William August Cullen

Bart gegen Tuntigsein?

Ist William August Cullen ein typischer moderner schwuler Bartträger, der eine typische moderne schwule Absturzgeschichte erlebt hat?

Der Amerikaner William August Cullen lebt in Los Angeles, war lange als Organisator in der East-Side-Partyszene unterwegs. Er betrieb ein erfolgreiches Hundehotel für reiche Hollywood-Homosexuelle, schaffte er mit einem kühlen Vollbartfoto aufs Cover des Buchs „Beards: An Unshaved History“ (hier bestellen) – und stürzte dann ab mit Crystal Meth. Hier spricht er über die Erfahrungen der Kalifornier mit Drogenentzug, die neue Silver-Daddy-Mode, Hunde als beste Freunde und darüber, warum ihm die „Woof“-Kultur jüngerer Schwuler so auf den Keks geht.

Cover des Buchs "Beards: An Unshaved History" mit Model William August Cullen.

Cover des Buchs „Beards“ mit Model William August Cullen, fotografiert von Jeremy Lucido.

Du warst auf dem Cover von „Beards: An Unshaved History“, das den Weg in die Erfolgsausstellung „Bart – zwischen Natur und Rasur“ im Neuen Museum Berlin gefunden hat, wo Du in einer Glasvitrine gleich neben Nofretete landestest, als Beispiel für einen modernen Bartträger. Als welche Sorte Bartträger würdest du dich selbst beschreiben?
Ich finde ehrlich gesagt gar nicht, dass ich zu irgendeiner Bartkultur gehöre, jedenfalls nicht in einem offiziellen repräsentativen Sinn. Ich mag einfach die Art und Weise, wie der Vollbart an mir aussieht. Für mich geht’s vor allem darum, dass er mein Gesicht besser konturiert. Und er sorgt dafür, dass es so aussieht als hätte ich tolle Wangenknochen. (lacht) Im Gegensatz zu meinem eigenen getrimmten Bart mag ich bei anderen Männern total wilde Vollbärte: groß, buschig, mit Haaren übers ganze Gesicht verteilt.

William August Cullen in seinem neuen Haus in Los Angeles. So sieht er aus, wenn man mit ihm skypt. (Photo: Privat)

Hast Du solch einen Bart mal bei dir selbst ausprobiert?
Nein. Ich habe meinen Bart zwar schon mal ein paar Monate wild wachsen lassen. Aber ich stutze ihn dann doch immer wieder zurück, weil ich ein ganz anständiges Gesicht habe, und das will ich nicht vollständig verdecken. (lacht)

Hast Du mit verschiedenen Bart-Arten experimentiert?
Als ich jünger war, hatte ich alle nur denkbaren Variationen von Goatees und Schnauzern. In letzter Zeit habe ich viel darüber nachgedacht, meinen Bart ganz abzurasieren. Das habe ich seit 15 Jahren nicht getan. Manchmal habe ich ihn zwar extrem kurz getrimmt, um überhaupt mal wieder die Haut unter den Haaren zu sehen. Aber ich würde auch gern mal wieder mein nacktes Gesicht sehen, nach all der Zeit.

Barttrend

William August Cullen als junger Mann, fast glattrasiert. (Foto: Privat)

Viele Fashion-Experten und Modejournalisten behaupten, der Barttrend sei vorbei…
Die Leute, die das sagen, sind diejenigen, denen kein Bart wächst.

Wie steht’s um die Bart-Mode in Los Angeles?
Die Gay Community in LA ist sehr geteilt in diese beiden Gegenden und Männertypen. Die Leute in der East Side sind definitiv etwas älter, etwas gegerbter, bäriger. In West Hollywood sehen die Jungs traumhaft aus, sehr manikürt, ein paar vorsichtige Tattoos. Sie achten sehr auf ihre Ernährung, und es gibt eine starke Betonung von perfekten Körpern, weißen perfekten Zähnen und perfekt geschnittenen Haaren, anstelle von irgendwelcher Substanz im Sinn von Persönlichkeit und geistiger Tiefe.

