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Mäkler vom Dienst

Inkognito zog er durch die Hotels der Welt. Der Schweizer Chris Brügger hatte ständig was zu mäkeln. Fünf Jahre lang arbeitete er als Tester von Luxushotels

Text und Bild: Bruno Bötschi

Er wohnte in hochkarätigen Hotels, genoss vorzügliches Essen, durfte Zimmerservice, Pool, Sauna benutzen und verdiente dabei auch noch Geld. Für die meisten Menschen wäre das ein Traum. „Stopp“, sagt Chris Brügger (50) und korrigiert gleich zu Beginn des Gespräches ein weit verbreitetes Missverständnis: „Viele meinen, als Hoteltester läge man den lieben langen Tag am Pool. Dem ist aber nicht so.“
Tatsächlich endet sein Job meist weit nach Mitternacht und beginnt oft vor 7 Uhr morgens. Mehr als fünf, sechs Stunden Schlaf gibt es während eines Hoteltests selten. Und von wegen faulenzen: Für Brügger wurde sein Zimmer zum Büro. Während eines Tests musste er auf jedes noch so kleines Detail achten und es notieren. Je nach Auftraggeber sind während eines Testaufenthaltes zwischen 750 und 2.250 Fragen zu beantworten beziehungsweise Kriterien abzuarbeiten, zu überprüfen und zu erfassen.

Ich fühlte mich jedenfalls nie als James Bond

Der Job als Hoteltester beginnt schon lange vor dem Einchecken. Konkret: im Moment des ersten Kontaktes mit dem Gasthaus. Wie viele Minuten dauert es, bis die Mail-Reservierungsanfrage beantwortet wird? Wie oft klingelt es, bis ein Mitarbeiter ans Telefon geht? Chris Brügger nahm die Gespräche mit Hotelmitarbeitern meistens mit seinem Handy auf, um sie danach im Zimmer wortgenau in einen Rapport zu tippen.
Klingt wie die Jobbeschreibung eines Geheimagenten. „Aber nur fast“, sagt Brügger und fügt lachend an: „Ich fühlte mich jedenfalls nie als James Bond.“ Gewisse Tätigkeiten seien zwar durchaus mit jenen eines Agentens zu vergleichen. Ein Hoteltester muss sich denn auch so unauffällig wie möglich verhalten, um nicht enttarnt zu werden. Chris Brügger checkte deshalb fast immer unter einem falschen Namen ein. In seinem Beruf sind auch schauspielerische Qualitäten gefragt. In Dubai mimte der schwule Tester mit einer Arbeitskollegin ein Ehepaar, das in den Ferien seinen ersten Hochzeitstag feierte – und zwar mit allem Drum und Dran: Rosenblätter auf dem Bett, Überraschungstorte, Candle-Light-Dinner und so weiter. Küssen inklusive? „Hin und wieder Händchenhalten und sich Zulächeln hat gereicht.“ (Auch ein schöner Traumjob: Biobauer – MÄNNER-Archiv)

 

Ein Hoteltester namens Mystery-Man

Brügger besuchte einst die Hotelfachschule, später arbeitete er in einem Fünfsternehotel in Zürich. Während dieser Zeit besuchten Tester das Haus. Er fand deren Arbeit spannend und weil er sowieso noch etwas von der Welt sehen wollte, fing er kurz darauf bei einer US-amerikanischen Beratungsfirma als Hoteltester, auch Mystery-Man genannt, zu arbeiten an.
Pro Jahr besuchte er rund 40 Hotels. In Businesshotels blieb er eine Nacht, in einem Ferienresort bis zu fünf Nächten. War alles nur schlimm, was er bei den Tests erlebte? „Im Gegenteil: Ich war Hoteltester im Luxussegment. Das heißt, es waren alles Top-Häuser.“ Die Verantwortlichen wollten jedoch sicherstellen, dass die geforderten Standards jederzeit und überall in ihrem Hotel eingehalten werden.

Schlechte Bewertungen verbreiten sich viral sehr schnell

In den letzten Jahren, sagt Brügger, der heute Trainer für Kreativität und Innovation ist und in Zürich die Firma Denkmotor gründete, habe sich in Sachen Qualität in der Hotellerie ohnehin viel getan. Was vor allem dem Internet geschuldet sei. „Wir hatten im Tourismus noch nie Gäste, die so viel Macht haben. Heute können wir bereits während wir im Restaurant sitzen online unsere Meinung sagen. Schlechte Bewertungen verbreiten sich viral sehr schnell.“
Fehler passieren überall – auch in der Luxushotellerie. Auf den Malediven ging er einmal während eines Tauchausflugs verloren. Er hatte einen Fortgeschrittenenkurs gebucht und war allein mit dem Lehrer abgetaucht. Unter Wasser trieb die Strömung die zwei Taucher vom Boot weg. „Als wir wieder auftauchten, sahen wir das Schiff nur noch ganz klein am Horizont.“ Dummerweise hatte der Lehrer keine Rettungsboje dabei …

Wie die Episode ausging, erzählt der Hoteltester in MÄNNER 11.2016

Titelbild: Bruno Bötschi


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