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Vorhaut, verzweifelt gesucht

Umbrien ist nicht nur was für religiöse Pilger

Jeder Pilger braucht ein Ziel. Vielleicht eine religiös-spirituelle Reise entlang männerdominierter katholischer Kultstätten bis in die heilige Stadt? Andere finden auf dem langen, steinigen Weg in die queere Szene Roms ein Erholungsabenteuer, das einen die Buchung des nächsten Großstadturlaubes noch einmal überdenken lässt. 

 

Text & Fotos: Tobias Overkämping

Die Sonne brennt auf der Haut, genau wie die Muskulatur in Beinen und Po. Der Weg ist anspruchsvoll mit seinen vielen Steigungen und Gefällen. Mal ist der Untergrund felsig, mal sumpfig. Funkelnde Schweißperlen rinnen die Wange entlang.

Doch die Anstrengungen und das Meistern der anspruchsvollen Abschnitte sind Teil des Vergnügens. Angeführt wird die Pilgertruppe inoffiziell von einem zugelaufenen Hund, der aufgrund von keuchbedingten Ungenauigkeiten bei der Namensgebung von der einen Hälfte „Sweety“, von der anderen „Speedy“ genannt wird. Hinter ihm hört man regelmäßig das Geräusch krachender Äste. (Schwule Pilger berichten von ihren Erfahrungen – MÄNNER-Archiv)

Giancarlo Guerrini, ein eigentlich äußerst friedliebender Zeitgenosse, zertrümmert mit seinem hölzernen Gehstock voller Wucht alles Dornige, was von den Seiten auf den Weg ragt. Wir sind auf der Via Amerina, einem Pilgerweg, der durch die Regionen Umbrien und Latium in Mittel-Italien führt. Giancarlo hat nicht nur einen Reiseführer zur Via Amerina geschrieben – mit der kirchlichen Organisation „Cammino della Luce“ kümmert er sich auch um die Pflege dieses und anderer Pilgerpfade der Regionen. „Unser Ziel ist es, dass die Menschen die alten, teils vergessenen Wege, neu entdecken.“

Umbrien

Sweety bzw. Speedy ruht sich aus

Tatsächlich ist man auf dem Weg trotz eines Pilgerbooms in Italien meist unter sich. In fünf Tagen Wanderschaft trifft die Gruppe keine anderen Pilger, weder die religiösen noch die „kommerziellen“, wie Giancarlos Kollegin Flavia sie nennt. Stattdessen treffen sie jede Menge Pferde, Schafe, Hunde (die Sweety/ Speedy erfolglos versuchen von seiner Mission abzubringen) und Italiener, die sich ehrenamtlich um die Pflege von Naturreservaten und historischen Stätten kümmern. Letztere wurden teilweise von der Regierung an Privatpersonen verkauft, die nun dort leben. So ist deren Instandhaltung sichergestellt. Die Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit der Anwohner ist groß: Gern lassen sie die Pilger auf ihre privaten Grundstücke und helfen auch mal mit ein paar Flaschen Wasser aus, wenn Pilgernde die italienische Septembersonne unterschätzt haben.

Beliebt zur Stärkung sind auch die vielen frisch gefallenen Haselnüsse von den großen Plantagen am Wegesrand. Wer über ein kräftiges Gebiss verfügt, knackt die Schale und stibitzt die Nuss, bevor sie von einem Großkonzern zu Nutella verarbeitet wird.

Die Strecke von Assisi nach Rom ist 210 km lang und Giancarlos religiöse Pilgergruppen benötigen dafür in der Regel acht bis zehn Tage. Komfort-Touristen, die gerne auch in besternten Hotels nächtigen, kürzen gelegentlich ab und nehmen sich Zeit, die vielen kleinen Städte in der Umgebung zu erkunden

Ob in Amelia, Orte, Gallese oder Nepi – überall fällt direkt der Stolz der Einwohner auf ihre Region auf. Oft steht dieser in Zusammenhang mit einem Heiligen, der sich hier aufgehalten hat und mindestens einen Splitter seines Skelettes für die örtliche Gemeinde hinterließ.

