roter stempel zensiert

Zensur von Büchern: ein ernstes Problem

Jedes zweite Buch, das besorgte Bürger aus US-Bibliotheken verbannen wollen, befasst sich mit LGBTI-Themen

Vor ein paar Tagen erinnerte der Comic-Zeichner auf seiner Facebook-Seite an das Jahr 1996: „Vor zwanzig Jahren (!) beschlagnahmten Polizisten landauf landab auf Anweisung der Staatsanwaltschaft Meinigen unter anderem ‘Kondom des Grauens’ und ‘Bullenklöten’, obwohl die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vorher den Indizierungsantrag des Bayerischen Landesjugendamtes abgewiesen hatte. Ein echter Skandal!”

Zensur

Foto: Ralf König/Facebook

Verdacht, dass Hefte mit gewaltverherrlichenden und pornographischen Inhalten Jugendlichen ungehindert zugänglich sind

Beamte der Staatsanwaltschaft Meiningen hatten im Frühjahr 1996 bundesweit knapp 500 Buchhandlungen durchsucht und Königs vielfach preisgekrönte Bestseller-Comics beschlagnahmt. Man gehe dem Verdacht nach, „dass Hefte mit gewaltverherrlichenden und pornographischen Inhalten Jugendlichen ungehindert zugänglich sind”, erklärte Staatsanwalt Peter Möckl damals. Ein Verein aus Baden-Württemberg hatte Anzeige erstattet.

Versuch der Zensur trifft besonders oft Bücher mit LGBTI-Themen

Was wie eine Geschichte aus grauer Vorzeit anmutet, findet in den USA immer noch statt: Jedes zweite Buch, das in den USA aus Schulen oder Bibliotheken verbannt wird, befasst sich mit LGBTI-Themen – ein besorgniserregender Trend. Darauf wies gerade die „Woche der indizierten Bücher“ hin, die „Banned Books Week”.

Das Büro für intellektuelle Freiheit im amerikanischen Bibliothekenverband, ALA beruft sich auf Berichte aus Bibliotheken, Schulen und Medien bundesweit, in denen es um Versuche geht, bestimmte Bücher zu verbieten. Diese öffentlich zu machen, ist ein wichtiges Anliegen, denn man geht davon aus, dass 85 % der Fälle von versuchter Zensur nie gemeldet oder öffentlich thematisiert werden.”

In der Liste der am häufigsten verbotenen Bücher des Jahres 2016 finden sich eine Reihe von LGBTI-affinen Titeln, die Besorgte Bürger, Homo- oder Transphobe aus dem Verkehr ziehen wollten.

Zensur

Auf Platz 3 etwa befindet sich  das Buch „ I Am Jazz“ von der jugendlichen TransAutorin Jazz Jennings. Sie erzählt darin von ihren eigenen Erfahrungen als Trans*Teenager, um anderen in ähnlichen Situationen zu helfen. Platz 4 beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema Transsexualität: „Beyond Magenta: Transgender Teens Speak Ou“ von Susan Kuklin. Der ausgezeichnete Comic „Fun Home” von Alison Bechdel auf Platz 7 beschäftigt sich mit frühen lesbischen Erfahrungen der Autorin. In South Carolina hatten Republikaner versucht einer Universität staatliche Gelder zu kürzen, weil es in der Bibliothek eine Ausgabe von „Fun Home “ gab und darüber hinaus weitere Bücher mit Homo-Content. Platz 10 schließlich belegt der Roman „Two Boys Kissing“ von David Levithan, bei Fischer mit dem Untertitel „Jede Sekunde zählt” erschienen.

Zensur ist immer noch ein sehr ernstzunehmendes Problem

„Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aller Berichte, die wir täglich bekommen“, so die ALA. „Wir wollen uns nicht so sehr mit den Zahlen befassen. Vielmehr wollen wir der Community klarmachen, dass Zensur immer noch ein sehr ernstzunehmenden Problem ist.“

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Raziel Reid (Foto: Tallulah)

Der kanadische „Movie Star”-Autor Raziel Reid hat für die Zensur-Versuche nur Spott übrig: „Nichts lässt Dich älter aussehen als der Versuch, ein Buch zu verbieten. Das Verbrennen von Büchern ist eine archaische Angelegenheit. Vielleicht sollte man eher versuchen, WiFi-Verbindungen zu verbrennen. Im digitalen Zeitalter können Bücher keine verderbende Wirkung haben. Leute sind besorgt wegen ‘zwei küssender Jungs’? Die sollten mal lieber einen Blick in den Internetbrowser ihrer Kinder werfen: ‘Zwei Teenies mit Schwanzpics – jetzt anschreiben!’ gefällig?”

Titelbild: Fotolia


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