Patient Zero unschuldig

Studie beweist: Für den Ausbruch von HIV ist nicht ein einzelner schwuler Mann verantwortlich

Manche Legenden halten sich hartnäckig. In Bezug auf HIV war das die von Patient Zero, einem einzelnen Mann, der in New York durch sein ungezügeltes Sexleben ganz allein für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gewesen sein sollte. Gaétan Dugas, so hieß er, war Flugbegleiter bei Air Kanada und starb schon im Frühjahr 1984 an den Folgen von AIDS. Nachdem er in seinen 31 Lebensjahren mit Tausenden von Männern geschlafen hatte. Er war der ideale Verdächtige: promisk, mobil und sehr attraktiv. Was er auch war: Das perfekte Opfer für eine Atmosphäre, in der es nötig war, einen Schuldigen zu finden und schwule Männer für ihre freie Sexualität zu bestrafen.

Gaétan Dugas ist einer der am meisten verteufelten Patienten der Medizingeschichte

Das Problem ist nur: Die Theorie, dass Dugas viele Männer mit seiner Virusvariante infiziert hatte, die dann wiederum Hunderte andere Männer infizierten, ist einfach falsch. Viele AIDS-Forscher hatten das lange vermutet und an mehreren theoretischen Modellen nachgewiesen, jetzt haben Kollegen in einem am Mittwoch im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten Text, den Beweis für Dugas Unschuld erbracht. Richard McKay, Co-Autor der in Nature veröffentlichten Studie, erklärt: „Gaétan Dugas ist einer der am meisten verteufelten Patienten der Medizingeschichte, und einer in einer langen Reihe von Menschen, die man dafür verantwortlich machen wollte, den Ausbruch einer Epidemie leichtfertig und bösartig durch ihr ‚unmoralisches‘ Verhalten herbeigeführt zu haben.“ Viele Männer leben heute genauso promisk wie Dugas, und die HIV-Neudiagnosen sinken. (MÄNNER-Archiv)

Gaëtan Dugas

Gaétan Dugas

Die Grundlage von Dugas Anklage war die Annahme, dass es HIV-1 Gruppe M Subtyp B, den HI-Virus mit dem Dugas infiziert war, vor seiner Einreise in die USA Anfang der 1980er auf dem Kontinent nicht gegeben hätte und der auch der Auslöser für die amerikanische Epidemie gewesen ist. Um diese These zu entkräften, untersuchten die Autoren der jetzt veröffentlichten Studie Hunderte Blutproben von schwulen Männern, die in den 70er Jahren in New York und San Francisco als Teil einer Hepatitis-Studie gesammelt worden waren. Dabei stellte sich heraus, dass einige dieser Männer schon in den Siebziger Jahren HIV-positiv gewesen waren und der HI-Virus mit dem sie infiziert waren, sich bis in die sechziger Jahre in die Karibik zurückverfolgen lässt. 1971 gab es die ersten Infizierten in New York, 1976 erreichte das Virus San Francisco. Ab da verdoppelte sich die Anzahl der Infizierten jedes Jahr, was dazu führte, dass nach den Kalkulationen der Forscher Anfang der 1980er längst Tausende US-Amerikaner das Virus in sich trugen.“ Richard McKay sagt: „Wir hoffen, dass unsere Studienergebnisse dazu führen, dass Forscher, Journalisten und die Öffentlichkeit innehalten, wenn sie glauben den nächsten ‚Patient Zero‘ ausfindig gemacht zu haben. Der Begriff hat viele Bedeutungen und eine sehr belastete Geschichte. Es ging bei seiner Benutzung selten um Forschung, aber oft um die Intention derer, die ihn benutzten.“

Fotos: Dugas (https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=29783679)/Shutterstock


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