Barttrend

Partys in Downtown LA. William August Cullen (r.) hat dort zusammen mit DJ Ambrosia Salad Feste organisiert. (Foto: Privat)

Mich werden wahrscheinlich viele verfluchen wenn ich sage, dass ich solche Eigenschaften eher in der East Side Szene finde, wo Männer individueller und origineller sind

Es ist dort ein Schmelztiegel von vielen verschiedenen Typen, während es in West Hollywood nur einen Typus gibt, die Clones: Einer sieht aus wie der andere.

William August Cullen (r.) mit Ambrosia Salad, einer bekannten DJane in Los Angeles. Sie leben alle in der East Side.

William August Cullen (r.) mit Ambrosia Salad, einer bekannten DJane in Los Angeles. Sie leben alle in der East Side.

Wenn ich das Haus verlasse, habe ich meistens vergessen Unterhosen anzuziehen

So schön ich es dort finde, hatte ich nie das Gefühl, dass ich nach West Hollywood passe. Ich verbringe mein Leben nicht im Fitnessstudio, ich sehe nicht immer perfekt gestylt aus, dafür bin ich viel zu durcheinander. Wenn ich das Haus verlasse, habe ich meistens vergessen Unterhosen anzuziehen, oder ich habe nicht passende verschiedenfarbige Socken an. Ehrlich gesagt dachte ich lange, ich könnte in West Hollywood nicht mal in ein Sportstudio gehen, bevor ich mich nicht vorher in bessere Form gebracht hätte, sonst hätten mich die „Muscle Marys“ dort ausgelacht.

In meiner Jugend hatte ich keinen Vater, der mir das hätte beibringen können

Bist du in der East Side mit diesem Look angekommen – oder hat der sich entwickelt?
Ich war als Kind ziemlich seltsam. Als ich mit 22 in L.A. ankam, hatte ich schon einige Tattoos, aber nur wenig Bart, weil ich nicht wusste, wie man den richtig trimmt. Natürlich hätte ich mir schnell einen wachsen lassen können: ich habe italienische Vorfahren, d.h. ich wurde mit Haaren auf dem Rücken geboren. (lacht) Witzigerweise hat mein damaliger Boyfriend, eine Drag Queen, mir gezeigt, wie man einen Bart richtig rasiert – mit sauberen Linien. In meiner Jugend hatte ich keinen Vater, der mir das hätte beibringen können. Ich wuchs in einem Haus voller Frauen auf.

Passen die Drag Community und die Bärenszene zusammen?
Absolut. In der Leder-Bar The Eagle sind alle willkommen, und die Partys dort werden oft von Drag Queens gehostet. Die depilierten „Muscle Queens“ gehen alle in ihre Lokale in West Hollywood, während die Bartträger und Drag Queens sich in der East Side treffen, wo man definitiv mehr Spaß haben kann.

Barttrend

William August Cullen mit der Lead-Sängerin der Band Steed Lord im Ace Hotel, Downtown Los Angeles. Die Partys dort hat William damals noch selbst organisiert. (Foto: Privat)

Als Du das Cover des Bartbuchs auf Facebook gepostet hast, hast Du dazu geschrieben: „The time I pretended to be a model.“ War das ein einmaliges Experiment?
Dieses Fotoshooting war für meinen Freund Jeremy Lucido, der das „Starrfucker [sic] Magazine“ herausgibt. Ich habe ehrlich gesagt nie gedacht, dass sich aus dieser Foto-Session jemals irgendwas entwickeln würde. Ich mag das Bild das da entstand noch nicht mal besonders. Jedes Mal wenn ich es sehe, denke ich, ich hätte ein besseres Selfie von mir machen können. Aber: Viele Menschen mögen das Foto sehr, und ich bin vermutlich mein eigener schlimmster Kritiker.

Teil 2: „Ich halte mich nicht für so wichtig“


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