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„Über Sexualität wird offen gesprochen“

Raziel Reids Roman "Movie Star" ist eine ebenso rasante wie berührende Geschichte über das Anderssein

Für Jude ist die Schule ein großes Filmset: Da gibt es Crewmitglieder, Statisten und Hauptdarsteller – und jeder fügt sich in seine Rolle. Nur Jude ist im Drehbuch nicht vorgesehen. Als schrille Diva in High Heels und Glamour-Make-up zieht er die Blitzlichter der Paparazzi magisch an und mischt den Schulalltag gewaltig auf. Und als er das Undenkbare wagt und um das Herz seines Angebeteten kämpft, überschlagen sich die Ereignisse. Aber was wäre ein Blockbuster ohne dramatischen Höhepunkt? Raziel Reids Roman „Movie Star“ ist eine ebenso rasante wie berührende Geschichte über das Anderssein – schonungslos erzählt, mit viel bissigem Humor. Es ist ein im besten Sinne queerer Roman, der eine einprägsame Sprache spricht, Geschlechternormen infrage stellt, Gewalt und Bullying diskutiert – inspiriert von einer wahren Begebenheit.
In Kanada hat dein Roman eine mediale Diskussion über die Darstellung von Sexualität in Romanen für junge Leser ausgelöst. Hast du die direkte, teils schonungslose Darstellungsform und Sprache bewusst gewählt, oder ergab sie sich während des Schreibprozesses? Und war dir schon vorher bewusst, dass dein Roman das Potenzial hätte, derart zu polarisieren?
Ich hatte mir nicht bewusst vorgenommen, einen Text zu schreiben, in dem Sexualität so offen angesprochen wird. Ich habe versucht, möglichst ehrlich aus der Perspektive eines schwulen Teenagers zu schreiben, der in der Starrheit und unter den Zwängen einer Kleinstadt aufwächst. Sexualität ist ein wichtiger Teil der Jugend. Kein Schwanz wird härter als der eines 15-Jährigen! Also bin ich in die Gedanken meines Erzählers Jude eingetaucht und habe, ohne mich selbst zu zensieren, einfach frei geschrieben – anders könnte ich das gar nicht. Movie Star ist mein erster Roman, und ich hatte noch keine Leserschaft, war noch nie rezensiert worden, weshalb es keine Kritikerstimmen in meinem Kopf gab, die den Text womöglich zensiert hätten. Aus diesem Grund war mir nicht klar, dass ich einen provokativen Roman verfasst hatte, bis die Reaktionen eintrudelten. Erst da wurde mir bewusst, dass ich das Undenkbare getan hatte: Ich hatte die Wahrheit gesagt. Und das ist den Leuten fast immer unangenehm.

Der Roman bezieht sich auf reale Ereignisse – der tragischen Ermordung eines homosexuellen 15-Jährigen durch einen Mitschüler im Jahr 2008. Wann hast du entschieden, ein Buch zu schreiben, das dieses Ereignis verarbeitet?
Larrys Tod faszinierte und erschütterte mich. Er hatte Brandon, einen Jungen aus seiner Klasse, gefragt, ob er mit ihm am Valentinstag ausgehen würde, und ein paar Tage später brachte Brandon eine Waffe mit in die Schule und schoss Larry in den Kopf … Es war einfach nur schockierend und wirkte dabei regelrecht filmreif. Larry und Brandon verkörperten für mich auf beispiellose Art, wie schwule Jungs sich nach heterosexuellen sehnen und wie sich die heterosexuellen Jungs dadurch selbst infrage stellen. Ein paar Jahre später begann ich mit dem Schreiben, wobei mir die Emotionen, die zu dem Mord geführt haben, mehr Inspiration waren als das Verbrechen als solches.

