Sensationeller Start für „Moonlight”

In den USA läuft er schon, der wohl schönste und berührendste Film des Jahres

UPDATE (23.11.2016) „Moonlight” ist 5mal nominiert für den Independent Spirit Award, u. a. als bester Film. Mit den Independent Spirit Awards werden seit Mitte der 80er Jahre Hollywood-unabhängige Filmproduktionen geehrt. Verliehen werden die Awards am 25. Februar 2017, traditionell am Vorabend der Oscarverleihung. Einen deutschen Starttermin gibt es noch nicht.

Ende Oktober lief er in den amerikanischen Kinos an, der wohl schönste und berührendste Film des Jahres. Und siehe da: „Moonlight“ ist – zumindest in den ausgewählten Kinos, in denen er bislang in Los Angeles und New York zu sehen ist – mit über 414.000 eingespielten Dollar auf gerade einmal vier Leinwänden (und zwar in New York und Los Angeles) ein echter Publikumserfolg. Pro Kino sind das nämlich ca. 103.000 Dollar – das gab es 2016 bei keinem anderen US-Start. (Das sind laut BBC die besten LGBTI-Filme – MÄNNER-Archiv)

Und das obwohl der Film von Barry Jenkins von einem Protagonisten erzählt, der sowohl schwarz als auch schwul ist, was nach Maßstäben des Hollywood-Mainstreams bekanntlich eine ziemliche Außenseiterposition ist.

Seine mühsam antrainierten Muskeln trägt er wie einen Panzer vor sich her, unter dem er nicht nur seine Homosexualität versteckt

„Moonlight“ erzählt die Geschichte von Chiron unterteilt in drei Kapitel. Als kleiner Junge (gespielt von Alex Hibbert) findet er Zuneigung eher beim örtlichen Drogenboss (Mahershala Ali aus „House of Cards“) und dessen Frau (Janelle Monáe) als zuhause bei seiner Crack-süchtigen Mutter (Naomie Harris, 007s aktuelle Miss Moneypenny), die ihn schon mal als „Schwuchtel“ beschimpft. In der Pubertät (nun verkörpert von Ashton Sanders) wird er noch immer von seinen Mitschülern drangsaliert, erlebt allerdings auch mit seinem Jugendfreund Kevin eine körperliche Intimität, die in seinem Leben sonst fehlt. Jahre später jedoch ist Chiron (Trevante Rhodes) noch immer nicht bei sich selbst angekommen, sondern selbst auf kriminellen Abwegen unterwegs. Seine mühsam antrainierten Muskeln trägt er wie einen Panzer vor sich her, unter dem er nicht nur seine Homosexualität, sondern überhaupt sämtliche Gefühle versteckt. Bis sich eines Tages aus heiterem Himmel Kevin (André Holland) wieder bei ihm meldet.

Hochkonzentrierte Charakterstudie

Viel Plot ist es nicht, den (der übrigens heterosexuelle) Jenkins – ausgehend vom autobiografisch geprägten Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ des schwulen Schriftstellers Tarell Alvin McCarthys – in seinem Film auffährt. „Moonlight“ ist viel mehr eine hochkonzentrierte Charakterstudie und als solche eine kleine, bescheidene und angenehm unaufgeregte. Umso größer allerdings ist die emotionale Wucht, die Jenkins aus der Konzentration auf seinen Protagonisten und dessen unmittelbares Umfeld im Armenviertel von Miami entwickelt. Fernab von Coming-of-Age-Klischees oder der Dramaturgie herkömmlicher Coming-out-Geschichten zeigt „Moonlight“ die Schmerzen des Erwachsenwerdens und das mühsame Finden einer männlichen, schwarzen und schwulen Identität (Australiens erster schwuler Aboriginal Abgeordneter hat kürzlich das Regionalparlament mit einer beeindruckenden Rede eröffnet – MÄNNER-Archiv)

Was noch fehlt, ist ein deutscher Verleih

Dass es Jenkins bei aller Herz zerreißenden Melancholie seiner Geschichte gelingt, seinen Film von einer erstaunlichen Leichtigkeit und Frische durchwehen zu lassen, zeichnet „Moonlight“ ebenso als Meisterwerk aus wie die unvergleichliche Zärtlichkeit und Wahrhaftigkeit, mit der er erzählt. Sein exzellentes Ensemble tut ein Übriges, genau wie die wunderbaren Bilder von Kameramann James Laxton. Was nun noch fehlt, ist ein deutscher Verleih, der zu schätzen weiß, dass „Moonlight“ auch fürs hiesige Publikum weder zu schwarz noch zu schwul, sondern ein Ausnahmefilm ist, wie es ihn in dieser Form viel zu selten auf der Leinwand zu sehen gibt.

Titelbild: „Moonlight”/Still


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