„Trudeau hat die schönsten Augen“

"Hidden Cameras"-Frontmann Joel Gibb über Kanada und seinen Premier, ohne den es das neue Album vielleicht nicht gäbe

Joel Gibb besinnt sich mit einem Kanada-Album auf seine Wurzeln und bringt das schönste Hidden-Cameras-Werk
aller Zeiten zustande. Eine Entdeckung!

Joel Gibb ist nicht nur Frontmann und Songschreiber der Band Hidden Cameras, er ist diese Band. Selbst wenn er Gastsänger wie Rufus Wainwright oder Pet Shop Boy Neil Tennant ins Boot holt (was er bei der neuen Platte „Home On Native Land“ getan hat), muss man sehr genau hinhorchen, um deren markante Stimmen neben Gibbs eigenem Gesang herauszuhören. Es passt also, dass sich Tennant beim Pop-Kultur-Solo im Publikum versteckt, während die Bühne ganz Joel gehört. Und seiner Musik: der melancholisch-melodischen Single „Day I Left Home“, dem countryesken „You and Me Again“, dem ironischen Himmelfahrtskommando „Counting Stars“, das sich in der Studioaufnahme zur Gospel-Hymne steigert, beim Konzert aber als fragile Ballade verklingt … Die expressive Mimik, mit der Gibb all das vorträgt, kann man als Hingabe lesen.

Er selber sagt im MÄNNER-Interview schlicht: „Ich versuche nur die Noten zu treffen.“ Es ist halt nicht alles Absicht, was auffällt. Aber es ist alles Gold, was glänzt. Gibb trägt bei der Show einen schimmernden goldenen Anzug. Total kitschig. Aber todschick.

Ich liege tot im Sarg, und trauere gleichzeitig im Fummel über meiner eigenen Leiche

Unser Gespräch findet ein paar Tage nach dem Konzert im Hinterhof des Schwarzen Cafés in Berlin statt. Es ist Mittag, die Sonne scheint, Joel trägt Jeans, Longsleeve und Basecap. Fotos will er in diesem Outfit nicht machen. Weil er nicht „in der Rolle“ ist. Was auch immer das bedeutet.

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Eine Adventszeit ohne "Last Christmas" - geht das?

Wie facettenreich die Hidden-Cameras-Figur Joel Gibb ist, beantwortet schon die Frage nach der Herkunft des goldenen Anzugs: „Wir haben ihn fürs Video zur nächsten Single ‚Twilight of the Season‘ besorgt. Da spiele ich alle Rollen selbst. Ich nehme mich selbst als Anhalter mit. Ich hebe ein Grab aus und gehe zu meiner eigenen Beerdigung. Ich liege tot im Sarg, und trauere gleichzeitig im Fummel über meiner eigenen Leiche. Total verrückt, aber sehr spaßig.“

Hidden Cameras

Foto: Promo

Justin Trudeau hat die schönsten Augen

Bei Themen wie diesen kommt die schwule Vorliebe für Campness zum Vorschein, die sich bei den Hidden Cameras mit einem gesellschaftskritischen Blick verbindet. Entsprechend differenziert fällt die Antwort auf die Frage aus, was es mit der Idee auf sich hat, dass „Home On Native Land“ ein „Kanada-Album“ sein soll: „Ich wollte eine Platte über meine Wurzeln machen. Das hat aber nichts mit Nationalismus zu tun. Ein Aspekt, den ich an Kanada mag, ist ja gerade, dass die Leute dort normalerweise nicht so nationalistisch sind. Deswegen war ich ganz irritiert, als ich 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver war. Da rannten die Leute überall mit roten Kanada-Handschuhen rum und sahen aus wie durchgeknallte National-Roboter. Aber damals war auch noch Stephen Harper Premierminister, der war ein Albtraum. Inzwischen haben wir Trudeau. Harper hatte tote Augen, Trudeau hat die schönsten Augen. Und er ist der erste kanadische Premierminister, der je in einer Gay-Pride-Parade mitmarschiert ist.“ (und zwar gleich in mehreren – MÄNNER-Archiv)

Neue Lust auf die Heimat

Tatsächlich hätte es das Kanada-Album ohne Trudeau vermutlich nicht gegeben: „Es ist schon bezeichnend, dass ich in der Harper-Zeit die meiste Zeit in Berlin lebte. Aber kaum kam Trudeau ins Amt, hatte ich Lust zurück in mein Heimatland zu gehen und dort eine Platte zu machen.“ Seine Wohnung in Berlin hat Joel trotzdem behalten. Er kennt hier viele Leute. Auch die Freundschaft mit den Pet Shop Boys begann hier. Bei einer frühen Show der Hidden Cameras kam Neil Tennant mit Fotograf Wolfgang Tillmans vorbei. Seitdem ist man im regen Austausch. Nach der Solo-Show schwärmte Tennant von dem goldenen Anzug. Ein Lob, das Joel dazu bewegt, ihn auch auf der Europa-Tour im November zu tragen.

Mehr über Joel Gibb und seine neuste Platte steht in MÄNNER 11.2016

Tourtermine:

22.11. Hamburg

23.11. Wetzlar

25.11. Leipzig

7.12. Berlin

9.12. Augsburg

Es folgen weitere Konzerte in Frankfurt, Köln und München

Titelbild: Jeff Harris


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