel Aufregung ein Penis sorgen kann

Es muss sich doch ein bisschen was verändert haben …
Bailey: Na ja, ganz so schlimm wie früher ist es nicht mehr. Als Mapplethorpe mal Teil einer Gruppenausstellung zum Thema „Männlicher Akt“ war, schrieb die New York Times allen Ernstes, dass männliche Nacktheit unnatürlich sei. Unbekleidete Männer würden unvollständig wirken, hieß es da ganz unironisch. Wir sprechen wohl gemerkt nicht vom 19. Jahrhundert, sondern von 1978! Trotzdem ist es auch heute noch erstaunlich, für wie viel Aufregung ein Penis sorgen kann.

Das komplette Interview steht in MÄNNER 11.2016

Kinostart: 3. November

www.mapplethorpe-derfilm.de

Titelbilde: Robert Mapplethorpe Foundation


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