Du hast an der New York Film Academy studiert, und die Welt der Filme bzw. Hollywood ist auch ein zentrales Thema des Romans. Wie viel Raziel Reid steckt in der Geschichte bzw. der Hauptfigur Jude? Hast du selbst auch Erfahrungen mit Ausgrenzung und Mobbing gemacht?
Ich bin mir nicht sicher, wo die Grenze verläuft. An manchen Tagen kommt es mir vor, als wäre ich selbst Jude, an anderen kann ich mich überhaupt nicht mit ihm identifizieren. Ich glaube, am engsten verbunden sind wir durch unsere Vorstellungskraft: Jude flieht aus seiner Realität in eine Traumwelt, und da ich als Jugendlicher ebenfalls gemobbt wurde und mich von meiner Umgebung unterdrückt fühlte, habe ich mich auf die gleiche Weise geschützt. Und das tue ich auch heute noch! Ich bin Autor, weil ich hoffnungslos eskapistisch bin.

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Jude ist ein eindrucksvoller Protagonist, schrill und eigenwillig, den man nicht so schnell wieder vergisst. Wie entstand die Figur?
Ich weiß es nicht! Ich habe ihn nicht konstruiert oder so etwas. Er floss einfach aus meinen Fingerspitzen, so wie ein Geist, dem endlich ein Gefäß gegeben wurde: die Buchseite. Jude lechzt nach Prominenz und Ruhm, um unsterblich zu werden. Es fühlte sich an, als wäre ich von ihm besessen, als würde er mich benutzen – durch mich bekam er endlich die Aufmerksamkeit, die ihm seiner Meinung nach schon immer zustand.

Was war dir bei der Charakterisierung Judes wichtig?
Ich habe den Roman in ein Drehbuch umgearbeitet, das gerade von Random Bench Productions umgesetzt wird, und ich bekam von den Produzenten häufiger den Hinweis, dass Jude nicht „sympathisch genug“ ist. Es war mir wichtig, so zu schreiben, dass die Figur sich selbst treu bleiben kann – im Guten wie im Schlechten –, aber das Publikum Jude auch verstehen und hoffentlich lieben lernen, für seine Fehler genauso wie für seine strahlenden Momente.

Angela, die beste Freundin des Protagonisten, hält die ganze Zeit zu Jude – bis sie erfährt, dass er nach Hollywood verschwinden will. Warum wendet sie sich ab diesem Moment ebenfalls gegen Jude?
Angela sehnt sich nach Liebe, und jeder Typ, mit dem sie etwas hat, benutzt sie nur. Sie benutzt die Kerle natürlich auch, sie ist eine Krawallbraut, sie ist emanzipiert und hat Spaß, ohne sich dafür zu schämen oder schuldig zu fühlen. Aber sie ist eben auch ein Mensch, und alle Menschen wollen ab und zu hören, dass sie richtig, dass sie liebenswert sind, so wie sie sind – nicht nur fickbar. Angela bekommt diese Bestätigung von niemand anderem als Jude. Als er sich entscheidet, die Stadt zu verlassen, trifft seine Ablehnung sie so hart, dass sie im Gegenzug versucht, ihn genauso sehr zu verletzen.

Jude hat eine Art Affäre oder zumindest einige intime Momente mit Angelas Bruder Abel. Warum ist daraus nicht mehr geworden, vielleicht sogar eine Beziehung, die Judes Schicksal hätte abwenden können?
Jude liebt Abel nicht. Vielleicht liebt Abel Jude, aber Jude ist zu masochistisch, er verachtet sich zu sehr selbst, um sich auf eine Beziehung einzulassen, aus der sich etwas Ernsthaftes entwickeln könnte. In Judes Welt gibt es nur einen möglichen Drehpartner für ihn: den ewig unerreichbaren Luke.

Interview: Matthias Höhne

Mittwoch, 30. November 2016 Einlass: 15:30 Uhr, Beginn: 16:00 Uhr Botschaft von Kanada in Deutschland Leipziger Platz 17, 10117 Berlin Eintritt: frei Bitte planen Sie genügend Zeit für eine Sicherheitskontrolle am Eingang ein

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Foto: © www.tallulahphoto.com


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