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Die Tradition wird in den Städten aufrechterhalten, indem zu vielen Gelegenheiten feierliche italienische Trachtenmode getragen wird und die Kinder Flaggentänze auf den großen Plätzen aufführen. Zur Stärkung gibt es Vier-bis-Sechs-Gänge-Menüs mit denen die Einheimischen täglich ihre lokalen Erzeugnisse zelebrieren und Besuchern die Diät versauen – von den nur hier wachsenden Bohnen bis zum selbstgeschlachteten Hausschwein mit mindestens einem Gang Pasta pro Speisung.

Viele der Städte in Mittel-Italien bestehen aus „Schichten“. Sie wurden an einem oder mehreren Punkten der Geschichte zerstört und anschließend entstand die neue Stadt auf den Ruinen der Vergangenheit. Untergrundtouren bieten einen spannenden Blick zurück auf alte Wassersysteme, Grabkammern und verschüttete Stadtgeschichte, sind aber nicht für jedes Gemüt geeignet.

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Die Temperatur fällt mit jedem Schritt in die Tiefe weiter ab. Die Härchen auf den freien Unteramen richten sich langsam auf. Tageslicht und die Geräusche der Stadt werden vom Gestein geschluckt. Gebückt und mit eingeknickten Knien geht es durch ein Labyrinth schwach ausgeleuchteter, enger Felstunnel. Das Geräusch fallender Wassertropfen hallt leise aus den größeren Kammern die sich gelegentlich links und rechts des Weges hinter einem winzigen Eingang auftun und Geschichten aus der Vergangenheit erzählen.

Die Gläubigen huldigten hier der heiligen Vorhaut Jesu Christus

Wem Untergrundenge und Heiligenverehrung nicht liegen, dem sei das Künstlerdorf Calcata ans Herz gelegt. Der in den 70er Jahren von Hippies übernommene ehemalige Pilgerort war dem Vatikan peinlich geworden, denn die Gläubigen huldigten hier der heiligen Vorhaut Jesu Christus. Heute gilt die Reliquie als verschollen.

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Im jeglichen motorisierten Verkehr fernhaltenden Gassengeflecht Calcatas reihen sich statt dessen Künstlershops, Bars und die angeblich kleinste regelmäßig bespielte Theaterbühne Italiens. Am Wochenende wimmelt es hier von jungen Besuchern, auf die bei Bier, Wein und anderen berauschenden Substanzen hinter jeder Ecke eine neue sensationelle Panoramasicht auf die Umgebung wartet.

Der gläubige Pilger trifft im Vatikan auf ein überwältigendes Katholikenheer, während sich andere in die queere Szene Roms stürzen

Das Ziel der Pilgerreise ist erreicht. Der gläubige Pilger trifft im Vatikan auf ein überwältigendes Katholikenheer, während sich andere mit der frisch gestählten Po-Muskulatur bestens vorbereitet in die queere Szene Roms stürzen.

Rückblickend waren die einsamen Pfade die hierher führten alles andere als eine entbehrlich Zeit der Selbstdisziplinierung. Die zahlreichen Eindrücke der sich stetig wandelnde Natur, die hier und dort den Blick auf steinige Fragmente einer früheren Menschheitsepoche freigibt, werden in Erinnerung bleiben. Mit Blick auf die angestrengte Hektik der Menschenmassen in der Hauptstadt verdeutlicht sich der Wert intensiver Kontakte, die auf dem Weg geknüpft wurden. Diese ersten Anflüge aufkommender Pilgernostalgie sind selbstverständlich immer eng verbunden mit der Frage, welche glückliche Truppe wohl gerade von Speedy/ Sweety auf neue alte Pfade geführt wird.

 

Lust auf eine religiöse Pilgerreise?

www.camminodellaluce.it

Eher an einer touristisch-kommerziellen Tour interessiert?

www.umbriafrancescosways.eu

Titelbild: Shutterstock


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